Region - „Geschichtsverein 2.0“: Historienfans in Facebook-Gruppen

„Geschichtsverein 2.0“: Historienfans in Facebook-Gruppen

Von: Naima Wolfsberger
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Pulverturm-Panorama: Blick über das Aachener Westviertel etwa 1916. Der Flötenspieler wurde um 1920 erstellt.

Region. An der Schmiedstraße in der Aachener Altstadt sind viele Häuser mit eingelassenen Figuren versehen. Wo sich die meisten Passanten lediglich über die schöne Aachener Altstadt freuen, da sieht Andreas Vorbrink ein Wahrzeichen der Stadtgeschichte: „Viele der Figuren an den Häusern in der Aachener Innenstadt haben früher den Status ihrer Bewohner ausgedrückt.“

Die Bedeutung der sogenannten Hauszeichen beschrieb „etwa die Zugehörigkeit zu einer Zunft und wurde vom Haus auf seinen Besitzer übertragen“.

Wie in der Schmiedstraße geht es dem 43-Jährigen fast überall in der Kaiserstadt. Vorbrink ist historisch nicht nur interessiert – er ist begeistert. Deshalb betreibt er auf Facebook eine Gruppe, die man vielleicht als „Geschichtsverein 2.0“ bezeichnen könnte. Das Besondere daran: Jung und Alt treffen hier aufeinander. 20-Jährige teilen Bilder, kommentieren und diskutieren mit bis zu 88-Jährigen, und alle gemeinsam sind auf der Suche nach einem möglichst geschlossenen und lebensnahen Bild der Vergangenheit – und auch der Gegenwart.

Geschichte kann Hobby und Interesse für jedes Alter sein. „Geschichtsvereine sind aber eher selten Anlaufstellen für junge Menschen“, sagt Vorbrink, „streng genommen sind wir auch kein Verein. Eher eine Gemeinschaft.“ Die soziale Plattform hat es ihm möglich gemacht, seiner Leidenschaft zu frönen: Die mehr als 1000 Mitglieder fachsimpeln aktiv mit ihm. Kein Foto bleibt unkommentiert, Fragen versuchen sie gemeinsam zu beantworten.

Dabei kommt Vorbrink gar nicht aus Aachen. Er ist in Rheine bei Münster aufgewachsen und erst mit 19 Jahren für das Architekturstudium hierher gezogen. „Ich war damals noch total jung und hatte keine Ahnung von der Großstadt. Aachen, das war für mich die große weite Welt.“ Vorbrink lächelt bei der Erinnerung daran. Inzwischen hat er mehr von der Welt gesehen, er hat zwei Jahre in Berlin gelebt, eine Zeit lang in Abu Dhabi gearbeitet, ist gereist – „aber hier fühle ich mich zu Hause. Deshalb bin ich zurückgekommen und geblieben.“

Was die „Aachen History“-Gruppe auf Facebook ausmacht, ist, „dass es nur ums Thema geht! Keine Ablenkungen durch politische Diskussionen, Werbung oder Beschimpfungen.“ Das ist Vorbrink sehr wichtig. Nichts soll von der Liebe zur historischen Erkundung der Stadt ablenken. Und schon gar nicht Menschen, die mit rechten oder provozierenden Kommentaren versuchen, ganze Seiten und Gruppen zu unterwandern. Keine leichte Aufgabe im „World Wide Web“.

Vor etwa einem Jahr musste er die Gruppe auf „geheim“ stellen. Seitdem sind die Geschichtsliebhaber in dem sozialen Netzwerk nicht mehr zu finden. Über Freunde oder eine Facebook-Nachricht an Vorbrink können Interessierte der Gruppe aber ohne weiteres beitreten – einfach in der Nachricht „Aachen History“ schreiben. Einziges Kriterium: Das Thema der Gruppe bleibt Geschichte. Hasskommentare und undurchsichtige Werbeangebote sind seltener geworden und werden von Vorbrink regelmäßig gelöscht.

Gruppen wie „Aachen History“ gibt es fast überall in der Region – von Düren bis nach Eupen. Historische Bilder aus Privathaushalten werden geteilt, und oftmals wird auch gemeinsam rekonstruiert, wo und wann sie aufgenommen wurden. „Durch die vielen Mitglieder ergibt sich eine Art Schwarmintelligenz“, sagt Vorbrink. Jeder Einzelne weiß vielleicht nicht so viel. Wenn aber viele an einem Ort aufeinandertreffen, tragen sie oft sehr viele Informationen zusammen. So ergibt sich ein großes Ganzes. Und das klappe in Facebook-Gruppen ziemlich gut.

„Weil jeder ohne großen Zeitaufwand mitmachen kann“, sagt Vorbrink und freut sich, dass so viele Menschen aus seiner Gruppe Zeit investieren, um viel Wissen zusammenzutragen, und so oft erstaunliche Ergebnisse zutage fördern. Eine Grauzone gibt es aber doch, wenn freimütig Bilder oder Karten geteilt werden. „Viele der Verlage gibt es heute nicht mehr. Es ist dann nicht so leicht herauszufinden, wie es um die Urheberrechte steht“, gibt der Architekt zu. Das zu lösen, daran arbeite er noch.

Nicht alle geschichtlichen Gruppen in der Region werden so strikt gehandhabt wie die, um die sich Andreas Vorbrink kümmert. Aber die meisten sind „geschlossen“, das heißt, dass eine Beitrittsanfrage gestellt werden muss. Der Administrator der Seite überprüft dann oberflächlich das persönliche Facebook-Profil.

Für Stolberg gibt es eine geschlossene Gruppe, mit deren Betreiber Christian Altena Vorbrink auch zusammenarbeitet. Altena ist Leiter des Stadtarchivs in Stolberg und betreut die Gruppe „Historia Stolbergiensis“ ähnlich aufmerksam wie Vorbrink die Aachener. Für Düren und für das belgische Eupen gibt es Gruppen, in denen auch Wert auf den historischen Schwerpunkt gelegt wird. Das Damals und das Heute in direkter Gegenüberstellung, das beschäftigt viele Menschen in den Kommunen rund um Aachen.

Die Masse der Menschen, die in diesen Facebook-Gruppen zusammenkommen, hat auch noch andere Vorteile. „Wir veranstalten immer wieder Treffen, bei denen wir Einblicke in besondere Bereiche bekommen“, sagt Vorbrink und lächelt stolz, denn er und einige Nutzer der History-Seite durften beispielsweise einen exklusiven Blick hinter die Kulissen im Aachener Theater werfen und auch eine Aufführung von dort aus verfolgen.

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