Gibt es bald eine Liga für Teams mit und ohne Handicap?

Von: Lukas Weinberger
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Wenn es nach dem Fußballverband Mittelrhein geht, könnte es ein solches Bild bald auch auf den Sportplätzen in der Region geben: In der angestrebten Inklusionsliga spielen Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam Fußball. Foto: Carsten Kobow/DFB-Stiftung Sepp Herberger
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Träumen von der Gründung einer inklusiven Liga: Ursula und Klaus Espeter. Foto: Weinberger

Stolberg/Aachen. Es gibt diese ganz besonderen Sätze, die nur gesagt werden, wenn ein großes Ziel dahintersteckt. „Ich habe einen Traum“, das ist so ein Satz, und Ursula Espeter sagt ihn, als sie über eine Inklusionsliga spricht, in der Fußballer mit und ohne Handicap gemeinsam Fußball spielen können.

„Ich habe einen Traum“, sagt sie also und macht erst einmal eine lange Pause. „Ich will endlich eine Spielberechtigung für unsere Teilnehmer in den Händen halten“, sagt sie dann. Pause. „Nur das Gemeinsame ist für mich auch Inklusion.“ Eine Fußball-Liga für Aachen, Düren und Heinsberg, in der Mannschaften mit Spielern mit und ohne Handicap um Punkte wetteifern, das ist Ursula Espeters Traum. Und er könnte sich erfüllen – eigentlich: Das Konzept ist da, aber die Mannschaften fehlen. Und auch die Frage des Bedarfs steht im Raum.

Deutschland, ein Fußball-Land

Espeter hat vor ein paar Jahren mit ihrem Mann Klaus den Verein Tabalingo gegründet, dort treiben gehandicapte und gesunde Menschen gemeinsam Sport. Tanzen, Yoga, Tai-Chi, Voltigieren. Und eben Fußball. Natürlich Fußball. „Deutschland ist ein Fußball-Land“, sagt Espeter. Rund 100 Fußballer sind bei Tabalingo aktiv. Zwei Drittel davon haben ein Handicap, es sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Förderbedarf oder einer körperlichen oder geistigen Behinderung, ein Drittel der Mitspieler sind gesund. Insgesamt gibt es acht Teams bei Tabalingo, trainiert wird ein Mal pro Woche auf den kleinen Kunstrasenplätzen auf dem Privatgelände der Espeters in Stolberg.

Man könnte durchaus schreiben, dass es rund läuft für die Tabalingo-Fußballer, wäre da nicht diese Sache mit der Inklusionsliga. Die ist im Moment nämlich keine Realität, sondern nur eben jener Traum. „Wer Fußball spielt, der will sich auch mit anderen Teams in einer Liga messen können“, sagt Espeter. Training sei nicht alles, das gelte für alle Sportler – ob gehandicapt oder nicht. Tabalingo hat sich 2014 dem Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) angeschlossen, und trotzdem haben die Kicker nur ab und zu ein Freundschaftsspiel oder ein Turnier. Einen geregelten Spielbetrieb, den haben sie nicht. „Dieser Spannungsbogen einer Liga fehlt uns sehr“, sagt Espeter.

Dabei ist das Fundament für eine Spielrunde für Mannschaften wie Tabalingo längst gelegt, der Verband hat mit den Espeters schon im Frühjahr 2014 ein Konzept für die sogenannte „FVM Liga-inklusiv“ erarbeitet, und die Verantwortlichen um Hans-Willy Zolper, Beauftragter für Behindertenfußball im FVM, hatten sogar einen Start der Inklusionsliga für Anfang 2015 ins Auge gefasst. Es sollte ein Pilotprojekt in Aachen, Düren und Heinsberg installiert werden. Geklappt hat das nicht, „wir haben das mangels Masse nicht realisieren können“, sagt Zolper. Tabalingo wollte je zwei Teams in der U 12 und in der U 16 stellen, in der Ü 16 sogar drei, sonst aber hätten sich zu wenig Teams gemeldet, sagt Zolper. Genau genommen: gar keine.

Warum das so ist, ist schwierig festzustellen. Klar ist: Es gibt Fußballer mit Handicap in der Region, und es gibt so viele, dass es zahlreichen Vereinen möglich sein sollte, eine gemischte Mannschaft für die Inklusionsliga zu stellen.

Keine Rückmeldung der Vereine

Es lässt sich aber nicht verschweigen, dass nicht alle Inklusion im Fußball für richtig halten, der Prozess geht nur mühsam voran. Zolper hat jüngst bei einer Befragung die Vereine aus dem Verband darum gebeten, ihm die Zahl der Mitglieder mit Behinderung, die Sportangebote für behinderte Menschen und auch die Zahl der eventuell vorhandenen Mannschaften mit Gehandicapten mitzuteilen. Das Ergebnis war ernüchternd: Nicht, weil es keine Mitglieder mit Handicap in den Klubs gibt, sondern weil der größte Teil der Vereine nicht einmal geantwortet hat. Nur etwas mehr als 50 der insgesamt rund 1000 Vereine im FVM haben den Fragebogen zurückgeschickt, die Hälfte hat angegeben, in irgendeiner Form Kontakt zu Behinderten zu haben.

