Grabmale mit persönlicher Handschrift

Von: Angela Delonge
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Neu im Bestattungsgesetz: Grabsteine dürfen nicht aus Ländern mit Kinderarbeit stammen. Foto: stock/Bernhard Classen

Aachen. Keine Grabsteine aus Kinderarbeit, muslimische Friedhöfe und der Beisetzungsnachweis für Urnen: Das neue Bestattungsgesetz von Nordrhein-Westfalen, das seit 1. Oktober in Kraft ist, bringt einige Neuerungen mit sich, die in erste Linie den gesellschaftlichen Wandel abbilden. Es enthält einige strengere Regelungen – zum Beispiel für die Urnen-Beisetzung, aber auch manche Liberalisierung.

Was müssen Bestatter und Angehörige jetzt beachten?

Die Bestattungsfrist wurde von acht auf zehn Tage angehoben. Neu ist, dass das Ordnungsamt jetzt relativ problemlos eine Verlängerung dieser Frist genehmigen kann. „Das gab es vorher nicht“, sagt Dieter Mirbach, Vorsitzender des Bezirksverbands Aachen der nordrhein-westfälischen Bestatter, „acht Tage galten, Feier- und Sonntage mitgezählt.“ Die Verlängerung richte sich künftig nach dem individuellen Bedarf, zum Beispiel in den Tagen vor Weihnachten oder wenn Angehörige im Urlaub sind. Wie die Ämter damit umgehen, müsse sich aber in der Praxis noch zeigen.

Neuerdings gibt es zeitliche Vorgaben für die Einäscherung. Was bedeutet die Regelung für die Praxis?

Die Einäscherung muss jetzt innerhalb von zehn Tagen stattfinden. Wenn noch eine Trauerfeier mit dem Sarg gewünscht sei, werde es schon schwierig, meint Mirbach. Dann blieben für das Krematorium vielleicht nur noch ein oder zwei Tage Zeit für die Einäscherung. Das könne in der Praxis schwierig werden.

Der Gesetzgeber lässt jetzt auch muslimische Friedhöfe zu. Was ist der Hintergrund?

In NRW leben rund 1,3 Millionen Muslime. Bisher gibt es auf kommunalen Friedhöfen Grabfelder ausschließlich für Muslime. Das neue Gesetz erlaubt die Überlassung ganzer Friedhöfe an Religionsgemeinschaften oder religiöse Vereine ebenso wie die Errichtung neuer Friedhöfe durch diese.

Kritiker sagen, das neue Bestattungsgesetz reglementiere insgesamt das private Umfeld von Trauernden stärker als bisher. Ist das so?

Im neuen Gesetz sieht Dieter Mirbach zwei Trends. Zum einen sei vieles liberaler geworden, zum Beispiel die Möglichkeit, nach 24 Stunden zu bestatten. Das ist vor allem für Juden oder Muslime wichtig, bei denen eine möglichst rasche Bestattung vorgeschrieben ist. Andererseits gelte der Friedhofszwang für Urnenbestattungen weiter.

Warum? Zwei Drittel der Bevölkerung halten den Friedhofszwang für veraltet.

„Der Gesetzgeber möchte, dass die Möglichkeit zur Trauer nicht vom Wohlwollen einzelner, zum Beispiel eines Grundstückeigentümers, abhängt“, sagt Mirbach. Die Trauer auszuleben, indem man an ein Grab herantreten kann, sei ein Grundrecht, das der Gesetzgeber sicherstellen wolle. Damit soll dem Trend entgegengewirkt werden, dass Angehörige die Asche einfach zu Hause behalten. Deshalb müssen Hinterbliebene jetzt auch schriftlich nachweisen, wo die Urne bestattet worden ist. Wird die Asche aber im Ausland, zum Beispiel in den Niederlanden, verstreut, genügt dem Krematorium nach wie vor der Nachweis, dass die Urne ordnungsgemäß am Beisetzungsort angekommen ist.

Wo und wie die Urne beigesetzt wird, kann jeder selbst bestimmen?

Der Friedhofsträger legt per Satzung die Bereiche fest, auf denen bestimmte Beisetzungsformen möglich sind. Dauerhaft öffentlich zugänglich müssen eventuell genehmigte Beisetzungen auf privatem Grund und Boden sein. Laut Mirbach kann die Asche jetzt mit oder ohne Aschengefäß auf einem frei wählbaren, öffentlich zugänglichen Friedhofsbereich beigesetzt werden. Es gibt Bestattungswälder, Seebestattungen und Verstreuungen. Auch dafür sind die Verfahren liberaler geworden, sie müssen nicht mehr von Todes wegen verfügt sondern nur noch schriftlich verfügt sein.

