Gefangen zwischen Tod und Leben

Von: Marlon Gego
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Im Innern der Justizvollzugsanstalt Aachen: Am 11. März 2012 versuchte der damals 29 Jahre alte Fatih G., sich in seiner Zelle zu erhängen. Weil er als einer der gefährlichsten Häftlinge Nordrhein-Westfalens galt, zögerten die Justizbeamten, in seine Zelle zu gehen. Leisteten sie zu spät Hilfe? Das juristische Nachspiel begann. Foto: Andreas Herrmann, Andreas Steindl
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Die JVA Aachen von außen: Insgesamt war Fatih G. drei Mal dort untergebracht. Nun liegt der Wachkomapatient in einer Pflegeeinrichtung im Großraum Köln. Foto: Andreas Herrmann, Andreas Steindl

Aachen. Draußen war es fast noch dunkel, als Fatih G. beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er zeriss das Laken seines schmalen Bettes, befestigte es am gekippten Fenster seiner Zelle, machte einen Knoten in den Stoffstreifen und stieg auf einen Stuhl. Um 9.09 Uhr kamen drei Wärter in Fatih G.s Zelle und erkannten im Zwielicht des wolkenverhangenen Morgens seine Silhouette vor den zugezogenen Vorhängen des Fensters.

Was genau passiert war, erkannten die Wärter nicht. Aber als Fatih G. nicht auf ihre Ansprache reagierte, ahnten sie: Es musste etwas passiert sein. Sie verließen die Zelle, schlossen die Tür und schlugen Alarm. Es war der 11. März 2012, ein Sonntag in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen.

Als der Notdienst alarmiert und die Abteilungsleitung informiert war, liefen die drei Wärter zurück zu Fatih G.s Zelle. Sie befreiten ihn von seinem Strick und legten ihn auf den Boden. Fatih G. lebte, und die Wärter taten alles, um ihn bis zum Eintreffen des Notarztes am Leben zu halten. Zwar überlebte der damals 29 Jahre alte Häftling seine Suizidversuch, aber bis heute lebt er in einem Wachkoma, einem Zustand irgendwo zwischen Tod und Leben. Sein Gehirn war zu lange ohne Sauerstoff geblieben.

Ein Skandal in der JVA?

Hätten die Wärter Fatih G. sofort helfen müssen? Haben sie alles zu seiner Rettung getan? Eine Boulevardzeitung sprach von einem Skandal.

Fatih G. hatte schon früh in seinem Leben mit der Polizei zu tun, als er 15 war, fiel er mehrfach als Ladendieb auf. Kein Schulabschluss, keine Ausbildung, wahrscheinlich auch keine Träume. Mit 19 wurde das erste Verfahren wegen Körperverletzung gegen Fatih G. geführt. Mit 21 musste er unter anderem wegen Drogenbesitzes, Körperverletzung, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und gefährlicher Körperverletzung ins Gefängnis. Mit 23 stand er wieder vor Gericht, dieses Mal wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, räuberischen Diebstahls und gefährlicher Körperverletzung. „Ich kann von null auf 200 kommen, aber niemals ohne Grund“, sagte Fatih G. dem Richter damals.

Er verbrachte keinen Tag seines Lebens mehr in Freiheit.

In der JVA Köln bekam Fatih G. sein Leben nicht wieder in den Griff, schon in den ersten Wochen seiner ersten Inhaftierung geriet er mit anderen Gefangenen aneinander. Im August 2004 schlug Fatih G. einem Wärter unvermittelt mit einem Gürtel ins Gesicht, einen Monat später griff er einen Wärter an, der in seine Zelle kam.

Der nächste Angriff erfolgte kurz vor Weihnachten 2004, Fatih G. nahm einen Wärter in den Würgegriff, er musste von mehreren Kollegen befreit werden. Fatih G. wurde zur Untersuchung in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Die Ärzte diagnostizierten unter anderem eine dissoziale Persönlichkeitsstörung und empfahlen eine medikamentöse Behandlung. Zwei Tage später wurde er zurück in die JVA Köln verlegt. Im Jahr darauf wurde er als besonders gefährlicher Gefangener eingestuft, der in Einzelhaft am besten aufgehoben sei. Hinter dem Wort „Einzelhaft“ waren in der Gefängnisakte vier Ausrufezeichen gesetzt.

