Gehörlose auf dem Weg zum Traumberuf

Von: Sabine Rother
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Intensive Kommunikation: Florian Kramer (Mitte), Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Kompetenzzentrums „SignGes“ an der RWTH, unterhält sich angeregt mit seinem gehörlosen Kollegen Ege Karar (links) und Horst Sieprath. Foto: Harald Krömer

Aachen. Barrierefrei? Keine Schwellen oder Stufen, breite Türen, akustische Hilfen beim Museumsbesuch – das wünscht sich Florian Kramer. Er ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Kompetenzzentrums „SignGes“ an der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen.

„Es wird Zeit, dass man den Begriff barrierefrei gleichwertig auch auf den Bereich der Hörbehinderungen bezieht. Daran arbeiten wir.“ Seit 20 Jahren gibt es die Forschungsgruppe für Gebärden- und Gestensprache am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft am Lehrstuhl für Deutsche Philologie. Dort promovieren inzwischen auch zwei Gehörlose.

Alles ist möglich

„SignGes“ ist eine Abkürzung von „Sign Language“ (Gebärdensprache) und „Gesture“ (Gestik). Im Kompetenzzentrum bündeln seit kurzem hörbehinderte und hörende Mitarbeiter vom Sozial-, Wirtschafts und Sprachwissenschaftler bis zum Ingenieur, Informatiker und Grafikdesigner Projekte, die der beiderseitigen Kommunikation dienen.

Sie sollen verstärkt Menschen mit Hörbehinderung dazu befähigen, ein normales Leben zu führen, Ausbildung und Studium zu durchlaufen und als Gehörloser oder Schwerhöriger Wunschberufe auszuüben. Ein gehörloser Rechtsanwalt oder Unternehmer? Alles ist möglich, betonen die Experten.

Im Rahmen der Eröffnungstagung des Kompetenzzentrums am 21. und 22. Januar im Super C der RWTH werden solche Ergebnisse und Zukunftsplanungen mit Gästen aus ganz Deutschland diskutiert – ganz im Sinne des RWTH-Zukunftskonzeptes „Human Technology Center“ (HumTec), auf dessen Basis Mensch und Technik zusammengeführt werden sollen.

„Man hat lange nicht daran gedacht, dass jeder Mensch in seiner Sprache denkt“, betont Kramer. „Der Gehörlose denkt in der Regel in Gebärdensprache, er sollte daher auch in dieser Sprache unterrichtet werden. Per Kernspintomographie lässt sich beweisen: Jener Bereich der beim Hörenden durch Sprachreize aktiviert wird, reagiert beim Gehörlosen, wenn er auf einem Monitor Gebärdensprache sieht.“

Gebärdensprache, anders als redebegleitende Gestik und Pantomime bei Hörenden, verbindet sich zu einem dreidimensionalen Sprachsystem mit einer eigenen Grammatik. Zudem gibt es eine Art Gebärdenlexikon mit festgelegten Gebärden für Begriffe und gebärdensprachlichen Varianten, die zeigen, ob etwas ironisch oder humorvoll gemeint ist.

Sogar Sprichworte sind möglich. „Als die Gebärdensprache als wissenschaftlich nachgewiesene Sprache anerkannt wurde, hat man im Sozialgesetzbuch IX endlich das Recht eines Gehörlosen auf einen Dolmetscher verankert, etwa bei Behörden“, erklärt Kramer. „Ein wichtiger Schritt.“

Einer der Schwerpunkte von „SignGes“: die besonderen kommunikativen Bedürfnisse gehörloser Menschen erfüllen. So wurde das Aachener Testverfahren zur Berufseignung von Gehörlosen als interdisziplinäres Projekt gemeinsam von Neurologen und Sprachwissenschaftlern entwickelt. „Selbst schriftliche Testverfahren basieren auf gesprochener Sprache“, sagt Kramer.

„Für jeden Gehörlosen ist der Schriftspracherwerb aber sehr mühsam, der Gehörlose hat ja keinen inneren Klang, wenn er etwa das Alphabet sieht. Die Buchstaben sind für ihn eher Hieroglyphen.“ Die Folge: Ein Berufseignungstest ist nur barrierefrei, wenn diese Tatsache berücksichtigt wird und eine gebärdensprachliche Kommunikation stattfindet, beispielsweise per Video.

Ein anderes Bedürfnis ist die berufliche Selbstständigkeit. „Warum sollte ein Gehörloser kein Unternehmen gründen?“, sagt Kramer. Als „SignGes“-Projekt wurde deshalb das bundesweit erste Existenzgründungskolleg für Menschen mit Hörbehinderung ins Leben gerufen.

„Vielfach werden mit diesem Hintergrund Unternehmen gegründet, die wiederum Gehörlosen etwas bieten, zum Beispiel ein spezielles Reisebüro oder ein Restaurant. Davon haben ja auch Nicht-Behinderte etwas, die Kinder etwa oder Freunde und Partner“, sagt Kramer.

Im Aufbau befindet sich ein Mentorensystem, bei dem jüngere Gehörlose von bereits arrivierten Gehörlosen beraten und begleitet werden. „Bei den Rollstuhlfahrern klappt das seit den 60er Jahren. Die würden sich nicht von einem Nicht-Behinderten beraten lassen. Wer weiß besser, was eine Behinderung bedeutet, als der Behinderte selbst“, meint Kramer. Vielfach fehlten Hörbehinderten die Vorbilder.

Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker (in Aachen an der RWTH und am Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik) suchen beständig Schnittstellen, um die berufliche Integration von Gehörlosen, aber auch die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Hörenden zu verbessern – wie beim elektronischen Lernen, dem E-Learning, das deutlich verändert werden muss, um komplett barrierefrei zu werden. „SignGes“ mit „Vibelle“ (Visuelles zu Beruf, Leben und Lernen) entwickeln eine Lernsoftware, die ein interaktives Internet-Portal bietet.

Das gleiche Niveau

„Das Angebot von barrierefreien Informationen und Lerninhalten für Gehörlose muss verbessert werden, damit Hörende und Gehörlose das gleiche Niveau erreichen können“, fordert Kramer. Externe Informationsquellen sind begrenzt, nur beim TV-Sender Phoenix werden Nachrichten gebärdensprachlich begleitet und bei ARD-Alpha gibt es das Wochenmagazin „Sehen statt Hören“. Mehr nicht.

Barrierefreiheit – das oberste Ziel des Kompetenzzentrums für Gebärdensprache und Gestik – ist keine Einbahnstraße. So können gleichfalls Studenten anderer Hauptfächer als Zusatzleistung einen Schein in Gebärdensprache machen.

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