Gescannt und transkribiert: Begas-Tagebücher im Reich der Bytes

Von: Mirja Ibsen
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Alte Schrift: Oscar Begas (1828-1883) hat als Jugendlicher in seinen Tagebüchern das Leben im Haus seines Künstlervaters, dem gebürtigen Randerather Carl Joseph Begas (1794-1854), beschrieben. Jetzt werden die Abschriften, die Oscar Begas Sohn gemacht hat, von der Firma Semantics in Aachen digitalisiert. Foto: Harald Krömer
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Digitaler Scanner im Einsatz: Wolfgang Cortjaens (l.), Kustos und stellvertretender Museumsleiter des Heinsberger Begas-Hauses, und Kay Heiligenhaus, Geschäftsführer der Aachener Firma Semantics, beobachten, wie Torsten Rückwald ein Tagebuch von Oscar Begas scannt. Foto: Harald Krömer

Heinsberg/Aachen. „Heute war Mutters Geburtstag.“ Ein unspektakulärer Satz – möchte man meinen. Irgendeine Mutter hat schließlich alle naselang irgendwo Geburtstag. Trotzdem liegt das Tagebuch, das mit diesem Satz beginnt, jetzt unter einem riesigen High-Tech-Scanner französischen Fabrikats und wird nach allen Regeln der Archivierungskunst digitalisiert.

Ahnte der 15-Jährige, der diese Worte am 3. August 1843 schrieb, dass seine Erinnerungen die wissenschaftliche Forschung und die Nachwelt interessieren würden? Vermutlich. Oscar Begas war schließlich der Spross eines damals sehr bekannten Künstlers. In seinem Elternhaus gingen die Honoratioren des Berliner Bürgertums ein und aus. Auch der preußische König Friedrich Wilhelm IV. ließ sich sehen. Denn Vater Carl Joseph Begas war nicht nur Professor an der Berliner Akademie der Künste, sondern auch königlich-preußischer Hofmaler.

Bis er knapp zwanzig ist, hält Oscar das Leben seiner Familie und die Ereignisse in der Zeit vor der Märzrevolution in Tagebuchform fest. Dann brechen die Eintragungen ab. Drei Bände sind so zwischen 1843 und 1848 entstanden.

Die dunklen Kladden mit den bräunlichen Seiten, die da jetzt in Aachen unter dem Scanner liegen, sind alt. Aber es sind nicht die originalen Tagebücher. Es sind Abschriften, die Friedrich Wilhelm Begas im Jahr 1907 gemacht hat.

Friedrich Wilhelm, Oscar Begas’ jüngster Sohn, hat alle drei Bände fein säuberlich übertragen, mit jedem Komma, jeder Zeichnung. Er legte so viel Ehrgeiz und Akribie in dieses Projekt, dass er seine eigentliche Arbeit als Gartenarchitekt darüber völlig vernachlässigte. Er verbrauchte sein gesamtes Vermögen, verarmte und musste die Abschriften schließlich verkaufen. Dann verliert sich ihre Spur. Selbst die Nachfahren von Oscar Begas wussten nicht, dass es sie gab.

Bis die Tagebücher eines Tages auf einem Flohmarkt auftauchten und dann, noch einmal zehn Jahre später, in einem Berliner Auktionshaus landeten. Und wenn der Name „Begas“ irgendwo draufsteht, ist das Begas-Haus, das Museum für Kunst und Regionalgeschichte Heinsberg, interessiert. Und zwar sehr. Schließlich hat es sich seit der Wiedereröffnung im Jahr 2014 die Familie Begas zum inhaltlichen Schwerpunkt gemacht. Denn der Vater dieser Künstlerdynastie, Carl Joseph Begas, wurde 1794 in Heinsberg-Randerath geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Randerath und Dremmen.

2011 erwarb die Sparkassen-Kunststiftung der Kreissparkasse Heinsberg die Bücher und überließ sie dem Museum als Dauerleihgabe. „Die Originale befinden sich in der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Sie zu digitalisieren wäre nicht möglich, ohne sie zu beschädigen. Deshalb sind die Abschriften so wertvoll“, sagt Kustos und stellvertretender Museumsleiter Wolfgang Cortjaens.

Kühler Keller

Die Exemplare von 1907 sind gut erhalten. Torsten Rückwald trägt trotzdem weiße Stoffhandschuhe, wenn er das alte Papier berührt, um es unter der Glasplatte des Scanners richtig zu positionieren. Der Mitarbeiter der Firma Semantics in Aachen ist ein Experte auf dem Gebiet der Digitalisierung.

