Geraubtes Gemälde kehrt in die Aachener Sammlung zurück

Von: Peter Pappert
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Wenn das Licht auf einen Balthasar van der Ast fällt, bleiben sie gerne im Dunkeln: Aachens Museumsdirektor Peter van den Brink (links), der niederländische Kunsthistoriker Fred G. Meijer und die Gutachterin Daniëlle H. A. C. Lokin (rechts). Foto: Harald Krömer

Aachen. Sie wird – gerade in diesen schwül-warmen Tagen – von genervten Zeitgenossen häufig erschlagen. Allerdings wäre es ein schwerer Fehler, die Bedeutung der Fliege zu unterschätzen. Im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum genießt sie jedenfalls Respekt – wenn auch nur jene, die der Niederländer Balthasar van der Ast um 1623 ganz beiläufig und kaum erkennbar auf einem Stillleben malerisch verewigt hat.

Dieses Gemälde „Blumen in einer Wanli-Vase“ schenkte Adèle Cockerill 1910 dem Museum. Um es vor Bombenangriffen zu schützen, wurde es 1942 wie viele andere Werke nach Meißen ausgelagert und war seit Ende des Weltkriegs verschollen.

Nun ist das Werk nach einem 75-jährigen Beutekunstkrimi wieder in Aachen und ab Dienstag im Suermondt-Ludwig-Museum zu besichtigen. Die Fliege spielt in diesem Krimi eine verschwindend kleine, aber nicht unbedeutende Nebenrolle. In den Hauptrollen sind zu sehen akribische Kunsthistoriker und penible Kuratoren, zwielichtige Kunsthändler und potente Sammler, eine offensichtlich ziemlich dreiste Dame aus Meißen und ein glücklicher Aachener Museumsdirektor. Das Drehbuch beruht auf intensiven Recherchen des Aachener Museums und befreundeter Kunstexperten.

1. Szene, Meißen (Sachsen). Nach Kriegsende werden die in Meißen gelagerten Kunstwerke von der Roten Armee beschlagnahmt und später zum größten Teil in die Sowjetunion gebracht. Vorher hat sich jedoch schon eine gewisse Alice Tittel, die zunächst für die sowjetische Geheimpolizei und dann für die US-Streitkräfte in Berlin arbeitet, an dem Aachener Schatz bedient. Als sie 1951 nach Kanada auswandert, hat sie mit einer fragwürdigen Exportlizenz zwölf Gemälde im Gepäck – darunter mindestens zehn aus dem Aachener Museum.

2. Szene, New York/Windsor (Ontario). Der New Yorker Kunsthändler Victor Spark kauft ein Jahr später von einem gewissen Kenneth Saltmarche von der Gallery of Fine Arts im kanadischen Windsor (Ontario) das Werk von van der Ast sowie 1954 von der Dame aus Meißen, die mittlerweile Alice Siano heißt und in Windsor lebt, drei weitere Gemälde aus dem Aachener Bestand. Die „Blumen in einer Wanli-Vase“ kann Saltmarche, so ist heute zu vermuten, nur von Siano erworben haben, obwohl es als einziges in den offiziellen Einfuhrdokumenten nicht auftaucht. Das wird – so die Recherchen des Suermondt-Ludwig-Museums – gerade in seinem besonders hohen Wert begründet sein, „der sicherlich eine Ablehnung der Ausfuhr mit sich gebracht hätte“. Kunsthandel als Geldwaschanlage – könnte man sagen.

3. Szene, New York/London/Wassenaar. Mutmaßlich verkauft Spark die „Blumen“ in der ersten Hälfte der 50er Jahre an den Londoner Kunsthändler Eugene Slatter, von dem es wiederum der niederländische Sammler Sidney J. van den Bergh erwirbt, der Gründer des Unilever-Konzerns. Nach dessen Tod kauft der niederländische Kunsthändler Hans Cramer 1973 das Van-der-Ast-Gemälde für eine amerikanische Privatsammlerin. Und dort bleibt es in den kommenden Jahrzehnten, wird aber hier und da auf internationalen Ausstellungen gezeigt.

4. Szene, München/Den Haag (das Verschwinden der Fliege). 1965 veröffentlicht ein Münchener Kunstverlag den Katalog „Verlorene Werke der Malerei in Deutschland“, das die „Blumen“ in der Reproduktion nach einem Schwarz-Weiß-Negativ aus der Vorkriegszeit zeigt. Ein Riss auf dem Negativ oben links wird retuschiert und damit verschwindet auch die Fliege. Nicht nur dieses kunsthistorische Missgeschick gibt in den folgenden Jahrzehnten diversen Kunsthändlern und Katalog-Autoren eine besonders feinsinnige Erklärung an die Hand: Bei dem in Aachen vermissten Werk handele es sich nicht um das über den Atlantik hin- und hergeschobene Bild, sondern lediglich um einen sehr ähnlichen van der Ast.

