Aachen - Graffiti-Künstler auf der Comiciade: Er sprüht vor Begeisterung

Graffiti-Künstler auf der Comiciade: Er sprüht vor Begeisterung

Von: Robert Baumann
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Hat nicht nur am Verteilerhäuschen der Stawag am Blücherplatz seine Handschrift hinterlassen und damit das Stadtbild Aachens mitgeprägt: Graffiti-Künstler Lars Kesseler. Für die Comiciade – Aachens erstes Comic-Fest mit internationalen Künstlern und Verlegern – bietet der Diplom-Designer Kesseler seit Januar einen Workshop zum Thema „Was hat Graffiti mit Comic zu tun?“ an. Foto: Andreas Herrmann
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Ein „Schmierfink“ im positiven Sinne: Graffiti-Künstler Lars Kesseler sprüht nur noch legal und hat das Stadtbild Aachens mitgeprägt. Foto: Andreas Herrmann
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In Kesselers Graffiti-Workshop lernen die Teilnehmer den richtigen Umgang mit der Sprühdose. Foto: Andreas Herrmann

Aachen . Graffiti ist Lars Kesselers Leidenschaft. Für die Comiciade in Aachen bringt er in einem Workshop Jugendlichen die Kunst des Sprayens näher. Seine illegale Zeit ist lange vorbei.

Gut 2000 Sprühdosen stapeln sich in Lars Kesselers Garage. Alle neu, ungeöffnet und voll. „Wenn das mal in die Luft geht, bleibt von der Garage nicht mehr viel übrig“, scherzt der Graffiti-Künstler. Die Palette an Farben ist gigantisch. Wenn Kesseler loszieht zum Sprühen, dann macht er das mit mindestens 50 Dosen. Die braucht er für alle Farbabstufungen und –verläufe seiner Graffitis.

Früher hat Kesseler noch illegal gesprüht. Und wurde erwischt: Geldstrafe und Sozialstunden. „Es gab damals sogar eine Sonderkommission bei der Polizei. Ich wäre fast ins Gefängnis gegangen, weil man an mir ein Exempel statuieren wollte“, erinnert er sich. Das war 1993, als die ganze Szene in Aachen aufflog. Die Zeiten sind lange vorbei. „Ich kann nicht mehr so schnell weglaufen“, sagt der 42-Jährige, lacht kurz und fügt dann ernsthaft hinzu: „Ich habe eine Freundin und ein Haus und viel mehr zu verlieren als früher. Als Jugendlicher will man einfach seine Grenzen ausloten.“

Mittlerweile hat der Aachener Graffiti-Künstler, der in der Sprayer-Szene besser unter dem Pseudonym „Lake 13“ bekannt ist, ein eigenes Atelier, gibt Kunstunterricht an Hauptschulen und bekommt reihenweise Aufträge von der Stadt, Privatpersonen oder Unternehmen. So hat „Lake 13“ unter anderem am Aachen Fenster gegenüber dem Bahkauv und auf einem Verteilerhäuschen der Stawag am Blücherplatz seine Handschrift hinterlassen. „Lake“ steht für Lars Kesseler, die 13 für seinen Geburtstag: Freitag, der 13. „Für mich ein Glückstag“, sagt er.

Für die Comiciade – Aachens erstes Comic-Fest mit internationalen Künstlern und Verlegern – bietet der Diplom-Designer Kesseler seit Januar einen Workshop zum Thema „Was hat Graffiti mit Comic zu tun?“ an. „Der Übergang zwischen Comic und Graffiti ist schwebend. Beides sind Zeichentechniken, bei denen Buchstaben skizziert und mit Figuren verbunden werden“, erklärt er. „Figürliche Elemente bringen ein Graffiti erst zum Leben.“ In dem fast dreimonatigen Workshop lernen die Teilnehmer Skizzen zu erstellen, sie lernen zeichnen, die Handhabung der Sprühdose und das Übertragen der Skizze auf einen Karton.

Jeden Donnerstag treffen sich die Workshop-Teilnehmer im Ludwig Forum. Kesseler kommt mit seiner ruhigen Art gut an bei den Jugendlichen und gibt immer wieder Tipps. „Graffiti ist etwas Tolles. Die Jugendlichen können sich kreativ ausleben und dadurch ihre Identität finden“, meint Kesseler und greift sich an seinen grau melierten Kinnbart. Ein Großteil seiner Identität prangt als Schriftzug auf seinem T-Shirt: „Schmierfink“ steht da geschrieben. „Die Leute haben früher immer gesagt: Da kommt wieder der Schmierfink“, erklärt Kesseler. Das sei aber keineswegs böse gemeint gewesen, sondern eher anerkennend.

Kesseler sprüht vor Begeisterung, wenn er über seine Leidenschaft Graffiti spricht. „Das ist für mich Erfüllung, Glück und Bestätigung“, beschreibt der „Schmierfink“ seine Gefühle. Kesseler sprüht jeden Tag – ob in Workshops, in Schulen, privat in seinem Atelier oder bei Auftragsarbeiten. Manchmal ist er deswegen ein bisschen kurzatmig. „Ich fühle mich wie ein Raucher“, sagt der Künstler. Das jahrelange Sprayen hat seine Spuren hinterlassen – nicht nur im Stadtbild Aachens. „Das Zeug ist giftig. Ich war nach dem Sprayen schon öfter einen halben Tag lang platt und wollte nur noch ins Bett“, sagt er.

In Aachen gebe es aktuell rund 250 Sprayer, schätzt Kesseler. Die meisten sprühten illegal. Nicht nur wegen des Kicks, sondern auch , weil es einfach keine legalen, für Graffiti freigegebene Flächen in der Stadt gebe. „Die Sprüher fühlen sich in Aachen ausgeschlossen. Ein gesundes Miteinander mit der Stadt wäre wichtig. Die Holländer sind da Vorbild und stellen große Spraywände zur Verfügung“, sagt er.

Wenn Kesseler durch Aachen fährt, kommt er nicht selten an einem seiner Werke vorbei. Dann fällt ihm oft etwas auf, das er hätte besser machen können – einen Schatten, einen Farbübergang. „Es ist ein ewiger Schaffensprozess. In den ersten ein, zwei Monaten nach der Fertigstellung ist man sehr zufrieden, aber dann fällt einem immer mehr auf.“

Auch in seinen eigenen vier Wänden greift Kesseler zur Sprühdose. Tapeten gibt es bei ihm zu Hause kaum. Er hat die Wände selbst mit Graffitis verziert. In jedem Raum ein anderes: die vier Meter breite Skyline Aachens oder eine Comicdarstellung des Schauspielers Hugh Jackman als Wolverine aus dem gleichnamigen Film. „Weil meine Freundin ihn mag“, sagt Kesseler schmunzelnd. Als Kind ist Kesseler einen Schritt weitergegangen. Da hat er sogar seine Zimmertür vollgesprüht.

Die Sprühdosen werden Kesseler in naher Zukunft jedenfalls nicht ausgehen. Dafür hat er vorgesorgt – in seiner Garage. Ein paar von den 2000 Dosen wird der Künstler wohl zur Comiciade am 4. und 5. April mitbringen. Dort können die Besucher dann auch die Ergebnisse seines Workshops „Was hat Graffiti mit Comic zu tun?“ bestaunen.

Mehr Infos im Internet unter www.comiciade.de und www.vandalismdoesntexist.com.

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