Fußball in allen Facetten: Erst Profi, jetzt Produzent

Von: Bernd Büttgens
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Heute wird es nicht nur für Pierre-Michel Lasogga und den HSV im Abstiegskampf der Bundesliga eng. Letzter Spieltag, Fußball-Deutschland freut sich auf die Fernsehbilder. Und die werden von der Kölner Firma „Sportcast“, die der Aachener Jupp Nehl aufgebaut hat und leitet, seit acht Spielzeiten exklusiv produziert. An einem Bundesliga-Spieltag hat Sportcast rund 1000 Mitarbeiter im Einsatz. Foto: Sportcast und Bernd Büttgens
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Die Schale fest im Blick: Wenn heute in München die Meister geehrt werden, sind die Sportcast-Kameras ganz nah dran. Was die TV-Zuschauer auch so erwarten.
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Jupp Nehl an seinem Arbeitsplatz in Köln-Poll. Von hier aus lenkt er die Geschicke von „Sportcast“. Der letzte Bundesliga-Spieltag und das DFB-Pokalfinale kommende Woche sind Saison-Highlights für den 52-Jährigen.

Köln. Jupp Nehl spricht über Hermann Gerland. Mit allerhöchstem Respekt, in freundschaftlicher Verbundenheit, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Der Hermann sieht einen jungen Spieler zehn Minuten und kann danach sagen, ob er was kann oder nicht.“ Gerland, sagt Nehl, sei „einer der absolut größten Fußballexperten, die wir in der Bundesliga haben“.

Und Gerland habe völlig zurecht diesen Weg gemacht, hin zum FC Bayern, wo er weit mehr ist als auf dem Papier steht: Assistenztrainer.

Jupp Nehl wiederum gesteht man zu, ein solches Expertenurteil über den Experten zu fällen, weil der ausgesprochen sportliche Anfangsfünfziger die Branche aus dem Effeff kennt. Er war erfolgreicher Bundesligaprofi in Bochum und Leverkusen, DFB-Pokalsieger, und er ist heute verantwortlich für die Produktion gestochen scharfer Fußballbilder.

Nein, nicht die statischen kleinen Porträts, die in Alben geklebt werden, sondern die bewegten und bewegenden Bilder aus den Stadien der ersten und zweiten Liga: Jupp Nehl ist Vorsitzender der Geschäftsführung der TV-Produktionsfirma „Sportcast GmbH“, die als 100-Prozent-Tochter der Deutschen Fußball-Liga (DFL) alle – die Betonung liegt auf alle – Fernsehbilder von den 612 Partien der beiden oberen Häuser des deutschen Profifußballs liefert. „Plus DFB-Pokal!“ Der Einschub ist wichtig, steht doch nächstes Wochenende das Traumfinale Bayern gegen BVB in Berlin an.

„Natürlich gibt es immer noch Leute, die glauben, dass die Fernsehanstalten, also Sky oder die ARD und das ZDF mit eigenen Kameras in den Bundesliga-Stadien sind und dort selbst die Bilder produzieren“, sagt Nehl in seinem hellen, von Glaswänden umgebenen Büro am Kaltenbornweg in Köln-Poll. Weit gefehlt! Seit 2006 ist ausschließlich Sportcast mit dieser Aufgabe betraut, und die Sender kaufen die Bilder bei der Produktionstochter der DFL ein. Nehl schiebt ein veritables Handbuch über den Tisch und nippt an seinem Kaffee. „Wir machen Sport erlebbar“, heißt der Slogan oben links in der Ecke der flott gemachten Imagebroschüre, auf deren Titelbild die Spieler des FC Bayern die Meisterschale in den Münchener Himmel recken.

Schlagworte fallen: Premiumprodukt, höchste Qualität, Zuverlässigkeit, innovative Konzepte. „Innovation“, sagt der Manager, „heißt ständige Weiterentwicklung und Optimierung der visuellen Umsetzung.“ Klingt gut. Aber was heißt es denn konkret, Herr Nehl? Er lächelt. „Wir stellen zum Beispiel fest, dass Bundesliga im 3D-Format nach einigen Tests bei Sky durchaus interessant, aber vielleicht am Ende nicht die Zukunft ist.“

Neues brillantes Format: UHD-TV

Vielversprechender sei da das UHD-TV. Ultra High Definition, was so viel bedeutet wie die vier- bis achtfach höhere Auflösung des derzeit als brillanter Standard geltenden HD-Formats. „Das ist wirklich ein Hammer, das Bild ist so gestochen scharf, dass Sie das Gefühl haben, mit auf dem Rasen zu stehen“, schwärmt der ansonsten eher zurückhaltende Experte.

Derzeit ist UHD-TV zwar schon über spezielle Kameras im Stadion produzierbar, die entsprechenden Tests laufen, aber es fehlt noch die Technik für die Auslieferung – und natürlich auch die entsprechenden Fernseher daheim. Nehl tippt auf 2018, „dann kommt die nächste Rechteperiode in der Liga, dann könnte auch dieser Quantensprung in der Bildqualität folgen.“

Und dann blättert er weiter durch das Produktionshandbuch. Zweitliga-Spiele, Standardausstattung bei jeder Partie, auch bei Aalen gegen Sandhausen: sechs Kameras plus eine Slow-Motion-Kamera. In der Bundesliga geht es nicht unter acht Kameras, plus Slow-Motion-Kamera plus zwei Chipkameras in den Toren. Und wenn am kommenden Samstag der DFB-Pokal final ausgespielt wird, werden 30 Kameras im Einsatz sein.

