Gauck am „Big Brain“ und bei kleinen Füchsen

Von: Peter Pappert
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Besuch in Jülich: Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte), dahinter (von links) NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, FZJ-Vorstandschef Professor Wolfgang Marquardt, Dietmar Nietan (MdB/SPD) und der Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Thomas Rachel. Foto: Volker Uerlings

Jülich. Über dem Forschungszentrum Jülich liegt erwartungsfrohe Nervosität. Nur Julian, Damir, Eduardo, Frederick, David und ein paar andere Vier- bis Fünfjährige, die sich wie die großen FZ-Wissenschaftler für den Besuch von Joachim Gauck gut präpariert haben, sind nicht nervös, sondern so entspannt, dass Frederick auf die Frage, ob sie denn alle gut vorbereitet seien, spontan sagt: „Ich bin extra gebadet worden.“

Der Bundespräsident und seine Partnerin Daniela Schadt sind am Donnerstag nach Jülich gekommen, um sich das komplexe menschliche Gehirn und Ursachen für dessen Erkrankungen erklären zu lassen. Beide sind nach gut zwei Stunden offensichtlich tief beeindruckt davon, mit welchem Aufwand und Erfolg Jülicher Spitzenforschung Voraussetzungen dafür schafft, Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson in Zukunft besser bekämpfen zu können. „Das kann ich als Laie nur bestaunen“, gesteht Gauck.

Wie Grundlagenforschung zu neuen therapeutischen Ansätzen führt, wie verschiedene wissenschaftliche Disziplinen erfolgreich zusammenarbeiten, imponiert dem Staatsoberhaupt vor allem. „Das ist ein besonderer Tag in meiner Präsidentschaft“, sagt er und nennt das Forschungszentrum „ein gutes Stück Deutschland“. Gauck ist voll des Lobes dafür, dass sich hier – im überregional eher unscheinbaren Jülich – in bestimmten Bereichen ein Zentrum internationaler Spitzenforschung etabliert hat.

Darauf ist Wolfgang Marquardt stolz. Der Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums erklärt die „nutzeninspirierte Grundlagenforschung“, nennt die angestrebten Ziele und sagt auch, was noch nicht erreicht ist: „Wir haben bisher nicht verstanden, warum das menschliche Gehirn selbst den leistungsfähigsten Supercomputern bei bestimmten Aufgaben immer noch haushoch überlegen ist.“ Das Gehirn: „eine hochkomplexe Struktur aus 100 Milliarden Nervenzellen, von denen jede im Schnitt mit 10.000 anderen Nervenzellen über lernfähige Kontaktstellen verbunden ist“.

Mit externen Partnern entwickeln die Jülicher Forscher sogenannte neuromorphe Computer, „deren Architektur und Funktionsweise dem Gehirn nachempfunden ist“, sagt Marquardt. Der Präsident staunt. Zwischendurch scherzt er gerne, was das Programm angenehm auflockert, dann wiederum hört er mit ernster Miene zu und zeigt sich so, wie man ihn vom Bildschirm kennt: präsidial-zugewandt. Daniela Schadt – von entwaffnender Natürlichkeit, die jede protokollarische Hemmung sofort überwindet – stellt mit spürbarem Interesse an der Sache die meisten Zwischenfragen.

Die werden von Marquardt und der Jülicher Neurowissenschaftlerin Katrin Amunts beantwortet. Die gibt dem Staatsoberhaupt mit Hilfe eines virtuellen Modells – „Big Brain“ genannt – einen mikrometergenauen Einblick in die Netzwerke des menschlichen Gehirns. Amunts gilt als eine der renommiertesten Hirnforscherinnen der Welt. Sie und ihre Kollegen vom FZ und vom Universitätsklinikum Aachen verfolgen das Ziel, Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson besser und früher diagnostizieren und behandeln zu können, deren Ausbrechen womöglich gar verhindern zu können.

