Aachen - Genossenschaften: Die Idee, der 22 Millionen Deutsche anhängen

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Genossenschaften: Die Idee, der 22 Millionen Deutsche anhängen

Von: Peter Pappert
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Übt deutliche Kritik an der Europäischen Zentralbank: Ralf W. Barkey vom Genossenschaftsverband. Foto: Andreas Herrmann
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Die erste Schülergenossenschaft in Nordrhein-Westfaen und eine besonders erfolgreiche: das Unternehmen Naschwerk der Realschule Waldbröl. Foto: Genossenschaftsverband

Aachen. Als „Genossen“ sprechen sie sich nicht an, und sie sind stolz darauf, dass die Unesco ihre Idee vor kurzem als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt hat: 22 Millionen Menschen in Deutschland sind Mitglied in einer Genossenschaft; 113.000 sind es in der Region Aachen, Düren, Heinsberg, die im „Genossenschaftsverband – Verband der Regionen“ organisiert sind.

Zählt man die Mitglieder anderer Verbände (zum Beispiel Edeka, Sparda, Wohnungsbau) hinzu, engagieren sich rund 250.000 genossenschaftlich.

Was ist eine Genossenschaft?

Ralf W. Barkey, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes, nennt sie „eine basisdemokratische Wirtschaftsform für nahezu alle Wirtschaftsbereiche“. Der Grundsatz einer Genossenschaft, die laut Genossenschaftsgesetz „nicht gewinnmaximierend tätig“ ist, laute seit mehr als 150 Jahren: „Jedes Mitglied hat – unabhängig von seiner Kapitalbeteiligung – nur eine Stimme.“ Alle Entscheidungen über die Geschäfts- und Personalpolitik werden auf Vertreter- oder Mitgliederversammlungen getroffen – eine urdemokratische Rechtsform.

Was macht der Genossenschaftsverband?

Der „Genossenschaftsverband – Verband der Regionen“ ist die Interessenvertretung der Genossenschaften sowie Prüfungs- und Beratungsinstanz und zuständig für alle Bundesländer außer Bayern und Baden-Württemberg, wo die Genossenschaften jeweils eigene Verbände haben. Der Genossenschaftsverband prüft die wirtschaftlichen Verhältnisse (Bilanzen, Geschäftsführung) einer Genossenschaft sowie deren Gesetzmäßigkeit und sorgt für Weiterbildung.

Welche Genossenschaften gibt es?

Am bekanntesten sind wahrscheinlich die Kreditgenossenschaften (Volks- und Raiffeisenbanken), besonders stark verbreitet die landwirtschaftlichen und gewerblichen Genossenschaften. „Jeder Landwirt ist mindestens in einer Genossenschaft“, sagt Barkey bei einem Besuch in unserer Aachener Zentralredaktion. Im Gebiet des Genossenschaftsverbandes gibt es 2900 Genossenschaften mit 8,2 Millionen Mitgliedern. Der Großteil des Gesamtumsatzes in Höhe von 482 Milliarden Euro entfällt dabei auf den Bankensektor mit seinen 443 Kreditgenossenschaften.

Warum sind Bauern so stark genossenschaftlich organisiert?

Vor allem geht es ihnen darum, den Absatz zu fördern. „Denn der kleine Landwirt, der kleine Winzer, der kleine Obstbauer ist meist gar nicht in der Lage, seine Produkte, auf den Markt zu bringen“, sagt Barkey. Zudem gibt es nach wie vor klassische Maschinengenossenschaften, in denen sich mehrere Bauern zum Beispiel einen Mähdrescher teilen. Tierwohl, Verbraucherschutz, Preisverfall bei Fleisch und Milch, Vermarktung: Landwirte könnten allein all die Herausforderungen nicht bewältigen, sondern benötigen starke Strukturen.

Wie stark sind die Genossenschaften in der hiesigen Region?

Neue gesellschaftliche Themen und Probleme schlagen sich nach Barkeys Erkenntnis schnell in genossenschaftlichem Engagement nieder. So gebe es in der Eifel die ersten Ärztegenossenschaften. „Angesichts des Ärztemangels ist das eine neue Form, sich zu organisieren.“ Zudem haben sich bundesweit schon 400 Energiegenossenschaften gegründet. „Das kommt aus der Bürgerschaft; man wartet nicht auf den Staat oder größere Unternehmen, sondern packt selber an“, sagt Barkey.

In den Kreisen Düren und Heinsberg sowie der Städteregion Aachen sind elf Kredit-, 15 gewerbliche, fünf Energie- und drei landwirtschaftliche Genossenschaften aktiv – darunter zum Beispiel die Weidegenossenschaft Schevenhütte, die Bürgerwindenergie Heinsberg oder die Rinderbesamungsgenossenschaft Aachen.

Funktioniert die Basisdemokratie?

Sie gibt jedem Mitglied zumindest die Möglichkeit zu partizipieren. „Weil meine Stimme genauso viel zählt wie die meines Nachbarn, bin ich auch bereit, teilzunehmen und meine Rechte wahrzunehmen“, lautet Barkeys Erfahrung. Seit der Krise der Finanz- und Bankenbranche 2008 sei die Mitgliederzahl allein in diesem Sektor um eineinhalb Millionen gestiegen. „Die Menschen haben zu ihren Banken in ihren Regionen deutlich mehr Vertrauen.“ Das Kreditvolumen der Volks- und Raiffeisenbanken sei im selben Zeitraum um 50 Prozent gestiegen.

Bei den Sparkassen sei es ähnlich; die Menschen vertrauen den Kreditinstituten vor Ort, „weil sie gesehen haben, wer die Finanzkrise ausgelöst hat“.

