Ganz schön abgedreht: Salvador Dalí in Lüttich

Von: Andrea Zuleger
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Perfektes Zusammenspiel: Der Lütticher Bahnhof des spanischen Architekten Santiago Calatrava bildet einen ästhetischen Hintergrund für Salvador DalÍs fünf Meter hohe Skulptur „La noblesse du temps“ („Die Vornehmheit der Zeit“). Foto: stock/Belga
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Dalí badet im Gold: Die Ausstellung „Von Salvador bis Dalí“ ist bis zum 31. August zu sehen. Foto: Michael van Raek
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Das Paar: Gala und Salvador Dalí waren, seit sie sich 1929 trafen, unzertrennlich. Foto: Michael van Raek
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Lippen zum Reinlegen: Das rote Sofa hat Dalí nach dem Mund der Schauspielerin Mae West geformt. Foto: Michael van Raek
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Mit irrem Blick und typischem Schnurrbart: Dalí inszenierte nicht nur Kunst, sondern auch seine eigene Person. Das Bild entstand 1959. Foto: stock/Zuma/Keystone
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Bei der Skulptur „Cabinet Anthropomorphique“ handelt es sich um ein Exponat aus Bronze. Foto: IAR Art Resources

Lüttich. Bombastisch, verrückt, gigantisch, exzentrisch, narzisstisch, exhibitionistisch: Die Liste der Adjektive, die auf den spanischen Künstler Salvador Dalí (1904-1989) passen, scheint endlos verlängerbar. Eine Ausstellung im Lütticher Calatrava-Bahnhof tut es dem Meister des Surrealismus nach und nähert sich dem Genie auf eine ganz eigene Weise.

Sie präsentiert den „Kosmos Dalí“ als surrealistischen Parcours, in dem sich die rund 150 Original-Exponate von Dalí mit Werken eines überaus kreativen Ausstellungskonzeptes mischen.

Der Tod: Ein Lebensthema

In welche Richtung die Schau mit dem Untertitel „Dalí, wie Sie ihn nie gesehen haben“ im Calatrava-Bahnhof geht, wird schon zu Beginn des 800 Meter langen Rundgangs klar, der sich durch das 2000 Quadratmeter große Parkdeck im Bahnhof schlängelt.

Ein kleiner künstlicher Baum steht an der Seite eines naturalistisch aufgebauten Kindergrabes: „Salvador Dalí“ steht als Inschrift darauf, 1901-1903. Und wer sich gerade wundert, warum der Meister des Surrealismus nur zwei Jahre alt geworden sein soll, wird schnell eines Besseren belehrt. Bei diesem Salvador Dalí handelt es sich nicht um den Künstler, sondern um dessen gleichnamigen jüngeren Bruder, der nach nur zwei Lebensjahren starb – neun Monate, bevor Salvador Dalí auf die Welt kam.

Als Salvador Dalí während seiner Kindheit davon erfuhr, hat ihn das nachhaltig beeindruckt. Die Ausstellung sieht dieses biografische Detail als eine Art Initialzündung seiner Kunst und seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Tod: „Das Thema Sterblichkeit des Menschen hat ihn von da an nicht mehr losgelassen“, erzählt der Ostbelgier Manfred Dahmen, Pressesprecher der Ausstellungen im Bahnhof.

In diesem ersten Teil der Schau zeigen die Ausstellungsmacher, wie Salvador Dalí von der eigenen biografischen Geschichte ausgehend eines seiner Lebensthemen gefunden hat. „Der Schock darüber, einen toten Bruder zu haben, saß tief. Der Tod wurde von hier aus zu reiner regelrechten Obsession“, erklärt auch Geneviève Schyns, die gemeinsam mit Sophie Meurisse das Konzept zur Ausstellung entworfen hat.

Obsessiv ist diese Schau in jedem Fall. Werden Dalís Uhrenbilder gezeigt, hängen auch gleichzeitig noch einige Uhren an der Wand, die die Ausstellungsmacher gesammelt haben. Geht es um Dalís wiederkehrendes Motiv der Insekten in Bildern oder Skulpturen, werden gebastelte Krabbeltiere in der Auslage verteilt.

In einem wahnwitzigen Parcours läuft der Besucher durch die Nischen sowie kleinen und großen Räume der Ausstellung und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Er läuft durch ein dem menschlichen Gehirn nachempfundenes Labyrinth, begegnet aus dem Boden auftauchenden Heuschrecken oder einem „Garten-Auto“, das auf die vielen Happenings des Künstlers verweist.

In knalliges Licht getaucht, dann wieder schummrig in tiefem Bordeauxrot vermag man kaum zu unterscheiden zwischen dem, was original Dalí-Kunst ist und dem, was die Kreativköpfe der Ausstellung sich zu Dalí gedacht haben. Rund 150 Originale gilt es zu entdecken: Von Gemälden, Zeichnungen, Lithographien, Mode, Möbel und Schmuck bis zu einem großen Teil an Skulpturen ist alles dabei. Vieles davon ist von der Schweizer Kunststiftung Stratton oder aus der Pariser Cinémathèque entliehen, einiges stammt aber auch von Privatsammlern aus Belgien, „darunter auch echte Prominenz“ wie Manfred Dahmen weiß.

