„Gamescom“: RWTH-Studenten fliegen auf die bunte Spielewelt

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
6044273.jpg
Mehr als ein farbenfrohes Spektakel: Das Spiel „Alice D“wird der Lehrstuhl Informatik 8 der RWTH Aachen auf der weltgrößten Spielemesse „Gamescom“ in Köln vorstellen. Foto: Lehrstuhl für Informatik 8, Andreas Steindl
6043983.jpg
Spiele-AG der RWTH-Informatik, Lehrstuhl Informatik 8 der RWTH, Ahornstraße 55, Bauteil E3 (Neubau auf dem Parkplatz ab Mies-van-der-Rohe-Straße), Raum 115 Treffen, Spielraum gegenüber
6043982.jpg
Gelandet: Philipp Trettner hat dieses Raumschiff programmiert, aus dem sein Minenarbeiter steigt. Damit wird er auch auf der Gamescom landen.

Aachen. Nur nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Ein Semester war Philipp Trettner im Weltraum unterwegs. Die eine oder andere Nachtschicht hat Sonne und Asteroidengürtel entstehen lassen, doch Trettner lässt sich nicht blenden. Zeit ist bei ihm nicht Geld, sondern Luft, und die geht dem Minenarbeiter aus, wenn er zu lange im All unterwegs ist.

Es ist ein Spiel, aber gewiss keine Spielerei, die Trettner, Student im zweiten Mastersemester an der RWTH Aachen, mit Kommilitonen programmiert hat. Sie bewiesen mit ihrer Semesterabend langen Atem, so dass dem Minenarbeiter bei zunehmend verwirrenden Effekten und immer schneller werdender Musik die Luft ausgeht. Packend. Das werden sie zeigen – auf der weltweit größten Computerspielemesse – der Gamescom in Köln.

Vom 21. bis zum 25. August (wobei der 21. August dem Fachpublikum vorbehalten bleibt) werden auf dem Kölner Messegelände mehr als 275.000 Besucher aus 80 Ländern erwartet. Auf 140.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind mehr als 600 Aussteller aus über 40 Ländern mit Hard- und Software-Neuheiten präsent – die Liste reicht von Microsoft, Sony und Nintendo eben bis zur RWTH Aachen. In Halle 10.1, Stand E-060a, stellt sich der Lehrstuhl Informatik 8 – Computergrafik und Multimedia – vor.

Es ist das zweite Mal, dass die RWTH-Informatiker dort aufbauen. Zu sehen sind auf 16 Quadratmetern Mitarbeiter- wie auch Studentenprojekte – von 3D-Stadtmodellen bis zur rasanten Jagd mit dem Flieger. Ergebnisse, die größtenteils binnen eines Semesters von zwei oder drei Leuten entwickelt wurden, während in der Industrie 200 Leute fünf Jahre an einem neuen Titel arbeiten. Und? „Auch was wir machen, kann sich sehen lassen“, betont Lehrstuhlinhaber Leif Kobbelt. Und Philipp Trettner erklärt: „Es ist schon großartig, unseren Minenarbeiter dort vorstellen zu können.“

Seitdem am Lehrstuhl für Computergrafik und Multimedia Spiele ernsthaft auf den Stundenplan rückten, hat eine neue, erfolgreiche Zeit begonnen – mit zig neuen Studenten. Die Einführung in die Computergrafik verfolgten – in Verbindung mit der Uni Bonn – fast 200 Studierende. „Je nach Veranstaltung sind wir richtig überlaufen“, erklärt Lehrstuhl-Mitarbeiter Jan Robert Menzel. Das war trotz mehr als 2000 Informatikstudenten an der RWTH nicht immer so.

Dabei zählt die Grafik in der Informatik nicht zu den leichtesten Gebieten. Im Gegenteil. Auch kein Spiel entsteht ohne Algorithmen. Mathematik ist die Grundlage. „Wo im Computer wird denn am meisten gerechnet? Auf der Grafikkarte!“, sagt Kobbelt. Doch die Begeisterung für Spiele ist größer als die Furcht vor mathematischen Formeln. „Wir haben damit gerechnet, dass die Motivation der Studierenden hoch ist. Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so hoch ist“, sagt Menzel. Diesen Erfolg konnten sie so nicht programmieren.