Was unterscheidet Genossenschaftsbanken von Sparkassen, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind?

Die Eignerstruktur. Die Sparkassen sind öffentlich-rechtliche Einrichtungen und gehören den Kommunen und Gebietskörperschaften, aber nicht Privatpersonen. Im Bankenbezirk der VR-Bank Nordeifel eG seien 50 Prozent der dortigen Einwohner Eigentümer eben dieser Bank. Das sieht Barkey als wesentliches Prinzip solcher Banken: „Ein Großteil der Kunden ist gleichzeitig Eigentümer der Bank.“

Was charakterisiert diese Banken und deren Geschäftspolitik?

Kleine Genossenschaftsbanken haben laut Barkey eine Bilanzsumme von 40 Millionen Euro, große bringen es auf zehn bis zwölf Milliarden. Die kleinen „risikoschwachen regionalen Banken“, wie Barkey sie nennt, machen das klassische Kreditgeschäft – aber kein Investmentbanking und keine Spekulation an der Börse. „Volks- und Raiffeisenbanken sind in ihren regionalen Wirtschaftskreisläufen verhaftet und daher auch sehr abhängig von der Zinspolitik.“

Welche Konsequenzen hat die aktuelle Zinspolitik?

Wegen der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank spricht Barkey von einem staatlich regulierten Zins, der mit Marktwirtschaft nichts zu tun habe und den Verbrauchern die Altersversorgung erschwere. „Die Niedrigzinspolitik gefährdet massiv die Altersvorsorge.“ Zwar könnten sich die Menschen manche Wünsche erfüllen und Eigenheimerwerb leichter finanzieren, aber die Ansparphase bis dahin sei eben auch deutlich länger. „Das wird zu oft vergessen.“

Was hat sich durch die Finanzkrise für die Genossenschaftsbanken verändert?

Barkey wehrt sich dagegen, dass die Genossenschaftsbanken zu stark beaufsichtigt würden und zu viele Daten melden müssten. Von den Berichtspflichten an die Europäische Zentralbank seien sie genauso betroffen wie die Deutsche Bank. „Die EZB unterscheidet leider nicht nach den Geschäftsmodellen, die bei den Genossenschaftsbanken deutlich weniger risikoreich sind.“

Alle deutschen Volks- und Raiffeisenbanken müssten jährlich rund 100 Millionen Euro aufwenden, um die Aufsichtsregularien zu erfüllen. Nur mit dieser Aufgabe seien ein bis zwei Mitarbeiter pro Bank beschäftigt. Wenn sich daran nichts ändere, werde über kurz oder lang eine Umlage für die Kunden nicht zu vermeiden sein.

Wie beurteilt der Genossenschaftsverband die Situation?

„Wir fordern, dass unterschieden wird zwischen großen risikobehafteten Geschäftsbanken und unseren einfach strukturierten risikoarmen Regionalbanken.“ Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, die Bundesbank und einzelne Europaabgeordnete unterstützten diese Forderung. Die Europäische Zentralbank missachte die Vielfalt im deutschen Kreditwesen und bevorzuge größere Einheiten, um die Aufsicht zu vereinfachen. „Dabei wird übersehen, dass gerade diese großen Strukturen die Finanzkrise 2007 und 2008 ausgelöst haben.“

Trotzdem sei die Zahl der kleinen Banken seit Ausbruch der Krise zurückgegangen. „Der Anteil der fünf größten europäischen Banken an der Bilanzsumme in Europa insgesamt hat sich von 44 auf 48 Prozent erhöht. Es gibt eine stärkere Konzentration“, kritisiert Barkey. „Das ist der strukturpolitisch schlechtere Weg. Und ich befürchte, dass das die Basis für die nächste Krise ist.“

Warum ist das Risiko der Volks- und Raiffeisenbanken geringer?

Sie dürften zwar Investmentbanking betreiben, aber sie tun es nicht, weil sie nach ihrer Geschäftsphilosophie dem regionalen Wirtschaftskreislauf verbunden sind. Dabei ist ihre Eigenkapitalquote mit 17,7 Prozent vergleichsweise hoch. Die Genossenschaftsbanken verfügen seit mehr als 80 Jahren über eine eigene Einlagensicherung, die für jede Volks- und Raiffeisenbank streng gehandhabt wird. „Das diszipliniert nach innen, weil niemand gerne offenbaren will, dass er sich verzockt hat und das Geld der Kollegen benötigt. Diese Töpfe seien wie bei den Sparkassen gut gefüllt. Deshalb kritisiert Barkey deutlich das Vorhaben der EZB, die Einlagensicherung zu europäisieren. „Es hilft denen, die auf den Märkten weltweit zocken, mit dem Geld derer, die solide gewirtschaftet haben.“

Welche Erwartungen hat der Genossenschaftsverband an die neue NRW-Landesregierung?

Barkey sieht Licht und Schatten. Dass die Schülergenossenschaften weiter gefördert werden sollen, begrüßt er ausdrücklich. Kritik übt er an den energiepolitischen Plänen der CDU-FDP-Koalition. Die Vergrößerung von Abstandsflächen für Windkraftanlagen sei kontraproduktiv – für die notwendige Energiewende ebenso wie für zahlreiche regionale Energiegenossenschaften.

„Wenn die Menschen vor Ort über eine Genossenschaft am Betrieb einer Windkraftanlage beteiligt sind, ist die Akzeptanz eher hoch. Rund 100 Energiegenossenschaften tragen maßgeblich zu einer intensiven Wertschöpfung in der Region bei. Und das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Ziel muss es sein, die Vorteile einer dezentralen Stromerzeugung zu erhalten, die regionale Wertschöpfung zu steigern und die Verteilungsgerechtigkeit zu fördern.“

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