Im zweiten Teil der Ausstellung geht es um den Surrealisten Dalí (der aus der Gruppe der Surrealisten ausgeschlossen wurde, weil er sich zu selbstherrlich präsentierte). Seine pointierten Seitenhiebe in Richtung der Gruppe sind auch in Lüttich nachzulesen: „Was mich von den Surrealisten unterscheidet, ist, dass ich surrealistisch bin.“

Seine künstlerische Entwicklung, seine Spiritualität, Religiosität, seine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse (sein Treffen mit Sigmund Freud in den 30er Jahren ist in Szene gesetzt), werden hier thematisiert. Und und immer wieder geht es um Gala – seine Ehefrau und Muse, die er bis zu ihrem Tod verehrte und auf deren Existenz sich ein Großteil seiner Werke bezieht. Die Ausstellung der Fotos, Zeitdokumente und des Werkes gehen in der Inszenierung fließend ineinander über.

Im letzten Teil der Show (das trifft es fast mehr als Ausstellung), „Im Sturm des Ruhmes“, zeigt sich sein Verhältnis zur Außenwelt, zu den Stars und den Medien. Mit Gala, die maßgeblich das Dalí-Imperium aufbaute, führte er ein mondänes Leben, umgab sich mit den Schönen und Reichen, die gerne bereit waren, für ein echtes Dalí-Design viel zu bezahlen.

Auch hier ist die Inszenierung der Ausstellung überbordend, wenn etwa das nachgebaute Mae-West-Sofa, das Dalí in den 30ern nach den Lippen der Schauspielerin formte, vor einem gigantischen Porträtbild der Dame steht, zu beiden Seiten mit goldenen Vorhängen begrenzt, die ihre blonde Mähne darstellen. Manchmal gerät das Ganze aber auch an die Grenze zum Kitsch, wenn etwa eine Dalí-Puppe wie ein surrealistischer Dagobert Duck in einer Wanne voller Gold badet.

Das Dalí-Gefühl

Dass man nicht immer genau sagen kann, welches Exponat ein Dalí und was Teil der Inszenierung ist, haben die Ausstellungsmacher in Kauf genommen, weil es ihnen nicht darum ging, Dalí-Werke vor Weiß auszuleuchten, sondern sie wollten ein „abgedrehtes Gesamtkunstwerk“ (Dahmen) zu Dalí erschaffen. Das ist ihnen auf jeden Fall gelungen: Es geht nicht um eine nüchterne Werks-Betrachtung aus der Distanz der Jahrzehnte oder eine kunsthistorische Analyse, sondern ums Eintauchen in die Dalí-Welt, ums Aufspüren seiner Identität, seines Kunstbegriffs und seines Lebens, kurz es geht ums Dalí-Gefühl.

Kunsthistoriker werden bestimmt wegen dieser Art der Aufbereitung ein bisschen die Nase rümpfen, aber sie sind auch nicht das Zielpublikum der Bahnhofs-Ausstellungen. „Wir haben ja auch keine normalen Ausstellungsräume. Wir sind hier in einem umgebauten Parkhaus mit relativ niedriger Deckenhöhe. Hier muss man sich etwas einfallen lassen, damit es attraktiv ist“, sagt Dahmen.

Es ist die vierte große Ausstellung im Calatrava-Bahnhof, bei jeder der Ausstellungen gab es mindestens 200000 Besucher. Und auch zur Dalí-Schau, die zu den „Top-Ereignissen in Lüttich in diesem Jahr zählt“, erwartet Dahmen ähnlich hohe Besucherzahlen: „In der Größenordnung muss es aber auch sein, damit wir das finanziell stemmen können“, sagt Dahmen.

Ob dem Meister selbst diese Schau im Lütticher Bahnhof gefallen hätte? Wahrscheinlich nicht. Davon würde ihn allein schon seine Selbstherrlichkeit abhalten. Vermutlich würde ihm eine derart selbstbewusste Kommentierung seines Werkes missfallen, weil sie sich mit dem „Meister“ fast auf eine Stufe begibt. Besuchern, die eintauchen wollen in die Dalí-Welt, sei die Show in Lüttich empfohlen. Langeweile kommt dabei jedenfalls nicht auf.

Ein bisschen Dalí-Gefühl darf der Besucher übrigens schon draußen erspüren: Zwei mehrere Meter hohe originale Skulpturen sind auf dem Bahnhofsgelände aufgestellt. Die Elefantenskulptur mit Spinnenbeinen ist ein echter Blickfang vor dem weit schwingenden Dach des Calatrava-Bahnhofes und gehört wohl gerade zu den gefragtesten Handyfotomotiven der Stadt.

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