5. Szene, Den Haag/Aachen. Diese Legende zerstört – vorerst allerdings weitgehend ohne Konsequenzen – der Kunsthistoriker Fred G. Meijer vom Niederländischen Institut für Kunstgeschichte. Er teilt dem Suermondt-Ludwig-Museum mit, seine Untersuchung von Färbungen des Bildes und Faserung der Holztafel habe eindeutig ergeben, dass das Aachener Gemälde und jenes in amerikanischem Privatbesitz identisch seien. In Aachen unternimmt man allerdings vorerst nichts.

6. Szene, Maastricht (die Wiederkunft der Fliege). Auf der international renommierten Maastrichter Kunstmesse Tefaf (The European Fine Art Fair) will ein Kunsthändler das Bild zum Verkauf anbieten. Noch vor der Eröffnung hängt er es wieder ab, nachdem er von Raubkunst-Experten und dem Suermondt-Ludwig-Museum mit den Aachener Ansprüchen konfrontiert wird. Er verweist, man hat es fast schon vermutet, auf die Fliege, die auf dem Fotoabzug des verschollenen Bildes nicht zu erkennen sei. Da der aktuelle Besitzer das Bild in den Niederlanden erworben hat, gilt das dortige Recht. Wie in Deutschland heißt das, dass Kunstwerke, die im guten Glauben an ein rechtlich einwandfreies Geschäft erworben worden sind, ihrem Besitzer gehören, auch wenn es sich um Beutekunst handelt. In Großbritannien und New York gilt hingegen: Gestohlenes ist gestohlen und muss zurückgegeben werden.

7. Szene, New York/Aachen/Berlin/Düsseldorf/München. Peter van den Brink, seit 2005 Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums, nimmt sich mit vielen Unterstützern der Sache an. Mit der New Yorker Privatsammlerin wird verhandelt; einen juristischen Weg, die „Blumen“ zurückzubekommen, gibt es allerdings nicht. Es dauert lange, man bleibt am Ball.

Mit finanzieller Hilfe der Kulturstiftung der Länder (119.000 Euro) und der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung (133.000 Euro) sowie des Landes NRW (60.500), der Stadt Aachen (55.000) und privaten Spendern (9300) gelingt es schließlich: Für einen „Finderlohn“, wie man das in solchen Fällen nennt, in Höhe von 400.000 Dollar gibt die US-Sammlerin die „Blumen in einer Wanli-Vase“ an Aachen zurück. Van den Brink holt das Bild in New York ab.

Happy End, Aachen. Nun hängt es seit Montag wieder dort, wohin es gehört – eher klein, schön beleuchtet, wunderbar bunt und ziemlich wertvoll. Auf rund vier Millionen Dollar wird sein Wert taxiert – hypothetisch, darauf legt van den Brink schon Wert. Man betrachtet einen Blumenstrauß in kugeliger Vase, aus dem in der Mitte eine gelb-rot geflammte Tulpe hervorsticht. Sie ist umgeben von Rosen und anderen Blumen – kein strenges Bouquet, sondern ganz locker angeordnet.

Es sieht so aus, als seien sie gerade frisch gepflückt und flott in die auf dem Küchentisch stehende Wanli-Vase gesteckt worden. Tatsächlich haben die von van der Ast gemalten Blumen aber ganz verschiedene Blütezeiten; diese Komposition wäre in der Realität also gar nicht möglich, was die Betrachter damals besonders erfreute. Von einem gemalten Strauß hatte man sowieso mehr als von einem realen; deshalb war und ist er auch etwas teurer.

Abspann. Balthasar van der Ast, geboren 1593 in Middelburg (Walcheren), gestorben 1657 in Delft, war ein Großmeister des niederländischen Barockstilllebens, „eine Schlüsselfigur“, wie Daniëlle H. A. C. Lokin ihn am Montag nennt. Darin liege die kunsthistorische Bedeutung des Gemäldes für das Aachener Museum, deshalb sei seine Rückkehr hierher so wichtig, sagt die Gutachterin und Van-der-Ast-Expertin.

Die Bildkomposition – Eidechse und Libelle rahmen die Vase ein, Trauben, Johannisbeeren und Kirschen liegen herum – sieht sie als typisch für die Tradition von Stillleben, „die auch immer mit der Vergänglichkeit alles Irdischen zu tun haben“. Van den Brink will nicht zu viel Symbolisches in das Werk interpretieren und spricht von einer exzellenten Farbverteilung. Für ihn ist der van der Ast Ausdruck der Tulpenmanie des frühen 17. Jahrhunderts.

Co-Starring: Wanli, chinesischer Kaiser Anfang des 17. Jahrhunderts, und die Fliege (oben links, kaum zu erkennen, aber beachtenswert).

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