Zahlen liegen im Dunkeln

Etwa 450 Vereine haben den Fragebogen nicht einmal geöffnet, das kann Zolper nachvollziehen, weil die Befragung über ein spezielles Mail-Postfach des Verbands lief. Dieses negative Bild spiegelt sich auch in der Region wider, aus den Fußballkreisen Düren und Heinsberg haben aber immerhin drei, aus Aachen acht Vereine mitgeteilt, dass sie mit behinderten Menschen zusammenarbeiten oder Interesse daran haben. Weil aber so viele Klubs nicht geantwortet haben, kennt Zolper keine genauen Zahlen. In Kürze soll eine neue Befragung Aufschluss geben.

Dass der Bedarf für eine Liga mit inklusiven Mannschaften aber durchaus vorhanden ist, davon sind die Verantwortlichen trotz der spärlichen Rückmeldungen überzeugt. Zolper sagt, ihn würden regelmäßig Anrufe von Eltern erreichen, die sich gezielt nach inklusiven Fußballangeboten für ihre gehandicapten Kinder erkundigen würden. Und für die Notwendigkeit spreche auch, dass im Fußballverband Niederrhein ein ähnliches Projekt erfolgreich läuft.

„Ein Pool für alle“

In der Region gibt es schon länger ein paar Vereine, die Mannschaften haben, in denen ausschließlich Behinderte Fußball spielen, und die Sportler auf diesem Weg erfolgreich ins Vereinsleben eingebunden haben, der TuS Jüngersdorf-Stütgerloch ist so ein Beispiel, oder Concordia Birgelen in Kooperation mit Rheinland Dremmen. Es werden auch Meisterschaften für reine Behinderten-Teams aus Werkstätten oder ähnlichen Einrichtungen ausgerichtet, „und so etwas soll die Inklusionsliga auch gar nicht verdrängen“, sagt Zolper. Genauso wenig solle sie verhindern, dass sich gehandicapte Fußballer in Mannschaften eingliedern, in denen sonst nur gesunde Fußballer spielen. „Die Inklusionsliga soll eine Ergänzung sein“, sagt Zolper. „Ein Pool für alle.“

Bei der „FVM Liga-inklusiv“ geht es schließlich auch um Sportler ohne Handicap. „Wo sind denn die Menschen, die gerne Fußball spielen wollen, ihr Leistungsniveau aber nicht für den normalen Spielbetrieb ausreicht?“, fragt Espeter. Weil sie nicht gut genug sind, weil sie zu wenig Zeit zum Trainieren haben, weil sie nicht immer Lust auf Fußball haben. „In einer inklusiven Mannschaft könnten diese Spieler mitmachen“, sagt Espeter. „Sie werden da abgeholt, wo sie sind oder sein wollen“, und da gebe es durchaus Überschneidungen zwischen Gehandicapten und Gesunden.

Die Vorsitzenden der Fußballkreise Aachen, Düren und Heinsberg wissen laut Zolper seit dem Entwurf des Grundkonzepts von der Inklusionsliga. Der Behindertenbeauftragte hofft weiterhin, dass sie bei den Vereinen „missionarisch tätig“ werden, so sagt er das. Laut den Vorsitzenden würden die Rückmeldungen der Vereine aber nicht auf großes Interesse an einer solchen Liga hindeuten – unter anderem weil der Aufwand zu groß sei.

Zolper weiß, dass der Spielbetrieb Verpflichtungen mit sich bringt, ihm ist bewusst, dass es Vereine gibt, die das nicht stemmen können. „Es muss ja auch nicht jeder Klub ein inklusives Team aus dem Boden stampfen“, sagt er. „Aber es gibt definitiv Vereine, die die Möglichkeiten dazu haben – sowohl vom Personal als auch von der Infrastruktur her.“

Ursula Espeter findet, der Verband habe mit dem Entwurf des Grundkonzeptes der Liga sehr gute Vorarbeit geleistet. Die Idee müsste nur mit Leben gefüllt werden – auch von Eltern gehandicpater Kinder, die gezielt an Vereine herantreten müssten. Sie und ihr Mann würden den Klubs dann unter die Arme greifen wollen. „Dass wir bei diesem Projekt einen langen Atem brauchen, war uns von Anfang an klar“, sagt Espeter. Sie ist diese Woche auf drei Jugendleiterversammlungen zu Gast, um das Liga-Konzept vorzustellen, und sie wird auch danach weitermachen, weil sie überzeugt ist, dass eine Inklusionsliga einen Mehrwert hat – für alle Beteiligten. „Aufgegeben habe ich meinen Traum noch lange nicht.“

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