Für Naturschützer in der Region gibt es viel zu tun

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Rückkehr der Laubbäume: Im Nationalpark Eifel wurden in preußischer Zeit Fichten aufgeforstet, die dort eigentlich nicht heimisch sind. Heute greift wieder der Mensch ein, damit eine natürliche Baumverjüngung mit heimischen Arten wie etwa Buche oder Eiche gelingen kann. Foto: stock/Caro
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Macht weiter Druck gegen die Windpark-Pläne im Aachener Süden: NABU-Vorsitzender Claus Mayr.

Aachen. Die Natur kann sich nicht gegen Eingriffe durch den Menschen wehren, sagt Claus Mayr. Deshalb brauche sie Anwälte, die sich für sie einsetzen. Etwa den Naturschutzbund Deutschland (Na­bu), für den Mayr nicht nur hauptberuflich in Brüssel tätig ist, sondern unter anderem auch ehrenamtlich als Vorsitzender des Aachener Stadtverbandes, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Im Gespräch mit Christian Rein erklärt Mayr die aktuellen Herausforderungen für Naturschützer und warum es in unserer Region eigentlich so gut wie gar keine Natur mehr gibt.

Muss man ein Fundamentalist sein, um im Naturschutz etwas zu bewirken?

Mayr: Ein Fundamentalist? (lacht) Ich glaube, wir sind eher Realisten.

Das müssen Sie erklären.

Mayr: Es gibt unter den einschlägigen Organisationen eine Art Arbeitsteilung: Greenpeace-Aktivisten versuchen zum Beispiel mit Motorbooten, Walfangschiffe zu behindern, oder sie klettern auf Schornsteine von Industrieanlagen, um auf deren CO2-Ausstoß aufmerksam zu machen. Das sind die Wellenbrecher.

Und Nabu-Mitglieder?

Mayr: Die Organisationsstruktur des Nabu folgt den politischen Ebenen: Wir haben Stadtverbände, Kreisverbände, Landesverbände und den Bundesverband. Schon das zeigt, dass wir eher versuchen, innerhalb dieser Strukturen etwas zu bewegen. Nabu-Mitglieder arbeiten am liebsten vor Ort, konkret an einer Sache. In dieser Hinsicht sind wir Realisten.

Aber genau wie Greenpeace, BUND oder WWF hat doch auch der Nabu das Anliegen, die Welt ein Stückchen besser zu machen?

Mayr: Ich würde eher sagen: sie lebbar zu erhalten. Es geht darum, die Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen zu bewahren. Unsere wichtigste Grundlage ist die biologische Vielfalt, die im Moment durch den Klimawandel und viele andere menschliche Einflüsse gefährdet ist.

Wie ist es um die Lebensgrundlagen in unserer Region bestellt?

Mayr: Seit den 1960er Jahren gibt es die Roten Listen, die uns sagen, wie es um Tier- und Pflanzenarten bestellt ist. Seit dem Jahr 1992 gibt es außerdem die EU-Richtlinie Fauna, Flora, Habitat (FFH-Richtlinie). Alle sechs Jahre wird ein Statusbericht gemacht, wie es den Arten und den Lebensraumtypen in diesen Gebieten geht. Mit Hilfe dieser beiden Instrumente – Rote Liste und FFH-Statusberichte – kann man sehen, dass es vielen Arten gut geht. Das betrifft insbesondere die meisten Arten, die im Wald leben. Vielen anderen Arten in der Stadt oder im städtischen Umfeld, insbesondere den Feldvogel-Arten, geht es wegen der intensiven Landwirtschaft und der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU nicht gut.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Mayr: Ich habe als junger Student in den 1980er Jahren für den Brutvogel-Atlas des Rheinlandes in Gebieten in der Eifel kartiert, die heute zum Nationalpark gehören, der im Jahr 2004 ausgewiesen wurde. Den Arten geht es nach wie vor gut, einige Bestände sind sogar größer geworden; es gibt heute mehr Schwarzspechte, Uhus oder Schwarzstörche. Ich habe damals aber auch in der Vettweißer Börde kartiert, wo die Zuckerrübe die höchste schattenspendende Pflan­ze ist – damals wie heute. Aber damals gab es noch eine Menge Rebhühner, Feldlerchen, Dorngrasmücken oder Grauammern. Das sind Feldvogelarten, deren Bestände bei uns in der Region teilweise um 90 Prozent im Vergleich zu den 1980er Jahren zurückgegangen sind.