Als sich Schadt nach Manipulationsmöglichkeiten, die sich aus all diesen Erkenntnissen ergeben könnten, erkundigt, meint Gauck, da brauche sie sich keine Sorgen zu machen, schließlich sei Amunts stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates.

Auch die Jülicher Biochemiker Dieter Willbold und Janine Kutzsche sind den Ursachen von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson auf der Spur. Sie erläutern dem hohen Besuch, wodurch Nervenzellen absterben und so Krankheiten ausgelöst werden. Sie entwickeln Strategien für neue Therapien.

Die Jülicher Wissenschaftler haben bereits gegen Alzheimer einen sogenannten Wirkstoffkandidaten entwickelt, dessen Ungefährlichkeit sich in Tierversuchen erwiesen hat und der in zahlreichen Studien – demnächst auch am Menschen – getestet wird. Auch hier wird dem Bundespräsidenten wieder ein hochspezialisiertes 3D-Modell präsentiert.

Spitzenforschung benötigt ein solides Fundament, Nachwuchs, der Interesse hat, weil das früh geweckt und gefördert worden ist; darauf legt man im Forschungszentrum Wert – und zwar vom Kindergarten über die Ausbildung bis hin zu Studium und Karriere. Im Schülerlabor „JuLab“ sammeln junge Menschen parallel zur Schule Erfahrungen mit Naturwissenschaften. „Ich finde es sehr schön, dass sich der Bundespräsident nicht nur für unsere Flaggschiffe interessiert, sondern auch für die Nachwuchsförderung“, sagt Karl Sobotta, der das „JuLab“ leitet.

Man beginnt mit den Kleinsten in der Kindertagesstätte „Kleine Füchse“ auf dem Gelände des Forschungszentrums. Die haben eine Delegation ins „JuLab“ zum Gauck-Besuch geschickt. Auf die Frage, ob sie denn wüssten, was ein Bundespräsident macht, sagt Julian: „Der Bundespräsident unterschreibt die Regeln.“ Gauck betritt den Raum: „Guten Tag, ihr kleinen Mäuse!“ David schaut das Staatsoberhaupt an: „Den hab‘ ich gestern im Fernsehen gesehen.“

Die schlauen „kleinen Füchse“ wollen Gauck und Schadt zeigen, wie ein Vulkan ausbricht: Auf einem mit Erde bestreuten Backblech steht ein Glas, in das Lebensmittelfarbe, Essig, Natron und Spüli gefüllt werden. Gauck bietet Frederick seine Hilfe an. „Sollen wir das zusammen machen.“ Die Antwort ist eindeutig: „Ich kann das schon alleine.“ Das Experiment glückt. „Mir machen Vulkane Spaß“, meint Eduardo. Aber der Besuch muss schon wieder weiter. Zum Abschied schenkt David dem Präsidenten spontan einen Buntstift und bekommt von Gauck einen Kugelschreiber.

Dessen nächste Gesprächspartnerinnen sind zehn Jahre älter: Schülerinnen vom Mädchengymnasium Jülich, die sich im „JuLab“ damit beschäftigen, wie man einen Magneten zum Schweben bringt. Und wenn Lara Meuser die Aufgabe erläutert, stellt der unbedarfte Laie fest, dass er das schon kaum versteht. Auf das Staatsoberhaupt freuen sich die Mädchen jedenfalls. „Den sieht man ja nicht alle Tage live“, meint Jasmin Dohmen.

Das gilt auch für die beiden Auszubildenden Farhad Jawich und Sören Langen; sie präsentieren eine Ladesäule für Elektrofahrzeuge, die kabelloses Aufladen ermöglicht. Beide sind im zweiten Ausbildungsjahr. Jawich kommt aus Syrien, lebt seit vier Jahren in Deutschland und fühlt sich im Forschungszentrum gut aufgehoben – wie der Präsident, der sich nach kurzem „Shakehands“ mit FZ-Mitarbeitern verabschiedet.

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