Aachen - Geldautomaten-Sprengungen: Wie die Banken sich schützen könnten

Geldautomaten-Sprengungen: Wie die Banken sich schützen könnten

Von: Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
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Die Zerstörung nach einer Sprengung in Alsdorf vor fünf Monaten unterfüttert eine Warnung aus der Sicherheitsrichtlinie: „Wenn sich zum Zeitpunkt der Explosion Personen in der Nähe des Automaten befänden, würden diese mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben.“ Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die aktuelle Serie von Geldautomatensprengungen in Nordrhein-Westfalen ist nicht die erste auffällige Häufung dieser Art. Schon 2009 und 2010 gab es eine ähnliche Welle in NRW und vor allem in der Nähe zur niederländischen Grenze. Eigentlich wollten Sicherheitsbehörden, Banken, Sparkassen und Versicherungen daraus lernen.

Sie erarbeiteten 2012 gemeinsam die „Richtlinien zur Sicherung von Geldautomaten“, um den Tätern künftig das Leben schwerer zu machen. Doch angesichts der immer noch meist erfolgreichen Sprengungen der aktuellen Serie bleibt wohl nur das Fazit: Viele Banken und Sparkassen haben bislang die Empfehlungen der Richtlinie nicht umgesetzt, ignorieren massive Warnungen und gefährden damit weiterhin das Leben von Menschen.

Denn: „Wenn sich zum Zeitpunkt der Explosion Personen in der Nähe des Automaten befänden, würden diese mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben“, heißt es in der Richtlinie, die unser Zeitung vorliegt.

Vorbild Niederlande

Dass die Täter in den vergangenen neun Monaten 45 Mal zuschlugen und dabei 30 Mal erfolgreich mit ihrer Beute fliehen konnten, zeigt die bislang noch weit verbreitete Missachtung der Richtlinie. Sie empfiehlt zertifizierte Bankautomaten, die Sprengversuchen standhalten, oder Sensoren, die sofort Alarm auslösen, wenn Sprenggas einströmt, oder Farbpatronen, die bei einem Einbruch das gesamte Bargeld markieren und damit quasi wertlos machen.

In den Niederlanden gibt es seit ungefähr zwei Jahren eine Vereinbarung darüber, dass Banken die sprengsichere Bauart der Geldautomaten und Gasdetektoren verwenden. Das habe sofort die Fallzahlen gesenkt, sagt Kriminaldirektor Dietmar Kneib, Leiter Ermittlungen Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt (LKA). Aber der Tatanreiz, das Geld, war immer noch da.

Deswegen setzten die niederländischen Banken zusätzlich Farbpatronen oder Epoxidharz ein. „Es gibt heute noch Geldautomatensprengungen in den Niederlanden“, sagt Kneib, „aber nur bei den Geldinstituten, die sich nicht der Vereinbarung angeschlossen haben.“ Die hoch professionellen Banden verfolgen offenbar genau, wie gut sich welche Bank schützt – und erkennen auch entsprechend gesicherte Automaten.

Es ist also kein Zufall, dass die zweite Serie der Geldautomatensprengungen in NRW seit zwei Jahren läuft. Und das Problem wird immer größer. Eine Auflistung des LKA zeigt, dass sich die Häufigkeit nach vereinzelten Vorfällen in den ersten Monaten dieses Jahres inzwischen auf zwölf im Oktober und elf im noch laufenden November gesteigert hat.

Geldautomaten der Sparkassen sind am häufigsten betroffen. Angesichts dieser Häufung, sagt Kneib, sei das Problem aber nun bei den Banken und Sparkassen angekommen. „Wir sind in wirklich guten Gesprächen.“

Inzwischen, das sagen alle Geldinstitute, sind bei der Neuanschaffung von Geldautomaten die sprengsicheren Modelle Standard. Doch bis alle umgerüstet sind, wird wohl noch Zeit vergehen. Deswegen raten Kneib und seine Kollegen zu einigen Sofortmaßnahmen. Dazu gehört etwa, dass frei stehende Automaten nachts nicht mehr befüllt werden.

