Generalstreik in Belgien: Das ganze Land steht still

Von: Tobias Müller
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Mitglieder der belgischen Gewerkschaft ACLVB („Algemene Centrale der Liberale Vakbonden van België“) stehen am Montag in der leeren Abflughalle des Brüsseler Flughafens. Foto: dpa
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Stillstand im ganzen Land und in vielen Wirtschaftszweigen: Auch bei Audi in Brüssel legten die Beschäftigten die Arbeit nieder. Foto: dpa

Antwerpen. Mit dem ersten Licht kommt der Hubschrauber. Kaum ist es hell über dem Streikposten an Kaai 74 weit draußen im Hafen, dreht er schon im Tiefflug seine Runden über Kräne, Containerburgen und Lagerhallen. An einem improvisierten Schlagbaum, bestehend aus dem Pfahl eines Verkehrsschilds und einer roten Gewerkschaftsfahne, erheben sich winkende Arme.

Der schwarze Rauch von verbrannten Autoreifen treibt durch die Luft, hier und da explodiert ein bommeke, ein Feuerwerkskörper. Es ist Streik in Antwerpen. Schon wieder. Nach drei regionalen Arbeitsniederlegungen soll nun, mit einem landesweiten Generalstreik, das gesamte Land „platt liegen“.

Die Regierung, gegen deren elf Milliarden Euro schweres Sparpaket sich die Protestwelle richtet, ist nervös: der Innenminister hat mit Polizeieinsätzen gedroht, sollte Arbeitswilligen der Zutritt zu ihrem Betrieb verwehrt werden. Das kontinuierliche Dröhnen des Hubschraubers, der mit offener Luke in der Luft steht, verleiht der Ankündigung Nachdruck.

30 Euro aus der Streikkasse

Nun, arbeitswillig sind sie eigentlich alle, die mehr als 100 Männer, die sich an den Feuerstellen wärmen. 30 Euro aus der Streikkasse werden sie nach Hause bringen, sie, die sich ansonsten jeden Morgen an den Anwerbestellen am Beginn des Hafens versammeln, um sich tageweise als Lader oder Schauer zu verdingen.

Doch das Sparpaket treibt sie heraus an den Streikposten, die Aussetzung des Index, der in Belgien Lohn- und Preisentwicklung koppelt, das Rentenalter, das von 65 auf 67 steigen soll, die gestiegenen Kosten für Kinderbetreuung, die Einschnitte in Gesundheitssystem und Öffentlichen Dienst. „Einseitig“ findet Roger Stuyck, nach vier Jahrzehnten als Schauer wegen Arbeitsunfähigkeit frühpensioniert, die Sparagenda, „die Reichen sollten auch ihr Steinchen beitragen“.

So wie er sehen das in diesen Wochen viele in Belgien. Die Maßnahmen, mit denen die rechtsliberale Regierung den Haushalt sanieren will, werden weite Teile der Bevölkerung treffen – und just deshalb stößt der Streik, ausgerufen von den drei Gewerkschaftsverbänden, auch jenseits der Gewerkschaften auf Unterstützung.

Schon vor Sonnenaufgang sind Vertreter der Bürgerbewegung „Hart boven hard“ an Kai 74 vorbeigekommen, um den Streikenden ihre Solidarität zu erklären. Und so oft sie hier draußen auch schon die Arbeit niedergelegt haben: So etwas haben sie doch selten erlebt.

„Lieber Herz als Härte“, lässt sich der Name der Bewegung frei übersetzen. Man sieht ihn auf den Aufklebern, den sich so manche der Arbeiter auf ihre dicken Winterjacken geheftet haben, die grünen der christlichen Gewerkschaft, die roten der sozialistischen, die blauen der liberalen. Lange war ihre Kooperation nicht so gut wie in diesem „heißen Herbst“, der nun zu Ende geht.

In der Welt der Dockarbeiter dagegen, die ohnehin stark auf gegenseitiger Solidarität basiert, ist es keine Seltenheit, betont Roger Stuyck, dessen rote Mütze das Logo des sozialistischen Bunds ABVV trägt. „Bei uns gibt es keine Unterscheidung. Hafenarbeiter stehen zusammen.“ Eine Rundfahrt durch den Hafen verleiht seinen Worten Nachdruck: Verlassen liegen die Hallen, bewegungslos stehen die Kräne, die Noordkasteelbrug, eine der großen Brücken auf einer wichtigen Verkehrsader des Hafens, ist hochgezogen und unpassierbar.

„Es ist ohnehin schon so, dass wir für immer mehr Arbeit immer weniger verdienen“, sagt Mark V., der seinen vollständigen Nachnamen nicht in der Zeitung sehen möchte. Auch er ist ein Routinier, ein Antwerpener Schauer aus Familientradition, bald 50 und seit drei Jahrzehnten mit dem Befestigen von Ladung bei Wind und Wetter beschäftigt.