Im Studienlabor des Lehrstuhls sitzt Menzel abends mit seinen Studierenden in der Spiele-AG zusammen. Es gibt weder Note, noch einen Schein fürs Studium, und doch sind die 16 PC und zwei Mac-Rechner kaum ausreichend. Demnächst wird im Neubau E3 der RWTH an der Ahornstraße aufgerüstet – auf 24 Computer. Das gibt buchstäblich mehr Spielraum. „Es ist ein offenes, kreatives Feld, auf dem wir bis tief in die Nacht sitzen“, sagt Menzel.

Es ist eben alles eine Frage der Motivation. Immer häufiger wird von Studierenden die Spielebranche als Karriereziel genannt – statt Automobilwelt, Architektur oder Medizintechnik. Durch Entwicklungen für Smartphones (im zweiten Quartal 2013 wird auf dem weltweiten Markt laut International Data Corporation ein Wachstum von 52,3 Prozent verbucht) und neue Konsolen erfährt die Branche wieder einen Aufschwung. Auch für Start-ups, also Unternehmensgründer, ist sie wieder interessant.

Einen guten Namen

Und wenn nicht auf der Games-com, wo sonst sollen die RWTH-Studierenden mit der Spieleindustrie ins Gespräch kommen? Über Köln kann der Weg von Aachen direkt dorthin führen. „Die RWTH hat in der Spieleindustrie einen guten Namen“, sagt Menzel. „Unser Vorteil ist, dass wir als Universität bereits an den Problemen von morgen arbeiten können.“

Die Gamescom findet zum fünften Mal in Köln statt. Dr. Maximilian Schenk, Geschäftsführer, Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) sagt: „2013 wird für die Gamescom eines ihrer stärksten Jahre, sowohl aus Sicht der Konsumenten als auch aus Sicht der Games-Industrie.“ Partnerland ist diesmal Frankreich. Mit 28 Millionen Spielern und einem Umsatz von 2,8 Milliarden Euro ist der französische Spielemarkt einer der größten Märkte überhaupt. Die Branche ist nicht nur im Nachbarland auf dem Höhenflug.

Buchstäblich abheben werden die Aachener auf der Gamescom: Der oben abgebildete Flieger muss Kugel auf seiner Bahn einsammeln. Die werden gewertet. Gepunktet haben die Programmierer mit dem Spiel „Alice D“ schon vor der ersten Fahrt. „Sie haben sehr moderne Technik implementiert“, erläutert Menzel. Und das ist typisch für die Resultate der RWTH-Programmierer, auch wenn in Spieleschulen die Optik vielleicht detaillierter oder künstlerischer daher kommt. „Wir wollen sie nicht zu Künstlern ausbilden, es geht um die technische Dimension jedes Spiels“, erklärt Menzel. Und so kann die Story bei der Präsentation der aktuellen Semesterarbeiten schon mal ein wenig obskur wirken, wenn Skelette in Uniformen aus dem Meer auftauchen. Dafür ist alles in 3D und mittels Bewegungen (Kinect) bedienbar.

Ein ganz anderes Spiel hat sich als Volltreffer erwiesen – und wird ebenfalls auf der Gamescom vorgestellt. Mit einem Trike (Dreirad) werden die Aachener vorfahren – natürlich auf dem Bildschirm. Das Ganze ist bis zum Differentialgetriebe, so Menzel, genau berechnet. Die Gleichung am Lehrstuhl geht auf: Spiele motivieren die Studierenden. Motivierte Studierende leisten exzellente Arbeit. Exzellente Ergebnisse sorgen – nicht nur auf der Gamescom – für Aufsehen.

Dafür kann auch Philipp Trettner mit seinem Spiel auf der Messe sorgen. Der sagt: „Es macht richtig Spaß, nachts mit dem Minenarbeiter ins All aufzubrechen und die Musik laut aufzudrehen.“ Das wird er zuhause machen müssen. Die Gamescom hat Donnerstag, Freitag und Samstag bis 20 Uhr und am Sonntag bis 18 Uhr geöffnet.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert