Aachen - Geschenke: Zwischen Kaufrausch und Zuneigung

Geschenke: Zwischen Kaufrausch und Zuneigung

Letzte Aktualisierung:
13456130.jpg
▶ Simone Paganini ist Italiener. Er wurde 1972 in Busto Arsizio bei Mailand geboren. Er hat in Florenz, Rom und Innsbruck Katholische Theologie und Philosophie studiert. Seit 2013 ist er Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen. Er hat zahlreiche Bücher und Fachartikel verfasst. Paganini ist mit der Philosophin Claudia Paganini verheiratet und Vater von drei Kindern. Foto: Peter Winandy/RWTH
13456191.jpg
Gift box with red ribbon and Christmas tree PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY MYF001344 Poison Box With Red Ribbon and Christmas Tree PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY MYF001344

Aachen. An den vier Adventswochenenden nehmen sich Andreas Herkens und Simone Paganini, Professor an der RWTH Aachen, vier Bräuche vor, die mit dieser vorweihnachtlichen Zeit zu tun haben, und durchleuchten sie. Es geht los mit einem Thema, an dem wir alle in den nächsten Wochen einfach nicht vorbeikommen: Geschenke.

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zu diesem Brauch?

Simone Paganini: Mitte der 80er Jahre aus Solidarität mit ärmeren Kindern und als Protest gegen die Konsumgesellschaft traf meine Familie die Entscheidung, auf Weihnachtsgeschenke zu verzichten. Bis auf ein einziges Familiengeschenk haben mein Bruder, meine beiden Schwestern und ich nichts bekommen. Das Familiengeschenk war dann meistens ein Brettspiel, was die schöne „Nebenwirkung“ hatte, dass wir als Familie immer wieder Spieleabende mit unserem Weihnachtsgeschenk veranstalteten. Ich erinnere mich aber auch, dass meine jüngere Schwester zunächst mit dem Vorgehen ganz und gar nicht einverstanden war. Sie meinte, dass ein Weihnachten ohne Geschenke kein richtiges Weihnachten gewesen wäre. Aber irgendwie akzeptierte sie auch – ein wenig schmollend – die Entscheidung, und spielte dann selbstverständlich mit, auch wenn sie fast immer verlor…

Wo kommt der Brauch her?

Paganini: Die Geschenke, die man zu Weihnachten austauscht, sind in der Tat Teil eines sehr alten Brauchs. Die Weisen aus dem Osten – die wir irrtümlicherweise „die Heiligen drei Könige“ nennen (sie waren wahrscheinlich keine Könige, und wie viele sie waren, ist nicht überliefert!) – brachten nach der Erzählung des Matthäusevangeliums dem kleinen Jesus Geschenke. Das könnte der Ursprung des christlichen Brauches sein.

Aber bereits im Alten Orient beschenkten sich Menschen schon Jahrhunderte zuvor zu unterschiedlichen Anlässen. Geschenke zu festen Terminen gab es auch im antiken Rom. Beim Saturnalia-Fest oder an Neujahr bekamen sogar Sklaven Präsente von ihren Herren. Der Brauch, Geschenke auszutauschen, wird dann auch relativ früh im Christentum übernommen, nicht wenige Prediger und Kirchenmänner warnten jedoch in den ersten Jahrhunderten davor. Es handelte sich nämlich ihrer Meinung nach um etwas Heidnisches, das bei den Christen nichts verloren habe. Die Predigt half aber nicht, und die Menschen tauschten weiter Geschenke aus. Da es aber noch kein Weihnachten gab – die Geburt Jesu feiert man erst ab dem 4. Jahrhundert nach Christus –, fand die Bescherung an anderen Tagen statt.

Wie hat sich der Brauch im Laufe der Zeit verändert?

Paganini: Ab dem Mittelalter etablierte sich dann der Nikolo-Tag als Tag des Geschenkaustausches und nach der Reformation, die alle Heiligen abschaffte, wurde dann die Bescherung auf den Weihnachtsabend – oder nach der Christmette – verschoben. Auch die Art der Geschenke hat sich ganz verändert. Ursprünglich schenkte man Nützliches oder Essbares. Der Brauch, ganz gewöhnliche Geschenke auszutauschen, verbreitete sich dann in der europäischen Gesellschaft ganz stark ab der Nachkriegszeit.

Wie stellt er sich heute dar?

Paganini: Wenn Gott sich den Menschen zu Weihnachten schenkt – so die religiöse christliche Vorstellung –, ist es schön, wenn auch die Menschen sich einander etwas schenken. Heute geraten aber viele immer öfter in Geschenkstress, und Weihnachten wird immer stärker von wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Die Monate November und Dezember sind laut Statistik in Deutschland die stärksten für den Einzelhandel. Der Kaufrausch verursacht Verkehrschaos um die großen Einkaufszentren, und das passende Geschenk zu finden, ist nicht immer einfach.

Die Freude, die mit der Suche verbunden sein sollte, ist meistens auch schnell dahin. Man schenkt heute aber grundsätzlich immer seltener, um eine Freude zu machen, sondern immer öfter wegen einer gefühlten Verpflichtung. Und dann soll das eigene Geschenk das der anderen übertreffen, ansonsten fühlt man sich nicht gut.

Andererseits verwenden Menschen auch viel Zeit, Liebe und Eifer, um geeignete Weihnachtsgeschenke zu suchen. Ganz hoch im Kurs in einer Gesellschaft, wo es immer schwieriger ist, etwas zu schenken, da viele bereits „alles haben“, sind originelle, personalisierte oder sogar selbst gebastelte Geschenke. Wenn ein Geschenk gelingt, ist die Freude sowohl beim Schenker als auch beim Beschenkten groß.

Wie beurteilen Sie, was daraus geworden ist?

Paganini: Kaufrausch und Einkaufstress sind natürlich keine schönen Entwicklungen in unserer westlichen Gesellschaft, und trotzdem hat der gegenseitige Geschenkaustausch auch eine positive Seite. Sich einander zu beschenken, ist nämlich Ausdruck von Liebe, von lebendiger Beziehung, von Zuneigung. Es ist aber wichtig, dass das Geschenk genau diese Eigenschaften vermittelt. Ein Geschenk ist immer vor allem ein Zeichen und soll eine positive Botschaft vermitteln: Du bist mir wichtig, ich habe an dich gedacht.

Gibt es in Ihren Augen Alternativen?

Paganini: Es gibt in der Tat sehr viele Alternativen zu gekauften und manchmal unpersönlichen Geschenken. Zeit und Wertschätzung sowie auch Versöhnung und Zuwendung sind zum Beispiel sehr wertvolle Geschenke. Weihnachten ist nämlich eine Zeit, wo sich viele Menschen ganz besonders einsam fühlen. Oft sind ein Besuch oder ein Gespräch oder ein handgeschriebener Brief nicht nur ein Geschenk für den anderen Menschen, sondern auch für sich selbst. Natürlich: ein Geschenk, das unmissverständlich Liebe zeigt, kann mit Geld selten gekauft werden. Ich habe einmal zehn selbstgemalte Gutscheine für jeweils eine Umarmung von meiner kleinen Tochter bekommen. Die habe ich noch nicht eingelöst, die behalte ich in meiner Geldtasche… Und jedes Mal, wenn ich sie sehe, kommen ganz starke Weihnachtsgefühle hoch…

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert