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Geilenkirchen nach dem großen Beben

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
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Georg Schmitz bei seiner Vereidigung am 21. Oktober. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Geilenkirchen. Georg Schmitz hat einen Schleichweg genommen, über einen Parkplatz und zwischen Gebüschen hindurch, nun kommt er aus einer dunklen Ecke heraus und steht plötzlich vor der Kneipe im Licht. Fünf oder sechs Geilenkirchener knubbeln sich an einem Stehtisch und rauchen, es gibt ein großes Hallo, das ist immer so, wenn er auftaucht, der Schorsch.

Einer der Raucher fragt, was denn jetzt mit der Rathausuhr sei. „Geh doch zum Rathaus und guck mal nach oben, Du Depp!“, flachst Schmitz. Dann geht er in die Kneipe, das Gerberhaus. Drinnen erklärt er: Die Beleuchtung der Uhr sei seit Jahren kaputt gewesen, die Leute habe das genervt. Nun habe er sich die Sache aber selbst mal angesehen, und siehe da, es mussten nur zwei Halogenröhren ausgetauscht werden. „Ich verstehe das wirklich nicht, wieso hat sich um so einfache Dinge keiner gekümmert?“, fragt er achselzuckend.

Vor vier Monaten ist Georg Schmitz als Bürgermeister von Geilenkirchen vereidigt worden, am 21. Oktober, seine Wahl war eine gewaltige Überraschung gewesen. Er hatte es ohne Unterstützung aus der Politik geschafft, ohne Führungserfahrung und ohne große Kenntnis von Verwaltungsabläufen. Er war der bekannteste Bürger dieser Stadt, vor allem weil er Jahrzehnte lang als Reporter für den Lokalteil unserer Zeitung gearbeitet hat, und er war der beliebteste Bürger dieser Stadt, weil er ein netter Mensch ist, stets locker drauf, bodenständig, großes Herz, das war seine Qualifikation.

Jetzt also hat er hier das Sagen. Untergegangen ist Geilenkirchen nicht. In ein paradiesisches Utopia verwandelt hat es sich auch nicht. Das ist deshalb erwähnenswert, weil es während des Wahlkampfs die Wenigsten für möglich hielten, dass es mit einem Bürgermeister Schmitz irgendetwas dazwischen geben könnte. Es waren ziemlich verrückte Wochen damals.

Kommunalpolitisches Erdbeben

Im Gerberhaus hat Georg Schmitz schnell gefunden, wen er sucht, die Junge Union (JU) hat ihn zum Gespräch eingeladen und wartet in einer Sitzecke. Die Kellnerin schleppt Bier an und für Schmitz ein Tonic Water, er ist Abstinenzler, immer schon. Jetzt erklärt er, wieso er auf Facebook nicht mehr so aktiv ist wie im Wahlkampf: Der Job nehme ihn zu sehr in Anspruch, er sei ja ständig bei Abendterminen, über zu viel Freizeit könne er wirklich nicht klagen, sagt er, „na ja, jibt ja auch jut Jeld“. Trotzdem fährt Schmitz noch mit dem kleinen, roten Seat Arosa herum, der dank knallgelber Feuerwehrstreifen fast so bekannt ist wie er selbst. Das ist sympathischer als der protzige Audi A6, dem die Stadt ihm hingestellt hat, er weiß das.

Schmitz‘ Triumph bei der Wahl war eine Schmach für die Parteipolitik. Und er hatte Konsequenzen. Vor allen Dingen galt das für die CDU, deren Verband binnen kurzer Zeit um fünf Prozent der Mitglieder schrumpfte. Und im Rat gibt es jetzt zwei völlig neue Fraktionen, die sich von CDU respektive SPD abgespalten haben („Geilenkirchen bewegen!“ und „Für GK!“, beide mit Ausrufezeichen), die Linksfraktion löste sich auf in Einzelkämpfer, von denen einer sich zu den Überresten der SPD-Fraktion gesellte, man stimmt jetzt ab als „SPD-Linke“.