Er sitzt im Keller des alten Pfarrhauses an der Viktoriaallee in Aachen, dem Sitz der Firma. Um ihn herum altes Gemäuer, in dem die Temperatur gleichbleibend kühl und feucht ist. Ein prima Klima für die alten Schätze, die er aus ihren vergilbten, brüchigen Buchdeckeln ins Reich der Bits und Bytes transformiert.

Die Firma Semantics hat sich unter anderem auf Digitalisierung spezialisiert, und dass sie das auch mit den alten Begas-Schmökern tut, und zwar ohne dafür ein Honorar zu verlangen, hat etwas mit ihrem Selbstverständnis zu tun. „Neben dem kommerziellen Teil unserer Arbeit, haben wir auch ein Interesse dran, Kulturgut für die Nachwelt zu erhalten und einer breiten Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung zu stellen“, sagt Kay Heiligenhaus, Geschäftsführer der Firma Semantics, dessen Herz als studierter Sprachwissenschaftler auch immer für die Wissenschaft schlägt. Deshalb hat die Firma das Internet-Portal www.visuallibrary.net entwickelt. Ein kostenloses Rechercheforum mit wissenschaftlichen Büchern.

Dort werden die Begas-Tagebücher allerdings nicht zu finden sein. Sie gehören auch digitalisiert ins Heinsberger Museum und stehen dort nach Abschluss des Projekts der Forschung zur Verfügung.

Digitalisieren, das bedeutet aber nicht nur, die Seiten einzuscannen, damit die verwöhnte Generation „E-Reader“ mit dem Finger durch das Buch „wischen“ kann. Der Text soll „durchsuchbar und recherchierbar“ werden, erklärt Heiligenhaus. Bei Oscars Tagebüchern sieht das im fertigen Zustand so aus, dass auf der rechten Seite des Bildschirms die digitalisierte Seite zu sehen ist und auf der linken Seite der Text mit Schlagworten und Links und Anmerkungen versehen wird. „Das ist ein intellektueller Prozess, das kann man nicht automatisieren“, sagt Heiligenhaus.

Der Text muss außerdem „dauerhaft verfügbar und zitierfähig bleiben“, und zwar auch in 20 Jahren, wenn Windows 10 nur noch auf historischen Rechnern läuft. „Für die Langzeitarchivierung gibt es genaue technische Parameter, die eingehalten werden müssen“, sagt Till Schicketanz, der Leiter des Projekts der Firma Semantics.

Digitale Bibliothek

Nicht JPEG oder PDF, sondern TIF heißt das Format, das dem digitalen Wandel gewachsen sein soll. Und vor dem digitalen Wandel müssten sich die Museen nicht scheuen, sagt Schicketanz. Die Angst, dass die Besucher wegblieben, wenn die Exponate auch im Internet verfügbar seien, sei unbegründet. „Das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen kommen dann, um die Originale zu sehen.“

Die Universitäts- und Landesbibliotheken von Düsseldorf und Sachsen-Anhalt haben sich bereits die Hilfe von Semantics geholt, um an der digitalen Bibliothek der Zukunft zu arbeiten. Dass sich allerdings ein Regionalmuseum wie das Heinsberger Begas-Haus an die Digitalisierung wage, sei ungewöhnlich, sagt Kay Heiligenhaus, dessen Haupt-Kundenstamm sich vor allem auf Unternehmen, Verbände und Behörden erstreckt, die seine Software zur Firmenkommunikation nutzen.

830 Tagebuchseiten muss Rückwald insgesamt unter die Glasplatte legen, die Scheinwerfer korrekt ausrichten und darauf achten, dass die Buchmitte keinen Schlagschatten wirft. Vorher transkribiert Wolfgang Cortjaens aber noch die Tagebucheintragungen, die in Sütterlin geschrieben sind. Er arbeitet an einer Biografie und einem Werkverzeichnis von Oscar Begas (1828-1883).

Und der Kunsthistoriker ist immer wieder fasziniert, wenn er die Zeilen liest. „Für einen so jungen Mann hat er erstaunlich reife Ansichten, eine fantastische Beobachtungsgabe und einen geschliffenen Sprachstil, der manchmal ins Ironische spielt“, sagt Cort- jaens. „Seine Beschreibungen beziehungsweise Wertungen von Personen, Ereignissen und Eindrücken sind durchweg plastisch, man sieht alles klar vor sich.“

Das mache den Wert der Tagebücher aus, aber natürlich sei auch der Inhalt hochspannend. Ihn künftig verfügbar, recherchierbar, erforschbar zu machen, ist sein Ziel – und noch mehr: „Das Museum ist nicht fertig, wenn die Bilder hängen. Wir wollen bundesweit die zentrale Forschungsstätte für die Familie Begas werden“, sagt der stellvertretende Museumsleiter.

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