Aachen - „Gemeinsam einsam“: Ein Film über junge Flüchtlinge

CHIO Freisteller

„Gemeinsam einsam“: Ein Film über junge Flüchtlinge

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
14598248.jpg
Ab auf die Couch: Nach der Vorführung des Films „Gemeinsam einsam“ diskutierten im Theater Aachen unsere Redakteurinnen Ines Kubat (4. von rechts) und Annika Kasties (2. von links) mit Beteiligten. Die Filmemacher Michael Chauvistré und Miriam Pucitta (2. und 3. von rechts) erläuterten ihr Konzept. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ein Abend mit Festivalflair. Engagierte Filmleute, aufgeregte Darsteller, konzentrierte Moderatorinnen, begeisterte Fans, international und in allen Altersgruppen: Als Veranstaltung im Rahmenprogramm zur Karlspreis-Verleihung und mit Unterstützung des Rotary Clubs Aachen, der Stadt, unserer Zeitung und der Karlspreisstiftung wurde der jüngste Werkstattfilm des Aachener Ehepaars Michael Chauvistré und Miriam Pucitta nun zum Theater-Ereignis mit großer Resonanz.

Dritte Produktion

„Gemeinsam einsam: Geschichten vom Zusammenkommen“ ist nach „Wie geht Deutschland?“ und „Eine Banane für Mathe“ die dritte sehr spezielle Produktion dieser Trilogie, in der es um jugendliche Flüchtlinge in Aachen geht, ihre Wünsche, Sehnsüchte und Anstrengungen, im neuen Leben Fuß zu fassen.

Von Anfang an war es den Filmemachern wichtig, ein Höchstmaß an Authentizität zu erreichen. So erlebt man im Kooperationsprojekt mit der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen und zahlreichen Institutionen der Stadt die Hauptdarsteller nicht nur vor, sondern auch aktiv hinter der Kamera. „Es ist beeindruckend, wie sie inzwischen ihr Leben meistern, ein Gewinn für uns alle“, begrüßte Kulturdezernentin Susanne Schwier die Besucher im gut gefüllten Theater. „Das bürgerschaftliche Engagement ist enorm, jeder Kontakt ein Stück gelebte Integration.“

„Gemeinsam einsam“ ist kein trauriger Film, eher ein nachdenklicher und realistisch geprägter Beitrag mit viel Sinn für Humor und Situationskomik, mit bewegenden Details und stillen Momenten, ängstlichen Blicken und jeder Menge Lachen. Der Aachener Musiker und Komponist Dieter Kaspari, zuständig für den Soundtrack zum Film, kommentiert musikalisch die jeweilige Gefühlslage der Akteure, rau bewegen sich seine auf der Gitarre improvisierten Blues-Motive hin und wieder in melancholische Tiefen. Gern unterlegt er flotte Aktionen mit frischen dynamischen, manchmal sogar widerborstigen Klängen.

Im Film sieht man Tanzid als Auszubildenden im Pflegeheim, wo er fürsorglich auf alte Menschen eingeht, Ibrahim aus Guinea, der sagt „in Deutschland essen alle Brot, ich will backen lernen“ und ins Bäckerhandwerk einsteigt, bald seine Lehre beginnt. Die zurückhaltende Zahra aus Eritrea hat Interesse an Kosmetik, strebt aber einen guten Schulabschluss und ein späteres Studium an, Heki aus Afghanistan, der eigentlich Schauspieler werden wollte. Sie alle haben es nicht leicht – mit der Sprache, den anderen Gepflogenheiten, der gesellschaftlichen Situation.

„In Afghanistan leben wir immer zusammen, alle Generationen, auch dann, wenn wir heiraten“, sagt zum Beispiel Heki. Der Film zeigt sie alle beim Erkunden ihrer neuen Welt, in der Stadt, beim Kochen, im Wald, der so anders ist als daheim, beim Besuch im Freilichtmuseum Kommern, wo die jungen Männer mit großem Staunen zum ersten Mal begreifen, was den Ochsen vom Bullen unterscheidet.

Über allem schwebt als Damoklesschwert die Sorge, ob das mit der Aufenthaltserlaubnis wirklich klappt, was geschieht, wenn man ins Herkunftsland zurückkehren muss. Bei einem Bootsausflug mit deutschen jungen Leuten wird der gemeinsame Spaß für einige zur bitteren Erinnerung: Die Flucht mit dem Boot, eng zusammengepresst, in Lebensgefahr – das sitzt bei manchem noch sehr tief.

In einer entspannten Diskussionsrunde versammelten Ines Kubat und Annika Kasties, Redakteurinnen unserer Zeitung, schließlich Filmemacher und Protagonisten auf der grauen Ledercouch. Geplant waren drei junge Gesprächspartner. Doch der angehende Bäcker Ibrahim wollte unbedingt gleichfalls dabei sein und über Brot in Deutschland reden. Er klettete spontan auf die Bühne und setzte sich strahlend neben Miriam Pucitta. Alle lachten. Es war okay.

Zunächst erläuterte Chauvistré nochmals das Konzept seiner Arbeit, schilderte das enorme Netzwerk der Hilfe, das sich im Laufe der drei Produktionen entwickelt hat und weiter wirkt.

Im Gespräch mit den Jugendlichen wurde klar: Sie ringen alle um ihre beruflichen Wege, wünschen sich Liebe und Partnerschaft, Familie und Sicherheit. Sie wollen „ankommen“ in einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Und Heki hat einen sehr großen Wunsch: „Ich möchte meiner Mutter eine Reise nach Mekka ermöglichen und sie begleiten, bei uns versprechen das die Kinder traditionell den Eltern!“ Viel Applaus für eine dokumentarische Leistung, die viele poetische Momente bietet, Zwischenebenen öffnet und allen Mut macht.

„Helfende Hände“

Damit es mit der Integration weitergehen kann, hat der Rotary Club Aachen die Gesamteinnahmen dieses Abends (rund 2500 Euro) dem Projekt „Helfende Hände“ des Sozialdienstes Katholischer Männer gespendet, wo man ehrenamtliche Helfer in allem schult, was wichtig ist, um Flüchtlinge zu begleiten – etwa zu Behörden, Vorstellungsgesprächen oder bei der Wohnungssuche.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert