„Gefühle wollen und sollen die Menschen sehen“

Letzte Aktualisierung:
Ahmad Alrifaee
Ahmad Alrifaee, 24, ist 2014 aus Syrien nach Aachen gekommen. Er war Kriegsreporter für Reuters, hospitiert jetzt beim NDR und beginnt gleichzeitig ein duales Studium in Digital Journalism in Hamburg. Foto: Arman Ahmadi

Aachen. Ahmad Alrifaee, 24, ist 2014 aus Syrien nach Aachen gekommen. Er war Kriegsreporter für Reuters, hospitiert jetzt beim NDR und beginnt gleichzeitig ein duales Studium in Digital Journalism in Hamburg.

WirHier: Wie nah bist Du Deinem Traum gekommen, bald als Journalist nach Syrien zurückzukehren?

Ahmad Alrifaee: Ehrlich gesagt: noch nicht nah. Die Situation in Syrien ist in den letzten Monaten mit dem Eingreifen Russlands komplizierter geworden. Ich befürchte, dass das Land aufgeteilt wird, und wenn es kein geeintes Syrien mehr gibt, weiß ich nicht, ob ich noch zurück möchte.

WirHier: Du standest vor TV-Kameras, um über Deine Erfahrungen zu sprechen. Du willst selbst Journalist werden und persönliche Geschichten hören. Wie ist die Situation für Dich, und wie siehst Du die Journalistenarbeit?

Ahmad: Es fällt mir schwer, vor der Kamera zu reden. Aber ich will es – die Leuten sollen mich hören. Einmal hat ein Journalist mir zu einem Erlebnis eine Frage vier Mal gestellt. Doch in dem Moment ging es mir schlecht, ich konnte nicht sprechen. Dem Journalisten geht es in dem Moment wahrscheinlich auch nicht gut, aber das ist Teil der Arbeit, du musst Gefühle vermitteln. Das wollen und sollen die Menschen hören und sehen.

WirHier: Was denkst Du über die Berichterstattung in Deutschland über geflüchtete Menschen?

Ahmad: In manchen Fällen ist sie gefährlich, finde ich. Journalisten müssen auch bei diesem Thema immer aus der Vogelperspektive berichten. Wenn sie das nicht machen und sich für die geflüchteten Menschen einsetzen, positionieren sich andere deswegen gegen die Medien. Weil sie ihnen nicht mehr glauben. Und so positionieren sie sich auch gegen die Geflüchteten. Viele meiner Bekannten sehen das auch so.

WirHier: Und was sagst Du über die Syrien-Berichte?

Ahmad: Es passiert das, was ich befürchtet habe: Alle sehen ein Land, in dem nur Krieg herrscht. Es ist schade, dass bei den Berichten über Kriegsereignisse die Menschen schnell die Gründe vergessen können. Das ist aber nicht die Schuld der Medien. Ich frage mich, ob Syrien das neue Afghanistan wird. Ich selbst habe früher immer gesagt, dass dort nur Krieg herrscht, ich kannte nur dieses Bild. Die Menschen dort können da aber nichts für, sie sind in die Situation hineingeboren.

WirHier: Ist Deutschland deine Heimat?

Ahmad: Viele können sich das vielleicht nicht vorstellen, aber ich fühle mich als Teil der Bevölkerung. Ich verstehe die Sprache, kenne die Kultur, habe viele Menschen kennengelernt und Freunde gefunden. Ich fühle mich wohl – und das ist für mich die Definition von Heimat. Gesetzlich bin ich kein Bürger, aber ein Teil der Bevölkerung. Ich war vor zwei Jahren ein Flüchtling – bin ich es heute auch noch? Carsten Rose

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert