G8-Abitur: Eltern erhöhen den Druck

Von: Claudia Schweda
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Aachen. Der Protest der Eltern gegen das verkürzte Abitur, das sogenannte G8, wird lauter. Vor zwei Wochen war die Initiative G-ib-8 in Düsseldorf an die Öffentlichkeit gegangen.

Über 3000 Eltern hätten sich seitdem an sie gewandt, um sie zu unterstützen, sagt Anja Nostadt. Zudem bündeln einzelne Initiativen nun ihre Kräfte: Die Initiative G9-jetzt in NRW hat sich inzwischen G-ib-8 angeschlossen. Die beiden eint die Forderung, dass die Gymnasien zu der alten neunjährigen Schulzeit mit einer geringeren Wochenstundenzahl zurückkehren sollten. Die Vertreter von G9-jetzt argumentieren vor allem gesellschaftspolitisch. „Die zeitliche Belastung für unsere Kinder ist viel zu hoch. Rot-Grün raubt ihnen ein Stück Kindheit“, sagt Marcus Hohenstein, selbst Physiklehrer an einem Gymnasium in Siegen und Vater eines Drittklässlers.

Spätestens ab der achten Klasse kämen G8-Schüler an zwei zufälligen Tagen in der Woche erst nach 16 Uhr nach Hause. Die Folge: Ein Engagement der Kinder in Vereinen oder Musikschulen sei nur noch sehr spät am Tag möglich – wenn überhaupt. Angesichts des Lernpensums nach der Schule müssten die Kinder sehr strikt auswählen, welchem Hobby sie überhaupt noch nachgehen. Zeit für freies Spiel gebe es fast nicht mehr. Kinder aber bräuchten diese Zeit, um herauszufinden, wo ihre Interessen und Fähigkeiten lägen. G8 lasse ihnen diese Zeit nicht. „Lässt man seine eigene Kindheit Revue passieren, kann man sich gar nicht vorstellen, was durch die gedankenlose Ausweitung der täglichen Schulzeit kaputtgemacht worden ist“, sagt Hohenstein. Und das ließe sich auch so schnell nicht wieder aufbauen. Die Vereine vor Ort würden diese Kritik teilen, sagt der G8-Kritiker, denn ihnen fehlen im Umkehrschluss die jungen Erwachsenen, die vor ihrem Studium als Gruppenleiter aktiv werden könnten. Doch auf NRW-Ebene wolle sich kein Vereins- oder Verbandsvertreter mit der Landesregierung anlegen.

Die G-ib-8-Vertreter hatten kürzlich vor allem bildungspolitisch argumentiert: Die Kürzung von Lehrplänen habe nicht zur Entlastung der Kinder geführt, sondern zu einem „gewaltigen Bildungsverlust“. Viele Schüler kämen mit der Komprimierung des Lernstoffes nicht zurecht, die Motivation und die Fähigkeit zum nachhaltigen Lernen sänken. Die NRW-Neuntklässler gehörten beim jüngsten Leistungsvergleich zu den Schlusslichtern.

Die Kritik aus verschiedenen Seiten am verkürzten Abitur ist nicht neu und kein Alleinstellungsmerkmal der Eltern in NRW. In anderen Bundesländern hat der Protest bereits an Fahrt gewonnen oder sogar schon zu Veränderungen geführt. In Bayern etwa unterstützen nach Angaben von Hohenstein die Freien Wähler ein Volksbegehren, das die Rückkehr zum G9 als Ziel verfolgt. In Hessen sei die Bürgerbewegung – unterstützt von SPD und Grünen – nach zwei Jahren so stark geworden, dass jetzt die Gymnasien wieder zum alten G9 zurückkehren dürfen. Jedes zweite habe die Option bereits wahrgenommen.

Doch in NRW fehlt den Eltern ein politischer Partner, der den Druck der Basis in den Landtag trägt. Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hat die Forderung nach einer Rückkehr zum alten Abitur immer wieder zurückgewiesen. Sie verweist auf eine Tagung im Frühjahr, auf der eine positive Zwischenbilanz seit der Einführung von G8 im Jahr 2005 gezogen worden sei. Und wer wolle, dass sein Kind nach neun Jahren Abitur mache, könne es zum Beispiel an einer Gesamtschule anmelden.

Die Elterninitiativen wollen deswegen nun selbst Druck im Landtag machen. Auf der Internetseite von G9-jetzt findet sich unter „Mitmachen“ ein Muster-Protestbrief mit der Aufforderung, ihn an die Mitglieder des Ausschusses für Schule und Weiterbildung zu senden. Damit die Eltern nicht lange suchen müssen, sind die Mitglieder fein säuberlich nach Fraktionszugehörigkeit aufgelistet. Aus unserer Region sind dort Gudrun Zentis (Grüne), Gerd Hachen (CDU) und Ingola Stefanie Schmitz (FDP) vermerkt. Nicht genannt ist Eva-Maria Voigt-Küppers (SPD). „Wir müssen den Landtagsabgeordneten deutlich machen, dass es ein Thema ist, bei dem keine Ruhe einkehrt, wenn sich nichts ändert“, sagt Hohenstein.

Initiativen im Netz: g9-jetzt-nrw.de, g-ib-8.de

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