Gleitzeit für Oberstufenschüler des Alsdorfer Gymnasiums

Von: Madeleine Gullert
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Sie haben neun Wochen für die Wissenschaft geschlafen: Anna-Luisa Philipp (links) und Selina Huppertz haben ein sogenanntes Actimeter getragen. Das Gerät hat aufgezeichnet, wann die Oberstufenschülerinnen wach waren und wann sie geschlafen haben. Foto: M. Gullert

Alsdorf. Die meisten Oberstufenschüler des Gymnasiums in Alsdorf sind Langschläfer. Und nein, das ist kein Vorurteil gegenüber Teenagern, sondern eine wissenschaftlich fundierte Aussage. Die Schule hat seit Januar an einer bundesweit einmaligen Studie teilgenommen, die jetzt beendet ist. Im Fokus dabei war das Schlafverhalten der Jugendlichen.

Nach neun Wochen können die Münchener Wissenschaftler sagen, dass die Schüler eher Nachtmenschen als Frühaufsteher sind – was übrigens typisch für diese Altersgruppe ist. Und genau aus diesem Grund führt das städtische Gymnasium nun eine Gleitzeit für die Oberstufenschüler ein. Wer will, darf statt zur ersten Stunde um acht auch einfach zur zweiten Stunde um 8.50Uhr kommen.

„Der Stundenplan kollidierte bis jetzt für viele Jugendliche mit ihrer biologischen Veranlagung“, sagt Martin Wüller, stellvertretender Schulleiter in Alsdorf. In der Pubertät verschiebt sich der Biorhythmus und damit die Schlafenszeit nach hinten. Schlafbiologen sagen, dass das spätestens ab dem zwölftenLebensjahr passiert. In der ersten Stunden schlafen die meisten Schüler quasi noch. Sie sind dann nicht aufmerksam, können sich schlecht an das Gelernte erinnern.

Es ist erwiesen, dass Frühaufsteher bessere Schulnoten haben. „Auch für die Entwicklung des Gehirns insgesamt ist zu wenig Schlaf schlecht“, erklärt Eva Winnebeck. Die Chronobiologin der München Uni ist Leiterin der Alsdorfer Studie und Mitarbeiterin des renommierten Forschers Till Roenneberg.

Besonderes Unterrichtskonzept

Seit Jahren fordern Schlafwissenschaftler einen späteren Schulbeginn. Doch zumindest in Deutschland hält man meist am frühen Schulbeginn fest. Dass das Alsdorfer Gymnasium selbst einen Versuch starten wollte, um den Kindern ein besseres Lernen zu ermöglichen, sei ein Glücksfall gewesen, sagt Winnebeck – für die Kinder und die Wissenschaftler.

Dass das Alsdorfer Gymnasium das Projekt Gleitzeit starten konnte, ist auch auf das pädagogische Konzept der Schule zurückzuführen. Die Schule nutzt das sogenannte Dalton-Unterrichtskonzept. Schüler tragen dort Verantwortung für ihr Lernen. In den Dalton-Stunden lernen sie individuell, aber unter Aufsicht von Lehrern. Jeder Schüler muss eine bestimmte Zahl an Stunden absolvieren, die auch abgestempelt werden – wann bleibt aber den Schülern überlassen.

Weil ab der Oberstufe ein Kurssystem gilt, haben Schüler auch mal Freistunden am Tag. Diese helfen bei der Umsetzung des neuen Gleitzeit-Konzepts. Die Oberstufenschüler können ihre Dalton-Stunde in ihre eigentlichen Freistunden legen. Oder aber sie kommen weiterhin um acht Uhr zur ersten Stunde und nutzen diese als Dalton-Stunde. Jeder Schüler hat also die Wahl.

„Mit unserem Unterrichtskonzept verlegt sich das Schulende nicht zurück“, sagt Wüller. Ansonsten hätte es wohl auch nicht so viel Begeisterung für die Idee gegeben. So aber waren Schüler, Elternvertreter und Lehrer gleich überzeugt. Der Stundenplan wurde schnell umgestellt – und all das wurde wissenschaftlich begleitet.

125 der 250 Oberstufenschüler führten vom 10. Januar bis vergangene Woche Schlaftagebuch – drei Wochen vor der Stundenplanumstellung und sechs Wochen danach – 45 von ihnen trugen außerdem ein sogenanntes Actimeter am Handgelenk. Es zeichnet auf, ob der Träger aktiv ist. Genau dieses Actimeter sei aber eine große Hürde gewesen.

Viele Mädchen seien nicht gerade begeistert gewesen, mehrere Wochen mit solch einem Klotz am Arm herumzulaufen, sagt Wüller. „Ich weiß, dass neue Smartwatches schicker sind, aber leider auch wissenschaftlich ungenau“, sagt Winnebeck. Sie ist mit dem Rücklauf zufrieden. Von den 125 Teilnehmern habe die Hälfte bis zum Ende durchgehalten.

„Ziemlich lästig“ ist die häufigste Antwort von Schülern, wenn sie auf das Schlaftagebuch angesprochen werden. Auch Selina Huppertz (15) und Anna-Luisa Philipp (16) sind ganz froh, dass sie ihr Actimeter endlich ablegen können. „Man hat sich dran gewöhnt“, sagt Huppertz über ihre Wochen, in denen sie quasi für die Wissenschaft geschlafen hat.

Philipp ist anhand des Tagebuchs erst aufgefallen, wie wenig sie schläft. Das trifft auf die meisten Teilnehmer zu. Nicht einmal sieben Stunden schliefen die Alsdorfer Schüler im Schnitt, sagt Winnebeck, die diese Woche die ersten Ergebnisse der Untersuchung in Alsdorf vorstellte. Zehn bis zwölf Stunden seien allerdings optimal.

Ob die Schüler dank der Gleitzeit-Möglichkeit mehr geschlafen haben, wird anhand der Datensätze in München untersucht. Am liebsten würde Winnebeck in einem Jahr erneut das Schlafverhalten der Schüler testen, um zu sehen, ob die Gleitzeit langfristig etwas verändert. Fest steht nach einer ersten Auswertung schon, dass die Oberstufenschüler im Schnitt zwei bis drei Mal pro Woche erst zur zweiten Stunde gekommen sind, um länger und mehr schlafen zu können. Auch Huppertz und Philipp haben die Möglichkeit häufig genutzt. „Es ist viel entspannter, wenn man erst gegen neun Uhr in der Schule sein muss“, sagt Huppertz.

Nur sehr wenige Schüler wären immer zur ersten Stunde gekommen. Das lag aber nicht immer daran, dass sie Frühaufsteher sind, sondern auch an ungünstigen Busverbindungen zu der etwas abgelegenen Schule. Für manch einen habe es sich einfach nicht gelohnt, zur zweiten Stunde zu kommen, erklärt Wüllner.

Was der stellvertretende Direktor des Gymnasiums aber auch festgestellt hat und viele Oberstufenschüler im Gespräch berichten: Zu Klausurzeiten hätten die Oberstufenschüler die Stunden in der ersten Stunde und am Tag genutzt. Für Wüllner ein guter Nebeneffekt der Gleitzeit: „Wir sind in der Lage unseren Schülern mehr Stunden anzubieten als ihnen theoretisch zustehen.“ Für seine Schule hat die Gleitzeit nur Vorteile.

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