Sie sagen, die industrielle Landwirtschaft beziehungsweise die europäische Agrarpolitik seien der Grund dafür. Warum?

Mayr: Seit den 1960er Jahren werden Landwirte von Brüssel dafür belohnt, dass sie Landschaften maschinengerechter gestalten. Das hat in den sogenannten Gunstlandschaften mit den hochwertigen Lösslehmböden dazu geführt, dass man nicht nur die Streuobstwiesen am Ortsrand, sondern auch die Feldgehölze und die Hecken beseitigt hat. In unserer Region betrifft das insbesondere die Bördelandschaften im Heinsberger Raum oder im Kreis Düren. In der Eifel ist das weniger ein Problem. Dort gibt es viel mehr Milchwirtschaft; da ist dieser Druck nicht so groß. Dort kann es sich ein Landwirt auch mal leisten, eine Hecke stehen zu lassen.

Die 1960er Jahre sind lange her. Gibt es in Brüssel inzwischen die Erkenntnis, dass man etwas verändern muss?

Mayr: Die Mühlen in der Europäischen Union mahlen sehr langsam. Zudem hat die Landwirtschaft eine starke Lobby, die im Ministerrat und im Europäischen Parlament die Vorschläge der EU-Kommission immer wieder verwässert hat, auch bei der aktuellen GAP-Reform. Eine erste zaghafte EU-Agrarreform fand unter Kommissar Franz Fischler Ende der 1990er Jahre statt. Der ist erste Schritte in die richtige Richtung gegangen. Bei der aktuellen EU­Agrarreform ist dieser Ansatz noch mal verstärkt worden. Ab 2015 wird ein Teil der Subventionen nur dann ausgezahlt, wenn der Landwirt mindestens fünf Prozent seiner Betriebsfläche als sogenannte ökologische Vorrangflächen ausweist und extensiv bewirtschaftet, also zum Beispiel nicht mehr mit Pestiziden spritzt.

Fünf Prozent, das ist nicht sehr viel.

Mayr: Nein, das ist der klassische Kompromiss. Die EU-Kommission hatte ursprünglich sieben Prozent vorgeschlagen, der Agrarausschuss im EU-Parlament und Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner wollten maximal drei Prozent, Naturschutzverbände und Ökologen fordern seit Jahren zehn Prozent. Hinzu kommt, dass ein Landwirt in Deutschland durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) über die Förderung des Maisanbaus für die Gewinnung von Biogas im Vergleich viel mehr Subventionen erhält. Da die meisten Landwirte mit dem Rücken zur Wand stehen, tun sie natürlich das, womit sie am meisten Geld verdienen können. Das kann man ihnen auch nicht vorwerfen.

Wie kann man andere Anreize schaffen?

Mayr: Die Umweltverbände fordern sowohl eine Novelle des EEG als auch eine Änderung der Subventionsspirale der EU: weniger Subventionen, die der Natur und dem ökologischen Landbau schaden, mehr Subventionen, die ihn fördern. Das EEG muss der kommende Bundestag dringend ändern. Mit den EU-Subventionen für die Landwirtschaft – mit etwa 58 Milliarden Euro immerhin 40 Prozent des gesamten EU-Haushaltes – muss sich das nächste Europäische Parlament, das wir im kommenden Jahr wählen, dringend erneut befassen.

Als Naturschützer müsste Ihnen die Energiewende sehr gefallen, vor allem, wenn es um das Einsparen klimaschädlicher fossiler Energieträger geht. Gleichzeitig werden etwa im Münsterwäldchen im Aachener Süden Windräder im Wald geplant; es wären die ersten Anlagen in einem Wald in NRW. Erneuerbare Energien gibt es also auch nur mit einem Eingriff in die Natur. Wie bringen Sie das unter einen Hut?

Mayr: Grundsätzlich ist jede Form der Energieerzeugung immer ein Eingriff in die Natur. Gerade unsere Region ist ja geprägt durch die Braunkohle. Ich bin im Kreis Düren aufgewachsen, und ich habe erlebt, wie die Dörfer unserer Umgebung abgebaggert wurden. Im Vergleich dazu sind natürlich all die Dinge, über die wir heute diskutieren – Solaranlagen, auch auf Freiflächen, Windkraftanlagen oder auch ein Pumpspeicherkraftwerk am Rursee – vergleichsweise kleine Eingriffe.

Die Aufregung um die Windräder im Münsterwäldchen ist also nicht gerechtfertigt?