Und da die Täter meist zwischen 0 und 5 Uhr in den Bankenfoyers schnell und unbemerkt agieren können, empfiehlt die Polizei deren komplette Schließung in dieser Zeit. Dies sei inzwischen „weit verbreitet“, sagt Kneib – und wirksam. „Das Risiko der Täter, durch den Einbruchslärm Nachbarn aufzuwecken, ist einfach zu hoch“, sagt er.

Die Sparkasse Düren, deren Automat in Titz erst kürzlich einem Sprengversuch standhielt, hat derzeit noch geöffnete Foyers, denkt aber nach Angaben von Sprecher Dirk Hürtgen darüber nach, „wie man Service und Sicherheit in Einklang bringen kann“.

Die Sparkasse Aachen, im vorigen Jahr zwei Mal und in diesem Jahr einmal betroffen, interpretiert den Begriff „verschlossen“ offenbar anders als die Polizei: Ihre Foyers seien außerhalb der Öffnungszeiten seit vielen Jahren verschlossen, teilt Erich Timmermanns mit, Sprecher der Sparkasse Aachen. Was er aber meint: „Der Zugang ist nur möglich über die Nutzung eines Kartenlesers an den Türen.“

Eine Hürde, die die Täter schon fast vier Dutzend Mal in NRW in diesem Jahr genommen haben. Die Sparkasse Aachen nutzt zudem noch Videoaufnahmen, die von einer Leitstelle überwacht werden. Doch die Täter sind laut LKA in nur fünf Minuten am Tatort. Dann haben sie, was sie brauchen. Bislang genügte diese Zeit der Polizei noch nie, um die Täter vor Ort festzunehmen.

In unserer Region sind nur im Kreis Heinsberg die Foyers der Kreissparkasse nachts komplett verschlossen. Und dort zeigt sich die Wirksamkeit. Nach vier Geldautomatensprengungen sind seit Ende 2014 die Vorräume zwischen 0 und 5 Uhr geschlossen.

Als im März dieses Jahres dann drei maskierte Täter kurz vor 5 Uhr in Selfkant versuchten, die Eingangstür aufzuhebeln, weckten sie einen Mann, der über der Filiale wohnt. Als die Täter den Zeugen bemerkten, flohen sie unverrichteter Dinge. Die Sparkassen im Kreis Heinsberg sind seitdem nicht mehr heimgesucht worden.

Der Druck in den Geldinstituten steigt – inzwischen auch durch ihre Versicherungen, denn der Schaden geht inzwischen in die Millionen. Die Provinzial, die eine enge Zusammenarbeit mit den hauptsächlich betroffenen Sparkassen pflegt, spricht lediglich von einem „Problem“ und möchte öffentlich nicht weiter Stellung beziehen.

Die Raiffeisen- und Volksbanken-Versicherung (R+V) spricht dagegen offen von einem „erheblichen Risiko“, das mit den klassischen Möglichkeiten der Einbruchsicherungstechnik bisher nicht eingedämmt werden konnte. Der Erfolg jeder Sicherung sei aber in großem Maße von der erfolgreichen Fahndungsarbeit der Polizei abhängig. „Werden die Täter erwischt“, teilt eine R+V-Sprecherin mit, „hat dies die beste abschreckende Wirkung.“

Konkrete Täterhinweise

Die Polizei sieht durchaus ihre Verantwortung, die Intensivtäter so schnell wie möglich zu erwischen. Derzeit würden die Tatserien analysiert, um sie einzelnen Tätergruppen zuzuweisen, sagt LKA-Direktor Kneib. Eine Vielzahl der Fälle im Grenzgebiet werde von niederländischen Tätern verübt, „aber wir reden auch über Gruppen, die in Deutschland ihren Sitz haben“. Es gebe inzwischen konkrete Täterhinweise.

Kneib sieht aber auch die Verantwortung der Banken und Sparkassen, ihr Eigentum selbst zu sichern. „Juweliere räumen nachts auch ihre Auslagen aus“, sagt er. „Langfristig löse ich das Problem nicht nur durch Festnahmen, sondern eben auch durch die notwendigen Sicherungsmaßnahmen, die die Täter abschrecken.“

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