Gorch Fock: Jenny Bökens Eltern geben nicht auf

Von: wos
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Zweieinhalb Wochen vor der Tod
Zweieinhalb Wochen vor der Todesnacht: Jenny Böken aus Geilenkirchen an Bord der Gorch Fock.

Aachen/Geilenkirchen. Die Aufklärung des Todesfalles Jenny Böken auf dem Segelschulschiff Gorch Fock im September 2008 ist noch nicht vorüber.

Nach Strafanzeigen wegen fahrlässiger Tötung und unterlassener Hilfeleistung der Familie Böcken aus Geilenkirchen-Teveren, dem Heimatort der Seekadettin, gegen den Kapitän des Schiffes, Norbert Schatz, sowie gegen den Schiffsarzt und zwei wachhabende Offiziere an Deck im September 2011 wollte die Kieler Staatsanwaltschaft keine neuen Ermittlungen aufnehmen und endgültig den Aktendeckel in dieser Sache schließen.

Der dortige Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt beschied dies bereits im Oktober 2011, einen Monat nach den Strafanzeigen. Dagegen legte die Familie jetzt mit ihrem Aachener Anwalt Rainer Dietz bei der Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig Beschwerde ein.

Die Tragödie ereignete sich im Spätsommer 2008. Die 18-jährige Jenny Böken kam in der Nacht vom 3. auf den 4. September ums Leben, als die Gorch Fock auf Heimatkurs rund 15 Kilometer vor Norderney segelte. Die Kadettin, die als „Ausguck” an Deck Dienst tat, war nicht gesichert und ging aus ungeklärter Ursache über Bord. Sie verschwand binnen Sekunden im Dunkel der Nordsee, ihre Leiche wurde erst elf Tage später in der Nähe von Helgoland von einem Fischereischutzboot geborgen.

Im Zuge der Anzeigeerstattung kreideten die Eltern Uwe und Marlis Böken den Behörden unter anderem an, die massiven Verletzungen von Dienstvorschriften und Veränderungen in Krankenakten seien nicht ausermittelt worden. Und grundlegend falsch, so der von Anwalt Dietz untermauerte Vorwurf gegen die Offiziere der Gorch Fock, sei der Umgang insbesondere des Schiffsarztes Dr. Wolfgang F. mit der Kadettin gewesen.

Denn durchaus aktenkundig ist nach Dietz Angaben schon damals gewesen, dass die 18-Jährige, die Sanitätsoffizierin werden wollte, sowohl am Tage selbst unter starken Unterleibsbeschwerden wie bereits deslängeren an urplötzlichen Schlafattacken gelitt habe. Doch der Arzt, der Jenny Böken über Tag noch unter Deck in die Koje geschickt habe, habe sie in der Unglücksnacht durchaus Dienst schieben lassen.

Bereits die Musterungsergebnisse von Jenny seien nachträglich abgeändert worden, erklärte Anwalt Dietz gegenüber unserer Zeitung. Lese man die ihm vorliegenden Musterungsbögen genau, könne man schwarz auf weiß feststellen, dass Jenny Böken für diesen Dienst an Bord der Gorch Fock nach den Vorschriften der Bundesmarine gar nicht tauglich war. Es sei schlicht eine Bewertung mit einer Gesundheitsziffer übersehen worden, die zu einer Dienstuntauglichkeit geführt hätte.

So ist im militärärztlichen Untersuchungsbogen der Kadettin Böken unter der laufenden Nummer 34 die Gesundheitsziffer „III 12” angekreuzt. Sie bezeichnet das Vorhandensein psychovegetativ labiler Verfassung, die einer Einmusterung auf der Gorch Fock absolut entgegengestanden hätte.

Der Umstand sei von der Musterungskommission wie vom Schiffsarzt einfach übersehen worden, moniert Dietz, er habe zwingend einen „Verwendungsausschluss für Offiziere im Sanitätsdienst” nach sich ziehen müssen. Denn die im militärischen Untersuchungsbogen erfassten Ergebnisse zur Borddienstverwendbarkeit seien, so der Anwalt, Bestandteil der Krankenakte, die der Bordarzt bei seinen Unterlagen habe. Ein zweites Untauglichkeitsmerkmal sei sogar nachträglich fälschlicherweise abgemildert worden, hat Dietz der Krankenakte entnommen.

Aus der Klassifizierung „III 81”, die auch zur Ausmusterung führt und auf gynäkologische Probleme des jungen Mädchens abzielte, sei nachträglich handschriftlich eine „II 81” gemacht worden, da das Krankheitsbild sich durch die Einnahme eines Kontrazeptivums verbessert habe, wie es hieß. Doch die nahm die junge Frau bereits vorher.
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