Es ist viel passiert seit den Tagen im Winter 2005, in denen DFL-Geschäftsführer Christian Seifert erste Überlegungen für „Sportcast“ angestellt hat. Kleiner Exkurs: Nehl, der gebürtiger Aachener ist und seine Jugend beim SV Eilendorf und seine frühen Seniorenjahre bei Trainer Jochen Heck und Jülich 10 verbracht hat, hat nach der Profikarriere als studierter Betriebswirt den Anschlusszug im Fußball bekommen. Nicht als Sportdirektor, nicht als Trainer, auch nicht als Reporter, sondern als Kaufmann mit besonderer Neigung zur Technik – und somit folgerichtig in der TV-Produktion von Sportereignissen.

Wige Media war 1996 die erste Station, er blieb lange – in guten wie in schlechteren und dann wieder guten Tagen – bei dieser Kölner Firma, deren Finanzvorstand er zuletzt war und die sich einen guten Namen machte mit Stadion-TV-Projekten, mit Übertragungen im Motorsport und Fußball. Die vor allem aber auch als Pionier im elektronischen Datenservice und bei der Zeitnahme – damals war das revolutionär – auf sich aufmerksam machte.

Hochglanzware Fußball

Als die DFL, die bis dato auf die Fernsehbilder der öffentlich-rechtlichen oder privaten Sender gesetzt hatte, 2005 nach vorne blickte, passte Nehls Impuls zu den Überlegungen in der Frankfurter Fußballzentrale: Wieso produzieren wir die Bilder nicht selbst? Kritiker sprachen anfangs von der vollen Kontrolle über das Produkt Bundesligafußball durch die Ligafunkionäre. Heute sind die Töne kaum mehr zu hören. Heute, am Ende der achten Saison, hat es sich durchgesetzt, dass die Qualität der Hochglanzware Fußball, die Fans, Vereine, Vermarkter und Kunden jeglicher Herkunft haben möchten, aus einer Hand produziert werden sollte.

Ein Traumjob also, Herr Nehl? „Ja, in gewisser Weise schon“, gibt er zu. Aber ein anstrengendes Gewerbe sei es auch. Profisport, zumal Fußball in Deutschland, ist immer emotional, immer schnell, immer fordernd, immer Innovationstreiber: schneller, höher, weiter – gäbe es den Slogan noch nicht, hier würde er passen. Und wo gehobelt wird, fallen die berühmten Späne, „Da geht es auch manchmal hart zur Sache“, sagt Nehl.

Letzter Spieltag, alles auf Null. Heute und morgen stehen die Sportcast-Mannschaften wieder unter Hochdruck. Routiniert sind wieder alle Teams von der Kölner Zentrale aus gebucht worden, Regisseure, Kameraleute, Maske, Bühnen, Licht, Catering: Logistisch ist das eine riesige Herausforderung. Die Übertragungswagen und Satellitenfahrzeuge rollen durch das Land in Richtung Stadien, Kabel werden verlegt, Kameras platziert, das Basissignal (also die Bilder vom Spiel) gehört laut Vertrag mit den Sendern zum Standardpaket, es wird auf allen erdenklichen Übertragungswegen ausgespielt. Zusätzlich buchen die TV-Sender Kameras für Feldinterviews vor und nach der Partie und Schnittplätze. Der Dreiklang der Arbeit heißt: Qualität, Tempo, Zuverlässigkeit!

Auch gerne auf dem Sofa

Jupp Nehl geht gerne ins Stadion. Das Spiel elektrisiert ihn wie einst, als er selbst noch mit kurzer Hose auf Torejagd ging. „Aber ich schaue mir auch sehr gerne ein Fußballspiel zuhause an.“ Wobei er anders guckt, das gibt er gerne zu. Der oberste Qualitätsmanager des Hauses hat einen anderen Blick auf das Produkt Fußball. Weil er genau weiß, wie des deutschen liebstes Spiel im Fernsehen auszusehen hat. Wie rasant und schnell es vermittelt werden muss.

Tauchen manchmal Nostalgiegefühle auf beim Fußballer Nehl, die Gedanken an die schöne alte Zeit, in der Heribert Faßbender mit einem amtlichen „n‘Abend allerseits“ den TV-Spieltag einleitete und in der ARD-Sportschau tatsächlich exklusive und taufrische Ware präsentieren konnte? Nein, sagt Nehl, er ist da Realist, nüchtern, weiß um die Fortentwicklung des Geschäfts und hat damit kein Problem. Kein Platz für Sentimentalitäten.

„Schön ist allerdings“, schiebt er ein, „wenn ich die Jungs von früher treffe, Rob Reekers, Michael Lameck, Lothar Woelk.“ Das sind die Bochumer – und die nennt er zuerst. Klar, Leverkusen war auch eine große Zeit, Völler, Vollborn, Kirsten, die Kontakte gibt es auch noch. „Aber Bochum war immer solide, beide Füße auf dem Boden, das habe ich gemocht“, sagt Nehl, der von sich selbst sagt, „nie ein Paradiesvogel“ gewesen zu sein.

Hermann Gerland hat die Klasse des jungen Manns aus Eilendorf erkannt. „Ich spielte bei Viktoria Köln, war ja schon 24, wir hatten ein Auswärtsspiel in Xanten, und da tauchte Gerland auf“, erinnert sich Nehl. Keine zehn, sondern 15 Minuten hat er damals zugeschaut. Dann fuhr er wieder. Montags rief er Nehl an. Seitdem rollt der Ball auf höchstem Niveau.

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