Was ist mit Einäscherungen, die Angehörige jenseits der Grenze zum Beispiel in niederländischen Krematorien vornehmen lassen? Darf man diese Asche zu Hause behalten?

Das wäre illegal. Sobald man mit der Urne die Grenze zur Bundesrepublik passiert, gilt deutsches Recht, das heißt Beisetzungspflicht und der Friedhofszwang.

Alles was ins Grab kommt, muss aus vergänglichem Material sein. Was bedeutet das für Angehörige und Bestatter?

Für Angehörige wird es nun schwieriger, dem Verstorbenen eigene Kleidung anzuziehen. „Einen Anzug oder eine Schützenuniform aus Polyester verbietet das neue Gesetz“, sagt Dieter Mirbach, „hier wird der Wille des Verstorbenen sehr stark beschnitten.“ Allerdings sei für die Verabschiedung am offenen Sarg nach wie vor alles möglich, danach müssten entsprechende Kleidungsstücke aber ausgetauscht werden. Auch andere Grabbeigaben aus nicht vergänglichem Materialien sind nicht mehr erlaubt. Mirbach: „Sollten Kundenwunsch und Gesetz hier nicht übereinstimmen, müssen die Bestatter vermitteln und versuchen, einen Kompromiss zu finden.“

Grabsteine brauchen ab 1. Mai 2015 ein Zertifikat, dass sie nicht aus Ländern mit Kinderarbeit stammen. Wie soll dieser Nachweis geführt werden?

Grabsteine aus Ländern mit Kinderarbeit dürfen künftig nur mit einem Siegel von einer anerkannten Zertifizierungsstelle aufgestellt werden. Jeder Stein aus diesen Betrieben muss mit einem nicht trennbaren Siegel gezeichnet werden. Das Zertifizierungsverfahren muss erst noch etabliert werden. Zuständig dafür ist newtrade nrw, das Büro für nachhaltige Beschaffung. Karl Goffart, der Vorsitzende der Steinmetz- und Steinbildhauer Innung Aachen, sagt dazu: „Ein hochdiffiziler Verwaltungsakt, der für uns Steinmetze in vielen Punkten noch entscheidende offene Fragen hat. Wir Steinmetze wünschen uns von Herzen diese kinderarbeitsfreien Produkte.“

Im Gesetz ist von „Ländern mit schlimmster“ Kinderarbeit die Rede. Diese Formulierung lässt den Schluss zu, dass es auch Länder mit „nicht schlimmer“ Kinderarbeit gibt.

Dazu sagt das NRW-Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter: „Diese Formulierung ist Teil des Titels eines internationalen Abkommens, das im Gesetzestext zitiert wird: ,Übereinkommen Nr. 182 der Internationalen Arbeitsorganisation über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit‘. Es handelt sich hier keineswegs um eine eigene Formulierung des Gesetzgebers.“ In seinen eigenen Mitteilungen verwende das Ministerium die Formulierung „Länder mit Kinderarbeit“.

„Die größte Sorge bereitet uns gar nicht mal die Grabmalherstellung in Asien, sondern die Herstellung von Pflastersteinen“, sagt Karl Goffart. Aber dafür müsste gegen Baumarktketten zu Felde gezogen werden. Der Häuslebauer fragt bei solch unschlagbaren Preisen nicht, wer die Steine denn geschlagen und getragen hat.

Geht es nicht auch ohne Material aus asiatischen Steinbrüchen?

Indien und Vietnam sind gesegnet mit wunderschönen Natursteinen, sagt Karl Goffrat. Aber an dem Beispiel von Rainbow- und Kylltaler-Sandstein, (sehr ähnlich, aber der eine aus Indien, der andere aus Bitburg) lasse sich wunderbar zeigen, dass man nicht unbedingt in die Ferne schweifen muss. Steine aus Deutschland und Europa können auch künftig zertifizierungsfrei verwendet werden, die Grabmale sind schlichter geworden. Außerdem, sagt Goffart, gibt es immer mehr individuelle Ideen, wie man einem Menschen ein würdiges Denkmal setzen könne. Ein Kieselstein aus dem gemeinsamen Urlaub oder die eigene Handschrift auf dem Grabmal zeigen, dass es viel persönlicher auch ohne Asienimporte sein kann und trotzdem nicht teurer werden muss.

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