Ein FDP-Ratsherr schloss sich dann später noch den CDU-Abtrünnigen an, so dass deren Fraktionsbezeichnung direkt einer Ergänzung bedurfte, „Geilenkirchen bewegen! Und FDP“ nennt man sich nun. Nicht für jede dieser tektonischen Verschiebungen war Schmitz’ Wahlsieg die direkte Ursache, dennoch hatte er das kommunalpolitische Erdbeben ausgelöst. Gerade für ihn selbst, der praktisch nur Wohlgefallen kennt, war der Stress enorm.

Als der Staub sich gelegt hatte, flog er über Weihnachten erst einmal nach Thailand, da hat er früher einige Jahre lang eine Strandbar betrieben. Für Bürgermeister gibt es keine Urlaubssperre.

Kein stilles Kämmerlein mehr

Die Parteien machten sich nach der Wahl so ihre Gedanken. Die Ratsleute von „Für GK!“ zum Beispiel legen jetzt Wert darauf, zu ihren Fraktionssitzungen Bürger einzuladen, und die Junge Union hat auch das Treffen mit Schmitz im Gerberhaus öffentlich angekündigt: Wer wolle, der könne gerne dazu kommen, zuhören, mitreden, fragen, anregen. Niemand soll mehr sagen können, die Dinge würden im stillen Kämmerlein ausgebrütet.

Wahrgenommen hat dieses Angebot genau ein Geilenkirchener, der nicht zur Jungen Union gehört und der nicht Georg Schmitz ist. Nicht drei, nicht zwei, nur einer. Vielleicht ist so ein Treffen zwischen Polit-Nachwuchs und Bürgermeister ja einfach zu unverbindlich, um eine größere Resonanz zu erzielen. Man darf aber an dieser Stelle auch mal fragen, ob die, die das Volk vertreten, wirklich immer so viel schlechter sind als die Zivilgesellschaft.

Wie dem auch sei: Aus der stillschweigend getroffenen Übereinkunft, dass man es denen im Rathaus doch endlich mal zeigen müsse, hat Schmitz den maximalen Profit gezogen, das ist Fakt. Er hatte versprochen, sich um die Belange des kleinen Mannes zu kümmern, der kleine Mann glaubte ihm. Und bislang hält Schmitz Wort, wo immer er es kann, da gibt es kein Vertun.

Einer Seniorin, die jahrelang unter unzumutbarem nächtlichem Lärm und Drohungen des Nachbarn litt, der nebenan in einer ehemaligen Garage ohne entsprechende Zulassung hauste, konnte geholfen werden, ganz plötzlich. Und als wieder mal fünf schöne, große Bäume aus dem Stadtbild verschwanden, was in Geilenkirchen ein überaus leidiges Thema ist, folgte Schmitz den Grünen und versprach, dass die Verwaltung in Zukunft jeden Herbst über geplante Maßnahmen informieren wird. Der kleine Mann von heute mag Bäume, jedenfalls so lange deren Laub nicht in seinen Garten fällt. Und dann das Beispiel mit der Rathausuhr, es wurde schon genannt. Es ist banal und gerade deswegen so schön. Es legt nahe, dass Verwaltungen, die etwas Bestimmtes nicht tun, manchmal einfach nur keine Lust haben, und das ist ja genau das, was die Schmitz-Wähler schon lange geahnt hatten.

Schmitz hat aber nicht nur die Bürgernähe zu seinem Versprechen gemacht, sondern auch das große Ganze. Er werde die Stadt nach vorne bringen, als Integrationsfigur. Und deshalb diskutiert Schmitz nun in der Sitzecke im Gerberhaus mit der Jungen Union über den Einzelhandel und die vielen leerstehenden Ladenlokale.

Ein stilles Kämmerlein ist das hier tatsächlich nicht. Der Daddelautomat klimpert, die Musikanlage dudelt, Gejohle von der Theke, man muss sich etwas vorbeugen, um alles zu verstehen. H&M wird schon mal nicht kommen, ist zu erfahren, Schmitz hat selbst angerufen und mal gefragt. H&M gibt’s aber leider schon in Heinsberg. Schmitz berichtet auch von einem Treffen mit den Vermietern der Ladenlokale, eine Staffelmiete sei vorgeschlagen worden, um den Geschäftsleuten größere Planungssicherheit zu geben, das sei aber nicht so gut angekommen. Klasse wäre natürlich ein Generalinvestor, der die Lokale füllt, habe ja in Hückelhoven gut funktioniert, aber leider sei keiner in Sicht.

