G 8: Zwischen hehren Zielen und Wahlkampf

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Bereits seit 2009 nach Dalton zertifiziert: das Alsdorfer Gymnasium. Aber erst jetzt steht die Schule im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses – nicht zuletzt katalysiert durch die aktuelle bildungspolitische Debatte, die im Vorfeld der Landtagswahl geführt wird. Foto: Verena Müller
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Wilfried Bock, Leiter des Dalton-Gymnasiums in Alsdorf.
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Stellvertreter Martin Wüller.

Alsdorf. Das Alsdorfer Dalton-Gymnasium ist gerade Gegenstand eines regelrechten medialen Hypes: Er nahm seinen Ausgang, als die Schule publik machte, zu Unterrichtsbeginn Gleitzeit einzuführen, und verselbstständigte sich durch die aktuelle bildungspolitische Diskussion.

Es gibt kaum ein Medium von regionaler und überregionaler Bedeutung, welches das Gymnasium noch nicht erwähnt hat. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) nannte die Schule jüngst eine der Besten, wenn es um Modelle individueller Lernzeiten im Rahmen der bestehenden Schulordnung geht, und will sie kommenden Dienstag mit einer Journalistendelegation erneut besuchen. Das Alsdorfer Gymnasium ist ihr Vorzeigemodell in der aktuellen Diskussion um G8.

Das Dalton-Prinzip besteht darin, Schülern mehr Raum für eigenverantwortliches Lernen zu ermöglichen, indem rund 40 Prozent der Unterrichtszeit in Selbstlernphasen angesetzt sind. Verena Müller sprach mit dem Schulleiter Wilfried Bock und dessen Vertreter Martin Wüller über die Folgen und Hintergründe des Hypes.

Herr Bock. Was macht eine solche mediale Aufmerksamkeit mit einer Schule?

Bock: Zunächst einmal ist das eine große Anerkennung. Bislang haben wir noch keinen Gegenwind erhalten, wir erfahren durch die Bank große Zustimmung. Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, auch wenn wir unser Ziel noch nicht erreicht haben.

Wüller: Das ist das Lob für unsere Arbeit, das wir eigentlich schon vor zehn Jahren verdient hätten.

Aber steht man da nicht auch unter Druck?

Bock: Natürlich ist das auch eine Herausforderung. Das Augenmerk liegt jetzt auch auf Details. Bildlich ausgedrückt: Auch in den rundgeputzten Ecken muss man jetzt gründlicher saubermachen. Uns ist aber auch bewusst, dass der Hype irgendwann wieder abnimmt.

Wie erklären Sie sich ihn?

Bock: Die Fachwelt sucht einfach gerade nach einem funktionierenden Modell. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass von oben aufgesetzte Modelle nicht praktikabel sind. Wüller: Und Dalton ist einfach und genial. Tue Zeit in einen Topf und alle haben etwas davon.

Bock: Wir akzentuieren innerhalb des bestehenden Rahmens anders und erfüllen das, was bildungspolitisch gefordert wird.

Ihr Stolz in allen Ehren. Aber haben Sie nicht den Eindruck, dass Sie da vor einen Karren gespannt werden? Dass man Sie instrumentalisiert?

Bock: Den Eindruck könnte man bekommen, aber das ist nicht so. Der Ministerin ist schon sehr klar, was wir hier machen.

Wüller: Sie war schon 2014 hier, als unsere Schule 100 Jahre alt wurde. Es ist also kein Zufall, dass sie uns genannt hat.

Bock: Aber natürlich eine sehr große Ehre.

Ja, bestimmt. Aber es ist gerade auch Wahlkampf. Und Frau Löhrmann hat sehr lange an G8 festgehalten. Erst, als die SPD flexible Schullaufbahnen ins Spiel gebracht hat, hat sie die flexiblen Lernzeiten auf den Schild gehoben. Was ja nichts miteinander zu tun hat.

Wüller: Ok. Es ist Wahlkampf. Aber der Ansatz, dass man von der Diskussion um G8 und G9 wegkommen muss und sich stattdessen Gedanken macht, wie man das Bestehende besser macht, ist aus unserer Sicht der richtige Weg.

Bock: Die Diskussion um G8 und G9 wird zu keiner substanziellen Veränderung an Schulen führen. Wir haben ja de facto G8- und G9-Schüler – wenn jemand ein Jahr wiederholen muss. Oder sogar G10-Schüler. Das ist aber vollkommen irrelevant. Das entscheidende Problem ist ein ganz anderes.

Nämlich?

Bock: Mit G8 ist die Politik einer Forderung der Industrie nachgekommen, ebenso mit dem Bachelor-Master-System. Und jetzt nimmt die Industrie die jungen Leute nicht, weil sie noch nicht reif sind und schickt sie stattdessen in die Warteschleife: in die Generation Praktikum oder „Work-and-travel“. Man kann zwar alles beschleunigen, aber die Biologie des Menschen lässt sich nicht steuern.

Wüller: Menschen sind Individuen.

Bock: Der eine ist mit 17 erwachsen, der andere mit 21. Wenn die Schule dem gerecht werden würde, könnte sich jeder zu seinem Optimum entwickeln. Und dass Frau Löhrmann diese Sichtweise unterstützt, ist erfreulich. Ich hoffe sehr, dass die Diskussion über den Wahlkampf und auch über die parteipolitischen Grenzen hinaus weitergeführt wird.

Wüller: Und wir haben bewiesen: Es geht alles, G8 oder G9. In der Übergangsphase liefen bei uns zwei Modelle parallel – wie an jeder anderen Schule natürlich auch.

Bock: Erstaunlicherweise hat der G8-Jahrgang damals besser abgeschnitten als der G9-Jahrgang.

Um noch mal auf den Fokus, der auf Ihrer Schule liegt, zurückzukommen: Ich vermute mal, nicht nur die Medien laufen Ihnen gerade die Tür ein.

Wüller: Ja. Aber – wie ich eingangs schon meinte – die mediale Aufmerksamkeit kommt vergleichsweise spät. Die Fachwelt ist schon deutlich vorher regelmäßig bei uns zu Gast gewesen.

Bock: Im Grunde seit 2009, seit die Dalton-Vereinigung der Niederlande uns zertifiziert hat. Allein zwischen dem 1.1.2014 und dem 1.1.2016 hatten wir 1250 Besucher hier. Elternverbände, Lehrer aus Österreich, China, Russland, ... Es kamen von Jahr zu Jahr mehr.

Sie sagten am Anfang, dass das Ziel noch nicht erreicht sei, Herr Bock. Was muss sich denn noch ändern?

Bock: Ich stelle im Unterricht immer wieder fest, dass es bei den Schülern an Allgemeinbildung mangelt. Das fängt bei der Frage an, was das für ein riesiges Loch zwischen der A4 und der A61 ist, und hört bei der Frage auf, wo Washington liegt. Dabei könnte man das alles durch Zeitunglesen erfahren.

Oh, danke. Das hören wir gern. Sie meinen, wer das Tagesgeschehen verfolgt, lernt mehr fürs Leben?

Bock: Das ist so. Die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung zeigt, dass in diesem Bereich noch viel getan werden muss.

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