Mayr: Als Naturschützer müssen wir immer den Einzelfall betrachten. Wir haben beim Münsterwald gesagt: Da der Wald selber ökologisch weniger wertvoll ist als andere Bestände wie etwa der Aachener Stadtwald mit alten Buchen und Eichen, ist er für Windkraftanlagen geeignet. Dann bekamen wir die Information, dass in der Nähe Schwarzstorch, Rotmilan und Uhu brüten. Der Nabu hat sich daher nach langer Diskussion aus artenschutzrechtlichen Gründen gegen einen Windpark an dieser Stelle ausgesprochen und Alternativstandorte empfohlen.

Das klingt ein wenig nach Eiertanz.

Mayr: Nein. Man muss einfach abwägen. Es gibt ja auch im Aachener Stadtgebiet und in den angrenzenden Kreisen weniger sensible Flächen, wo zum Beispiel in Wäldern kein Schwarzstorch vorkommt. Wir plädieren beispielsweise seit mehreren Jahren dafür, die ganze Bergbau-Folgelandschaft, also die Region der Tagebaue Inden, Garzweiler und Hambach, für regenerative Energien zu nutzen, wenn die Tagebaue in 20 bis 30 Jahren ausgekohlt sind.

Sie geben selbst das Stichwort: Bergbau-Folgelandschaft. Inwieweit kann man – Nordeifel und Nationalpark mal ausgenommen – bei unserer Region denn überhaupt noch von Natur sprechen?

Mayr: Wir haben in unserer Region überhaupt keine Naturlandschaften mehr. Nur im Hohen Venn ist auf ganz kleinen Flächen ursprüngliche Naturlandschaft erhalten. Selbst die Eifel mit dem Nationalpark ist eine Kulturlandschaft. Dort wurden in preußischer Zeit Fichten aufgeforstet, die in unserer Region gar nicht heimisch sind. Heimisch wären hier Buchen- und Eichen-Mischwälder.

Wie kann der Nationalpark dann Nationalpark sein?

Mayr: Als es Ende der 1980er Jahre darum ging, wie man das Gebiet nach dem Abzug des belgischen Militärs nutzen könnte, gab es beim Nabu erste Überlegungen für ein Schutzgebiet. Wir sind aber nie davon ausgegangen, dass daraus einmal ein Nationalpark werden könnte. Das wurde erst durch eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes im Jahr 2002 möglich, mit der auch sogenannte Entwicklungsnationalparks zugelassen werden, was der Nationalpark Eifel schließlich auch ist. Erst in etwa 30 Jahren wird sich hier die Natur auf 75 Prozent der Fläche ohne Störungen durch den Menschen entwickeln dürfen.

Bedeutet Naturschutz, dafür zu sorgen, dass der Mensch möglichst gar nicht eingreift?

Mayr: Es gibt mehrere Strategien: Auf den Wald bezogen, also beispielsweise auch auf den Nationalpark, bedeutet es in der Tat, dafür zu sorgen, dass der Mensch möglichst nicht mehr eingreift. Wobei es auch dort einige Bestände von Pflanzenarten gibt, die nicht hierher gehören, die aber so durchsetzungsstark sind, dass man aktiv etwas gegen sie tun muss. Dazu gehört im Nationalpark etwa die Douglasie, ein nordamerikanischer Nadelbaum. Nur so kann die natürliche Baumverjüngung mit Arten, die hier heimisch sind, also etwa Buche und Eiche, gelingen.

Und außerhalb der Wälder?

Mayr: Dort geht es mehr um den Schutz der Kulturlandschaft, etwa um die genannten Streuobstwiesen rund um die Dörfer. Solche Lebensräume zu erhalten oder wieder zu schaffen, geht nicht ohne einen Eingriff des Menschen. Das ist unsere Aufgabe.

Naturschützer werden oft als Kleinkrämer belächelt, die tagelang am Feldrand stehen, um drei Hamster oder vier Birkhühner zu zählen. Stört Sie das?

Mayr: Nein. Es ist auch einfach völlig falsch und dumm. Feldhamster, Birkhühner oder andere Arten werden in den Medien gerne zu Fortschrittshindernissen stilisiert, um unsere Arbeit lächerlich zu machen. Tatsächlich betrachtet kaum jemand die Welt so ganzheitlich wie Naturschützer, Fachbiologen oder Ökologen. Wir sehen die Zusammenhänge zwischen unseren Lebensgrundlagen und den Einflüssen des Menschen darauf. Wir sind die Anwälte der Natur, die sich nicht wehren kann.

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