Düren - Gespenstische Ruhe auf der stillgelegten A4-Trasse

Gespenstische Ruhe auf der stillgelegten A4-Trasse

Von: Patrick Nowicki und Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
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Im Osten ensteht die neue Autobahn-Anschlussstelle Elsdorf, die unmittelbar in die neue Bundesstraße 477 einmündet. Foto: Patrick Nowicki
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Bilder der ehemaligen Autobahn 4 zwischen Düren und Kerpen: Auch das Mobilar der Parkplätze wurde schon größtenteils abgebaut. Foto: Patrick Nowicki
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Bilder der ehemaligen Autobahn 4 zwischen Düren und Kerpen: Derzeit baut Straßen NRW den westlichen Lärmschutz aus. Foto: Patrick Nowicki
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Um den Tagebau Hambach wird eine aufwändige Versorgungstrasse gelegt. Foto: Patrick Nowicki

Düren. Die verbliebenen Hinweisschilder am Straßenrand lassen ahnen, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Werkstraße handelt. Vor wenigen Monaten brausten schließlich dort noch über 70.000 Fahrzeuge täglich über den Asphalt. Inzwischen herrscht auf dem alten Streckenabschnitt der Autobahn 4 zwischen Düren und dem Kreuz Kerpen eine befremdliche Leere.

Erst langsam und in mehreren Schritten wird die ehemalige Hauptverkehrsader in den Westen der Bundesrepublik zurückgebaut. In der Ferne hört man das Rauschen des Verkehrs auf dem neuen Autobahnabschnitt, der im September des vergangenen Jahres eröffnet wurde. Auf der anderen Seite nähern sich schon die riesigen bis zu 96 Meter hohen Bagger des Tagebaus Hambach.

Sicherheitsfirmen patrouillieren

Die etwa zwölf Kilometer lange vierspurige Straße durch den Hambacher Forst ist gesperrt und nicht mehr frei zugänglich. Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma kontrollieren, dass keine Unbefugten aufs Gelände gelangen. Wer von der Straße in den Tagebau fahren möchte, muss durch eine Sicherheitsschleuse.

Dennoch erhält die RWE Power AG häufig Anfragen von Filmgesellschaften und Rennteams, die die Strecke für Aufnahmen und Tests nutzen wollen. Sie alle erhalten eine Absage. „Wir könnten dies nicht verantworten. Die Strecke wird nicht mehr gewartet, außerdem beginnen wir jetzt mit dem Rückbau“, sagt RWE-Sprecher André Bauguitte. Auch versicherungstechnische Fragen wären ungeklärt.

Allzu lange wird ohnehin nicht mehr die Gelegenheit bestehen, die Strecke zu nutzen. An den beiden Enden, wo die alte und neue Strecke aufeinandertreffen, hat der Landesbetrieb Straßen NRW ganze Arbeit geleistet. Die ehemalige Autobahntrasse wurde bereits zerkleinert und abtransportiert.

Während am westlichen Endpunkt die letzten Lärm- und Sichtschutzelemente an der neuen A4 installiert werden, entsteht im Osten die neue Autobahn-Anschlussstelle Elsdorf, die unmittelbar in die neue Bundesstraße 477 zwischen Blatzheim und Heppendorf einmündet. Der Landesbetrieb will die Arbeiten noch in diesem Jahr abschließen.

Der RWE-Konzern zeichnet für den Rückbau in dem Bereich verantwortlich, der einmal als Tagebau genutzt wird. Schon jetzt sind die riesigen Schaufelräder der Bagger von der alten Strecke aus zu sehen. Ihnen müssen nicht nur die insgesamt 250.000 Quadratmeter Asphalt im Laufe der nächsten Jahre weichen.

Auch der Hambacher Forst und die beiden Orte Morschenich und Manheim sind betroffen. Der BUND und drei Privatkläger scheiterten vor dem Bundesverfassungsgericht mit der Klage gegen die Autobahnverlegung, erreichten aber, dass viel Geld in Naturprojekte und Lärmschutz gesteckt wurde.

