Geschichte des Down-Syndroms ist voller Kraft und Inspiration

Von: Andrea Zuleger
Letzte Aktualisierung:
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Ein Foto aus einer „Ohrenkuss“-Ausgabe – einer Zeitung von Menschen mit Down-Syndrom. In dieser Ausgabe von 2013 ging es um das Thema „Superkräfte“. Das Bild hängt in der Ausstellung. Foto: Martin Langhorst
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Bemalt wie ein Krieger. Auch bei diesem Foto ging es um das Thema „Superkräfte“ für eine Ausgabe der „Ohrenkuss“-Zeitung. Foto: Martin Langhorst
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Das sind die sieben Astronauten, die auf der Erde erforschen, wie es ihren Vorfahren in den vergangenen 5000 Jahren ergangen ist. Die wandgroßen Illustrationen stammen von dem Comiczeichner Vincent Burmeister. Copyright: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
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Ein Foto aus einer „Ohrenkuss“-Ausgabe – einer Zeitung von Menschen mit Down-Syndrom. In dieser Ausgabe von 2013 ging es um das Thema „Superkräfte“. Das Bild hängt in der Ausstellung. Foto: Martin Langhorst

Bonn. Auf dem Dach der Bundeskunsthalle landet heute ein Raumschiff. Darin sind sieben Astronauten der „Second Mission“. Sie wollen schauen, wie es den Mitgliedern der „First Mission“ ergangen ist, die vor 5000 Jahren auf der Erde angekommen sind. Die Astronauten, die dort landen, kommen wie ihre Vorfahren vom Planeten „Kumusi“, auf dem alle Bewohner das Down-Syndrom haben.

Das ist die Rahmenhandlung für eine fantastische Erkundungsschau in der Bundeskunsthalle. „Touchdown“ ist nach Angaben der Ausstellungsleiterin Henriette Pleiger die bundesweit erste Ausstellung, die sich ausführlich mit der Geschichte des Down-Syndroms beschäftigt. Sie zeigt Exponate aus der Medizin, der Genetik, der Kunst und der Geschichte.

Wer jetzt Angst vor schwerer Kost und einem pädagogischen erhobenen Zeigefinger hat, kann beruhigt werden. Die Ausstellungsmacher nähern sich dem Thema – bis auf wenige Ausnahmen – auf eine wunderbar witzige, kreative und durchaus unterhaltsame Art, ohne jedoch zu verniedlichen oder zu banalisieren.

Und das liegt daran, dass viele verschiedene Menschen beteiligt waren. Menschen mit und ohne Down-Syndrom, Forscher von der Forschungsgruppe „Touchdown21“, Kunsthistoriker und Künstler haben die Ausstellung konzipiert und die Kunstwerke, Alltagsgegenstände, Fotografien und Skulpturen zusammengetragen.

Der Comiczeichner Vincent Burmeister zum Beispiel: Er hat nach mehreren inspirierenden Treffen mit Menschen mit Down-Syndrom (sie sind in der Ausstellung jene landenden Astronauten) die fantastische Geschichte zur Landung der „Second Mission“ erfunden und umgesetzt. Seine wandgroßen Comic-Illustrationen führen in jede der sieben Ausstellungsstationen ein.

Von der Liebe

Die Landung der Mission beginnt im Hier und Jetzt: Es geht um Popkultur, um Liebe, Musik – schlicht um die Themen der Identitätsfindung. Und die ist bei Menschen mit Down-Syndrom nicht weniger komplex als bei anderen. Ein Hochzeitsanzug und ein Hochzeitskleid, gefertigt von zwei unterschiedlichen Künstlern, erzählen von der Sehnsucht nach Liebe, Eheleben und Familienglück; eine poppige Jeansjacke vom Ausdruck der Persönlichkeit durch Mode.

„Mode ist für diese Menschen auch wichtig. Aber es ist bis heute noch oft so, dass die erwachsenen Kinder mit Down-Syndrom die gleichen beigen Popelinejacken tragen wie ihre Eltern, einfach weil es ihnen nie erlaubt wurde, ihre Persönlichkeit zu entwickeln“, erzählt Henriette Pleiger.

Von ganz alltäglichen Dingen berichten die Gegenstände in den Vitrinen. In diese haben Menschen mit Down-Syndrom Gegenstände gelegt, die ihnen besonders am Herzen liegen: eine Uhr (die Zeit zu wissen, ist wichtig, weil das Zeitempfinden oft ein anderes ist), ein Radio für den Lieblingssender oder das Innenleben eines Toilettenspülkastens (die baut der Mensch beruflich zusammen).

Julia Bertmann, die im Beirat für die Ausstellung saß und selbst das Down-Syndrom hat (siehe Interview), hat ein paar Scheiben Schinkenwurst (aus Plastik) beigesteuert. Sie stehen für sie symbolisch für das ewig Kindliche. Mit 35 Jahren wurde sie in dem Supermarkt, in dem sie weiterhin einkauft, geduzt, die Frau an der Fleischtheke bot ihr immer noch eine Scheibe Wurst an.

„Ich sage dann: ‚Nein, danke. Sie können mich siezen‘“, steht im Text neben dem Ausstellungsstück als Kommentar von Julia Bertmann. Die Ausstellung „Touchdown“ erzählt mit diesen Gegenständen auch eine Geschichte der Emanzipation, die noch immer andauert und die vor langer Zeit begonnen hat, denn wichtig ist den Ausstellungsmachern, dass Menschen erkennen, wie vielschichtig das Down-Syndrom ist, „und dass es bei aller Andersartigkeit doch sehr vieles gibt, das gleich ist bei Menschen mit und ohne Down-Syndrom“, sagt Henriette Pleiger.

Wie die Astronauten vom Planeten Kumusi die Erde erforschen, so müssten sich auch die verschiedenen Arten Menschen, ob mit 46 oder 47 Chromosomen, auf der Erde begegnen: mit Neugier und Offenheit.

Dabei ist die ästhetische Qualität der Kunstwerke selbsterklärend: die farbigen Gemälde des Belgiers Patrick Hanocq zum Beispiel oder die Arbeiten der 2005 verstorbenen amerikanischen Künstlerin Judith Scott. Sie baute Skulpturen aus Gegenständen, die sie so lange mit Wolle und Fäden umwickelte, bis manche groß wie riesige Bälle wurden. Judith Scott hat auf diese Art Dinge, die ihr besonders am Herzen lagen, wie Schätze verpackt.

Dunkle Zeiten

Aber natürlich gibt es auch dunklere Kapitel in der Geschichte des Down-Syndroms zu erzählen. In der Station „Die Auslöschung“ sehen sich die sieben Astronauten mit der gezielten Tötung ihrer Vorfahren konfrontiert. Die Geschichte über den Umgang der Nazis mit Menschen mit Down-Syndrom ist die einzige wirklich schwer erträgliche Station.

An der letzten Station mündet alles Gesehene in die entscheidende Frage an die „Second Mission“. Gehen oder bleiben? Die Astronauten haben das Leben auf der Erde kennengelernt und überlegen, ob sie mit all dem Erforschten wieder ihr Raumschiff besteigen oder auf der Erde bleiben wollen. Was sie tun, bleibt offen.

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