Die Chance auf ein großes Nahversorgungszentrum, das die Kaufkraft in der Stadt hält, wurde ja sowieso schon vertan, bevor Schmitz Bürgermeister wurde, es steht jetzt drüben in der Nachbarstadt Übach-Palenberg und läuft gut, auch dank Geilenkirchener Bürgern, die dort einkaufen. Ähnlich war es mit einem Boarding Hotel. Dessen Investor interessierte sich für Geilenkirchen, fand dann aber in Übach-Palenberg, was er suchte.

Übach-Palenberg ist eine Stadt, die nach dem Ende der Bergbau-Ära unter fürchterlichen Problemen gelitten hat und noch immer leidet. Wenn es mittlerweile mitunter Gründe gibt, mit einem Anflug von Neid dorthin zu blicken, sagt das nichts Gutes aus.

Natürlich wäre es zu viel verlangt, dass Georg Schmitz innerhalb einiger Monate die Probleme löst, die seine Vorgänger über Jahre nicht lösen konnten. Doch der Tag rückt näher, an dem er die Frage, ob Geilenkirchen den Anschluss verloren hat, verneinen können muss. Wenn Georg Schmitz der Jungen Union und dem einen Gast im Gerberhaus erzählt, was es in Heinsberg und in Hückelhoven und in Übach-Palenberg alles gibt, dann wirkt es ein wenig, als habe er in den vergangenen vier Monaten auch vieles über die Schwierigkeiten seiner Vorgänger lernen müssen. Ein notwendiger erster Schritt.

Vielleicht ist auch der zweite schon getan, charmanterweise hat er mit der Nato-Airbase zu tun, die südwestlich der Stadt liegt. Am Mittwoch nach dem Treffen im Gerberhaus stellte Schmitz sein erstes großes Projekt im Stadtrat vor: Eine ausgemusterte Awacs-Maschine des Nato-E3A-Verbandes soll in den Wurmauenpark gestellt werden, mit einem Café darin. Die Politik war begeistert, die Geschäftsleute sind es auch. Es müsste eine Wiese gekauft werden, die 16 Mitgliedsnationen des Verbandes müssten zustimmen. Es wäre der Publikumsmagnet, den Geilenkirchen so dringend braucht. Und es ist zu hoffen, dass nicht auch dieses Projekt scheitert. Das werden erst die kommenden Monate zeigen. Die Boeing wird ohnehin erst 2017 aussortiert.

Die Vereinswelt brüskiert

Auch Schmitz‘ Vorgänger Thomas Fiedler war parteilos, auch er machte die Wirtschaftsförderung zu seinem Versprechen, als er 2009 in den Wahlkampf ging. Es blieb bei Achtungserfolgen, der große Wurf blieb aus. Bürgermeister Fiedler war ein Intellektueller mit guten Umgangsformen, belesen, gesegnet mit einem feinen Sinn für Humor und zahlreicher Sprachen mächtig. Nur die des kleinen Mannes, die zählte nicht dazu. Zu Beginn seiner Amtszeit schaffte Fiedler die städtischen Empfänge für die Schützen und für die Karnevalisten ab, die Stadt musste ja sparen. In der Sache mag das nicht falsch gewesen sein, richtig ist aber eben auch, dass es im ländlichen Raum kaum eine zuverlässigere Möglichkeit gibt, sich unbeliebt zu machen, als die Vereinswelt zu brüskieren. Natürlich lässt sich Fiedlers Amtszeit nicht hierauf reduzieren, symptomatisch war es aber doch. 2015 jedenfalls trat er gar nicht erst wieder an. Ihm fehle der politische Rückhalt, hieß es.

Neulich gab die Stadt wieder einen Empfang für die Karnevalisten, Georg Schmitz trat als Scheich verkleidet auf.

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