Nach mindestens zwei weiteren Angriffen auf Wärter der JVA Köln und drei Todesdrohungen legte die Anstaltsleitung fest, dass Fatih G.s Zelle nur noch von drei Wärtern gemeinsam betreten werden dürfe. Eine Anordnung, die fast während der gesamten Haftzeit in Kraft bleiben sollte.

Von einem Knast in den nächsten

Fatih G.s Gefängnisakte liest sich wie eine sich scheinbar endlos wiederholende Geschichte. Sie beginnt in der JVA Köln, geht in den Gefängnissen in Düsseldorf, Bochum und Aachen weiter, bevor Fatih G. wieder nach Köln, dann nach Wuppertal, wieder nach Aachen, wieder nach Köln, Bielefeld, wieder nach Bochum, ins Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg, wieder nach Wuppertal, nach Geldern und schon wieder nach Köln verlegt wird. Fast überall Beschimpfungen, Bedrohungen, Angriffe auf JVA-Bedienstete, Angriffe auf Mitgefangene. Er galt als einer der gefährlichsten Gefangenen in Nordrhein-Westfalen. Und Fatih G. verweigerte jede Form der psychologischen Hilfe.

Zwischenzeitlich waren Überlegungen angestellt worden, Fatih G. in die Türkei abzuschieben, eine Ausweisungsverfügung lag den Behörden vor. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen wurde Fatih G. am 15. Februar 2012 übergangsweise in der JVA Aachen untergebracht, am 20. März sollte er in eine psychiatrische Einrichtung nach kommen. Dort sollte einmal mehr versucht werden, Fatih G.s psychischen Zustand eingehender zu untersuchen.

Am 11. März 2012 versuchte Fatih G., sich in seiner Zelle zu erhängen, es kam zu einem Strafverfahren gegen die drei Aachener Wärter, die Fatih G. gesehen und dann kurz allein gelassen hatten, um Hilfe zu holen. Der Vorwurf: unterlassene Hilfeleistung. Alle drei Wärter wurden freigesprochen.

2015 schließlich, mehr als drei Jahre nach dem Suizidversuch, verklagte eine Kölner Rechtsanwältin das Land Nordrhein-Westfalen im Namen von Fatih G. auf Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von mindestens 500 000 Euro. Außerdem solle das Land für Fatih G.s Lebenshaltungs-, Pflege-, Unterbringungs- und Heilkosten aufkommen, so lange er lebt. Als Begründung gab die Rechtsanwältin unter anderem an, das Land NRW habe es – als Träger der Justizvollzugsanstalten – versäumt, Fatih G. aufgrund seiner psychischen Krankheit in einer Fachklinik unterbringen zu lassen. Zudem hätten die drei Wärter Fatih G. am 11. März 2012 nicht umgehend aus seiner lebensbedrohlichen Lage befreit.

Ende April nun sprach der Vorsitzende der 12. Zivilkammer des Aachener Landgerichts, Richter Uwe Meiendresch, das Urteil. Wie schon das Aachener Amtsgericht kam er zu der Auffassung, dass keiner der drei Wärter am Tag seines Selbstmordversuchs seine Dienstpflichten verletzt hatte. Außerdem habe niemals ein Psychiater, niemals ein Anstaltsarzt oder JVA-Bediensteter festgestellt, dass Fatih G. selbstmordgefährdet sei. Vielmehr habe „sich das spezifische Gefährdungspotenzial des Klägers auf andere Personen und eben nicht gegen ihn selbst“ bezogen. Meiendresch wies die Klage ab, die Einspruchsfrist läuft. Möglicherweise wird sich in letzter Instanz das Oberlandesgericht Köln mit dem Fall befassen müssen.

Fotos aus der Jugend

An einem Tag im Februar vergangenen Jahres stand Fatih G.s Vater am Bett seines Sohnes und hatte Tränen in den Augen. An den Wänden des Zimmers in einer Pflegeeinrichtung bei Köln hingen Fotos aus Fatih G.s Jugend, auch ein Fußballtrikot. Ob Fatih G. die täglichen Besuche seiner Familie wahrnimmt? Ob er die Musik hörte, die sein Vater ihm auch an diesen Tag angestellt hatte? Niemand kann es sicher sagen.

„Fatih war ein guter Junge“, sagte der Vater.

Aber wie konnte es dann so weit kommen?

In seiner Jugend hatte Fatih irgendwann die falschen Freunde, sagte der Vater, auf die er mehr gehört habe als auf seine Familie. Eine andere Antwort hatte selbst der Vater nicht.

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