„1700 Euro netto lassen sich damit monatlich verdienen”, sagt Mark V. achselzuckend und lenkt sein Auto zurück in das Viertel am Eingang des Hafens, wo sich die Docker mehrmals am Tag für die verschiedenen Schichten anwerben lassen. „Natürlich ist das unterbezahlt. Und auf der anderen Seite schmeißt die Regierung mit Tausenden von Euros um sich.“

Es hat in Belgien für viel Diskussionsstoff gesorgt, dass man in den letzten Jahren verstärkt multinationale Konzerne mit Steuervorteilen ins Land zu locken versuchte. Auch dieses Detail stärkt die Wut, ebenso wie es die Forderung nach einer Vermögenssteuer unterstreicht.

Von alldem hat die asiatische Reisegruppe natürlich keine Ahnung, die sich am späten Vormittag mit großen Augen durch das Foyer des Antwerpener Hauptbahnhofs bewegt. Merkwürdig leer ist es hier heute, eine ungekannte Stille verleiht der riesigen Halle etwas Museales. Die meisten Schalter sind unbesetzt, die Abfahrtstafeln vakant, es scheint, als sei der sonst so belebte Bahnhof in Dornröschenschlaf gefallen. Noch nicht einmal geredet wird über seine Ursache, mit Ausnahme eines älteren Mannes in vornehmem Mantel, der empört sagt, die Gewerkschaften würden das Land kaputtstreiken.

Der Posten der Eisenbahner befindet sich eine Haltestelle weiter, am Stadtteil-Bahnhof Berchem. Seit dem Vorabend haben sie sich hier versammelt, am Eingang steht unter einem knallroten Zeltdach ein Grill, es gibt Tee, Kaffee und Croissants. „Ein Hamburger, Marc?“, sagt der Grillmeister zu Marc Bogaert, dem Regionalsekretär der sozialistischen Gewerkschaft im Öffentlichen Dienst. „Ja, gerne“, antwortet Bogaert, der kaum geschlafen hat und die Stärkung gut gebrauchen kann. Im Radio sorgt selbst das Geiseldrama im fernen Sydney nur für kurze Unterbrechungen des Programms, das sich ansonsten nur um den Streik dreht.

Als Vorhut des Streiks sieht Marc Bogaert die Eisenbahner nicht, vielmehr als Rädchen im gewerkschaftlichen System. Dass sie eine exponierte Stellung haben, räumt er freilich unumwunden ein: „Wenn wir streiken, hat das natürlich Folgen für das ganze Land.“

Rund 50 Prozent des Personals, so Bo­gaert, habe die Arbeit niedergelegt, wodurch 24 Stunden lang keine Züge fahren. Auch die Eisenbahner bewegt die Aussetzung des Lohnindexes und die Anhebung des Rentenalters. Hinzu kommen ihre ganz spezifischen Beweggründe: eine Million Überstunden, so Bogaerts, hätten die 35.000 NMBS-Mitarbeiter angesammelt, ohne davon wegen chronischem Personalmangel Gebrauch machen zu können. „Und jetzt will die Regierung noch mal drei Milliarden bei uns einsparen.“

Auch in Berchem kommt gegen Mittag „Hart boven Hard“ vorbei – diesmal im Rahmen einer Fahrradtour, an der um die 1000 Menschen teilnehmen. Sehr zur Freude von Wim Vandeplas und Luc Aerts, zwei Delegierten des christlichen Gewerkschaftsbunds. Die Solidarität dieses breiten Bündnisses ist, so finden sie, nicht hoch genug einzuschätzen. „Ohne diese Unterstützung heißt es doch schnell: Ach, die Gewerkschaften nun wieder!“, sagt Wim Vandeplas. Und Luc Aerts ergänzt: „Diese Solidarität zeigt, dass unsere Proteste in der Gesellschaft eine breite Tragfläche haben.“

Folgt jetzt ein heißer Winter?

Wie aber soll es nach dem Generalstreik weitergehen? Es gibt Stimmen in Belgien, die eine Vermögenssteuer unumgänglich finden, als Entgegenkommen der Regierung gegenüber den Streikenden. Der liberale Gewerkschaftsbund dürfte empfänglich für die Idee sein, im Gegenzug die Proteste einzustellen. Nicht so die Vertreter des christlichen Bundes in Antwerpen-Berchem. Sie sähen das anders, betont Wim Vandeplas. Ebenso wie ihre Kollegen in den roten Jacken finden sie eine Rückkehr zum Index- System essenziell.

Letztere haben derweil schon die nächste Streik-Ankündigung ausgegeben: „Sie wird morgen gültig und ist unbefristet“, erläutert Marc Bogaert. Welcher Art die neuen Proteste sein werden, lässt sich noch nicht sagen. Ebenso wenig, wann diese angesetzt werden. „Vielleicht in diesem Jahr. Vielleicht nach den Feiertagen. Einige von uns sind seit vier Wochen mit der Organisation der Streiks beschäftigt, die müssen mal ihre Batterien aufladen.“ Fest steht: Wenn die wieder voll sind, dürfte dem heißen belgischen Herbst ein ebensolcher Winter folgen.

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