Gewagtes Experiment: Mit Burka durch Eupen

Von: Laura Beemelmanns
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Verschleiert durch Eupen: Die Journalistin Nathalie Wimmer startete einen Selbstversuch und spazierte mit Burka durch Eupen, obwohl dies in Belgien seit 2011 verboten ist. Foto: David Hagemann/Grenzecho
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Nathalie Wimmer war völlig verschleiert und hatte nur ein begrenztes Sichtfeld. Foto: David Hagemann/Grenzecho
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Mit und ohne Burka: Nathalie Wimmer. Foto: lbe

Eupen. Es gibt wenige Kleidungsstücke, die so kontrovers diskutiert werden wie die Burka. Sie ist weit mehr als ein einfaches Stück Stoff, das der vollständigen Verschleierung des Körpers dient. Sie teilt Kulturen und Religionen wie kein anderes. Und sie ruft Reaktionen und Gefühle hervor – fast immer und das auf beiden Seiten: vor und hinter der Burka.

Diese Erfahrung hat Nathalie Wimmer (34) gemacht – bei einem Selbstversuch in Eupen, Belgien, wo die Burka seit Juli 2011 verboten ist. Seither werden dort bei einem Verstoß 137,50 Euro fällig.

Bewusster Gesetzesverstoß

Wimmer hat es darauf angelegt und ganz bewusst gegen das Gesetz verstoßen. Sie ist seit 2008 Redakteurin beim „Grenzecho“ in Eupen und ging ganz unbedarft an den Selbstversuch heran. Es war eine spontane Idee, nicht mehr und nicht weniger. Sie kaufte eine Burka, streifte sie über und spazierte für rund drei Stunden durch Eupens Innenstadt.

Im Rahmen der Serie „Miteinander leben – Migration und Integration in Ostbelgien“ wagte sie einen Blick auf die andere Seite. Sie verbrachte 24 Stunden in einem Asylbewerberheim – und eben einen Vormittag in Eupen, verhüllt durch eine Burka.

Das liegt nun einen Monat zurück. Und: „Es gab ziemlich viel Wirbel in Ostbelgien, nachdem der Artikel erschienen ist“, sagt Nathalie Wimmer. Leserbriefe, Mails, Kommentare im Internet – und auch auf der Straße wird sie angesprochen. „Es waren nicht unbedingt Reaktionen auf den Artikel, sondern er war eher Auslöser für eine erneute Diskussion zum Thema Islam insgesamt“, vermutet Wimmer.

In Deutschland hat sich als erster führender Politiker der Vorsitzende der SPD-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen und MdB Axel Schäfer im Jahr 2011 für ein Burkaverbot stark gemacht. „Die Verschleierung des ganzen Körpers ist kein religiöses Zeichen, sondern ein Symbol der Unterdrückung der Frauen.“ Schäfer begrüßte damals die nahezu einstimmige Entscheidung des Unterhauses des belgischen Parlaments gegen eine Vollverschleierung wie Burka und Nikab im öffentlichen Leben. Danach verstummte die Debatte jedoch. „Aktuell wird das Verbot öffentlich nicht mehr diskutiert“, sagt Schäfer auf Anfrage unserer Zeitung.

Wimmer wollte selbst wissen, warum das Thema Burka so brisant ist. „Ich habe mich gefragt, wie man sich überhaupt unter einer Burka fühlt“, sagt sie, und hat einfach eine im Internet bestellt. Für 60 Euro erwarb sie ein grünes Modell. Das Sichtfenster der Burka betrug zehn mal sieben Zentimeter, der Stoff war synthetisch. Es war heiß, fast unerträglich. Der Stoff am Mund wurde feucht von Wimmers Atem und klebte an ihrer Haut. Selbst die Beinfreiheit war eingeschränkt, so sehr schmiegte sich die Burka an ihren Körper. Unter dem großen grünen Stück Stoff steckte eine moderne, westlich gekleidete Frau, die ein T-Shirt und einen Jeansrock trug. Nur war das für niemanden sichtbar.

Da die Burka asymmetrisch geschnitten war und vorne nur bis zu den Handgelenken reichte, musste sie ein Unterkleid anziehen – hinzu kamen Strümpfe und flache Schuhe. Dann ging sie los, spazierte durch Eupen, kaufte ein. Ein Tag wie jeder andere. Von wegen! „Ich fühlte mich, als habe ich etwas Schlimmes verbrochen“, sagt Wimmer. Viele Menschen begegneten ihr mit Unfreundlichkeit und reagierten zum Teil boshaft. „Unmöglich!“, „Katastrophe!“ oder „Geh’ nach Hause“ zischten sie im Vorbeigehen. Die Beschimpfungen trafen Wimmer hart.

Sie sagt heute, dass sie sehr naiv an die Sache rangegangen ist. Der Fotograf, der sie in einigen Metern Entfernung begleitete, hatte Angst um sie. Er rechnete damit, dass die Passanten auch handgreiflich werden könnten – das passierte allerdings nicht. „Er sagte mir im Nachhinein, dass seine Hände feucht waren und er mich ganz genau im Blick hatte“, sagt Wimmer. Sie selbst hatte keine Angst, fühlte sich nur unwohl und abgeschottet. Sie wollte abtauchen, aber zog gleichzeitig alle Blicke auf sich. „Die Blicke sind sehr verletzend“, sagt sie. Ihre Blicke sah niemand.

Es gab viele negative Reaktionen auf ihre Erscheinung. Und auch von der Polizei blieb die Aktion nicht unbemerkt. Sie hielten Wimmer nach rund drei Stunden an. Kurzerhand outete sie sich, klärte den Selbstversuch auf. Nach einigen wenigen Schritten sollte sie ihren Versuch dann beenden. Eine Geldstrafe musste sie nicht zahlen.

„Es gab nur eine positive Reaktion“, berichtet Wimmer. Ganz unverhofft wurde sie von einem Familienvater gegrüßt – die für Wimmer überraschende Ausnahme an diesem Tag.

„Das ist Teil unserer Gesellschaft, dass wir uns in die Augen sehen können. Wenn das nicht möglich ist, ist es für einige irritierend und beängstigend. Man denkt gleich, dass die Frauen etwas unter der Burka verstecken“, sagt Wimmer. Das ist auch das Problem: Die Burka entspricht schlichtweg nicht unserer Kultur. „In Afghanistan ist so eine Burka sicher kein Blickfang, hier aber schon“, sagt Wimmer.

Inzwischen hängt die Burka in Wimmers Schrank. Dort wird sie wohl auch bleiben. Mit ihrem Selbstversuch wollte sie nicht etwa provozieren, auch wenn sie das durchaus getan hat, sie wollte die Diskussion neu anregen. Das ist ihr offenbar gelungen.

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