Technisch ist der Rückbau eine große Herausforderung, der sich RWE und der Landesbetrieb Straßen NRW stellen müssen. Ein klarer Zeitplan gibt vor, wann welcher Abschnitt freigeräumt wird. Aber der Rückbau ist von zahlreichen Unbekannten begleitet. So wissen die Experten nicht, welche Materialien sich in der Fahrbahndecke der in den 50er Jahren gebauten Trasse befinden.

Zu diesem Zeitpunkt galten keine klaren Vorschriften, welche Stoffe beim Straßenbau verwandt werden dürfen. Unter anderem war es üblich, teerhaltige Produkte einzubauen – das ist heute untersagt. Dennoch: „Wir planen, einen Großteil wiederzuverwerten“, erläutert Michael Luchtenberg, der im Tagebau Hambach die Verkehrsprojekte leitet. 200 Proben werden auf der gesamten Strecke genommen, damit die einzelnen Schichten untersucht und bestimmt werden können. Was man nicht recyceln kann, muss in eine Deponie gebracht werden.

Da die Dicke der ehemaligen Autobahnfahrbahn mit Unterbau zwischen 50 Zentimeter und einem Meter schwankt, kann man nur schätzen, wie viel Material letztlich abgetragen werden muss. Beim RWE-Konzern geht man von bis zu 500000 Tonnen Material aus – also über 16000 Lkw-Ladungen. Auch dieser enorme logistische Aufwand führt dazu, dass man in mehreren Abschnitten zurückbaut. Einige Straßen und Brücken sollen lange erhalten bleiben, um sie für den Werksverkehr zu nutzen.

Parallel wird das Fortschreiten des Tagebaus Hambach vorbereitet. Er wird von einer ringartigen Versorgungstrasse umgeben, die bereits installiert wird. Am Tagebaurand werden auch Brunnen entstehen: Die Bohrungen hierfür sind deutlich aufwendiger als in der Fahrbahndecke. Bis zu 800 Meter tief schrauben sich die großen Gestänge in die Erde und liefern eine detaillierte Übersicht der jeweiligen Gesteinsschichten.

„Natürlich bestehen geologische Querschnitte, aber sie sind nicht so genau wie eine Bohrprobe“, sagt André Bauguitte. Die zehn Brückenbauwerke auf dem von RWE erworbenen Abschnitt sollen hingegen so lange wie möglich bestehen bleiben. Deren Abriss geht schnell vonstatten. Für die alte Autobahnbrücke der Kreisstraße 16 benötigte Straßen NRW ganze zwei Tage, um sie dem Erdboden gleichzumachen.

120 Millionen Euro für Aufträge

Wie viel Aufwand betrieben wird, um den Tagebau Hambach südöstlich zu erweitern, zeigte die Verlegung der Hambachbahn, der Werksbahn am Tagebau. Die Gleisstrecke führt nun parallel zur neuen Autobahn 4 und umfährt das geplante Tagebauloch vollständig. 17 Brückenbauwerke mussten eigens dafür errichtet werden. Der Energiekonzern selbst spricht von Aufträgen in Höhe von 120 Millionen Euro, die beim Bau der neuen Hambachbahn an Fremdfirmen vergeben wurden. Die alte Bahnstrecke wurde im Jahr 1984 in Betrieb genommen.

Der Energiekonzern versucht, im Hambacher Forst zur Tagesordnung überzugehen. Doch an vielen Stellen spürt man, dass die massiven Proteste von Naturschützern und Anwohnern ihre Spuren hinterlassen haben. Viele RWE-Mitarbeiter, aber auch Fremdfirmen, die im Auftrag des Energie-konzerns im und am Tagebau Hambach arbeiten, sind verunsichert.

Erst vor wenigen Tagen kam es wieder zu einem Vorfall an der neuen Trasse der Hambachbahn: Unbekannte beschmierten einen Bagger der Dürener Rohrleitungsbau GmbH mit Parolen wie „RWE entmachten“ und setzten eine andere Baumaschine in Brand. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirmen halten deswegen besonders aufmerksam die Augen auf und kontrollieren die Zugänge. Die alte A4 ist jetzt Werksgelände.

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