Geleen - Gibt es bald Herzklappen aus Garnelenabfällen?

Gibt es bald Herzklappen aus Garnelenabfällen?

Von: Rolf Hohl
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Direktor des Aachen-Maastricht-Instituts für biobasierte Materialien, das morgen in Geleen eröffnet wird: Stefan Jockenhövel. Er forscht mit seinem Team an neuartigen Materialien auf der Basis tierischer und pflanzlicher Stoffe.

Geleen. Zusammen forscht man weniger allein – also sind die Universität Maastricht, die RWTH Aachen und das Fraunhofer-Institut aufeinander zugegangen. Getroffen haben sie sich auf halber Strecke im niederländischen Geleen.

Entstanden ist so das Aachen-Maastricht-Institut für biobasierte Materialien (AMIBM), das am Freitag auf dem Brightlands Chemelot Campus in Geleen eröffnet wird. Die neuartigen Kunststoffe, die aus dieser Kooperation heraus entstehen, haben gute Chancen, künftig im menschlichen Körper eingesetzt zu werden.

Die niederländische Provinz Limburg hat manches gemein mit einigen Regionen in Deutschland. Auch sie hatte lange Zeit mit dem Strukturwandel zu kämpfen, nachdem der Kohlebergbau an Bedeutung verloren hatte. Danach entstanden große Standorte für die Petrochemie, doch auch deren Zeit wird womöglich bald abgelaufen sein. „Wir gehen darum jetzt hier mit einem komplett neuen Institut in einen zukunftsweisenden Forschungszweig hinein“, sagt Fabian Langensiepen, Mitarbeiter des AMIBM.

Aus tierischen und pflanzlichen Stoffen, die manche heute noch als Abfall bezeichnen würden, sollen neue Materialien mit verschiedenen Eigenschaften entstehen, die am Ende biologisch abbaubar sind. So lassen sich beispielsweise die Oberflächenbeschaffenheit, die Festigkeit oder die Stabilität verändern und kombinieren. Die Resultate dieser Forschung erstaunen schon jetzt: So arbeiten die Forscher an künstlichen Herzklappen, die teilweise aus dem Material von Garnelenschalen hergestellt werden, um die Resistenz gegen bakterielle Besiedlung zu erhöhen. Ein anderes Beispiel sind etwa biobasierte Kunststoffe für Gardinen, die Staubpartikel aus der Luft filtern können.

In Zukunft, ist Langensiepen überzeugt, werden sich noch viel mehr solcher Anwendungsgebiete finden. „Für Europa ist es sicherlich ein langfristiges Ziel, synthetische Materialien möglichst vollständig durch biobasierte zu ersetzen.“ Um die Grundlage dafür zu schaffen, wurden an dem neuen Institut auf rund 1500 Quadratmetern moderne Labore für 54 Angestellte und fünf Professoren eingerichtet.

Auch eine 20 Meter lange, weltweit einzigartige „Wet-Spinning“-Anlage zur Herstellung von Materialfasern wird dort ihren Betrieb aufnehmen. „Die Dimensionen der Geräte sind zwar größer als in gewöhnlichen Laboren, sie haben aber noch keine industriellen Maßstäbe“, beschreibt der wissenschaftliche Direktor des AMIBM, Stefan Jockenhövel, sein künftiges Arbeitsumfeld. Die Produktionsleistung reiche aber aus, um die Versuchsmaterialien in größeren Mengen produzieren und testen zu können.

Mit Chemikern, Biologen, Ingenieuren und Medizinern aus 16 verschiedenen Ländern wird er an dem neuen Standort an den Materialien der Zukunft geforscht und kann sich dabei auf ein weit geflochtenes Netz aus Kontakten der beiden Universitäten und des Fraunhofer-Instituts stützen. Das ist vor allem für die Ideenfindung im AMIBM entscheidend.

Bezeichnenderweise bezieht das Institut seine Räume zu zwei Teilen in einem modernen Neubau sowie in einem renovierten Gebäudetrakt aus der Zeit der Kohleförderung. Die Erfahrungen der Vergangenheit mit den Visionen der Zukunft zu verbinden ist das, was in Geleen nun geschehen soll. Denn was heute noch Abfall ist, kann die Basis der Hochtechnologie von morgen sein.

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