Für Martina Fromhold-Eisebith ist „Bildung der Schlüssel“

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Die Region Aachen ist geprägt von seinen Wissenschaftseinrichtungen wie dem Campus... Foto: Steindl
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... oder dem Forschungszentrum Jülich. Foto: dpa
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Aber auch industrielles Gewerbe wie Braunkohleförderung... Foto: Oliver Berg/dpa
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... und Papierproduktion spielen noch eine bedeutende Rolle.

Region. Bildung ist das A und O! So sieht es zumindest Prof. Martina Fromhold-Eisebith, Lehrstuhlinhaberin für Wirtschaftsgeografie an der RWTH Aachen. Im Interview mit unserer Redakteuren Hermann-Josef Delonge und René Benden beschreibt sie, wie die Region aus Wissen Wert für die Allgemeinheit schöpfen kann.

Frau Prof. Fromhold-Eisebith, sind Armut und Arbeitslosigkeit zwei Seiten einer Medaille?

Fromhold-Eisebith: Zweifellos besteht ein Zusammenhang. Die Statistiken der Arbeitsagentur liefern Erklärungsmuster für Armutsphänomene.

Welche Tendenzen machen Sie beim Blick auf die Zahlen für die Region Aachen aus?

Fromhold-Eisebith: Man sieht, dass die Schere auseinander geht, und das in mehrfacher Hinsicht. Wir haben signifikante Probleme bei Langzeitarbeitslosen und bei Menschen ausländischer Herkunft. Und diese Probleme werden noch größer, wenn die Flüchtlinge von der Statistik erfasst werden. Bei Menschen deutscher Herkunft hingegen gibt es Verbesserungen. Der Arbeitsmarkt bei den wissensintensiven Dienstleistungen entwickelt sich gut, nach unten geht es im Bereich des verarbeitenden Gewerbes, vor allem bei Metall und Elektro. Außerdem bestehen große regionale Unterschiede: Probleme gibt es vor allem in Städten wie Eschweiler, Stolberg oder auch Aachen. Allerdings fällt auf, dass es gerade in Gebieten mit den höchsten Arbeitslosenquoten teils auch die stärksten Verbesserungen gibt. Man muss also sehr genau hinschauen. Das Bild ist nicht einheitlich.

Was lernen wir daraus?

Fromhold-Eisebith: Vor allem, dass der Bildung eine Schlüsselrolle zufällt. Solange es uns nicht gelingt, die Bildungssituation der Betroffenen nachhaltig zu verbessern, wird sich nichts ändern. Das spiegelt sich dann auch in den Armutszahlen – bis hin zur Kinderarmut. Diese Erkenntnis ist nicht überraschend oder neu. Trotzdem muss man es immer wieder betonen: Bildung ist das A und O, gerade auch in unserer Region, die sich zu einer Wissensregion entwickelt und entwickeln muss.

Wissensregion ist ein inflationär benutzter Begriff. Wie würden Sie diese Entwicklung konkret beschreiben?

Fromhold-Eisebith: Wir stehen an der Schwelle zu einem Zeitalter der modernen, digitalen, kundenorientierten Produktionsweisen. Die Wissenschaft nennt das „postfordistisch“, man spricht auch von der Industrie 4.0. Ein Beispiel für diese Tendenz findet sich jetzt schon auf dem ehemaligen Talbot-Gelände in Aachen. Dort werden Dienstleistungen angeboten, die auf die Bedürfnisse der Kunden maßgeschneidert sind. Serviceorientiert, hochwertig, innovativ. Das nutzt dann auch gerne ein großer Konzern wie die Deutsche Post, die dort den Streetscooter, ein Produkt aus der Aachener Ideenschmiede, produzieren lässt. Wenn dieses Beispiel Schule machen soll, braucht man die Man- und Womanpower, die solche Entwicklungen unterstützt. Ohne Bildung gelingt das nicht, und ich meine nicht nur Hochschul-, sondern auch berufliche Bildung.

Nicht jeder wird davon profitieren.

Fromhold-Eisebith: Das stimmt. Aber man muss diese Entwicklung in einem gesamtökonomischen Kontext sehen. Die Statistik etwa für die Stadt Aachen zeigt, dass der Umsatz in Zukunftsbranchen des verarbeitenden Gewerbes jetzt schon enorm steigt und noch weiter steigen wird – stärker als im Landestrend. Für die Beschäftigungszahlen gilt das übrigens noch nicht. Es wird also gut verdient in diesen Branchen, und das hat Auswirkungen auf andere Bereiche. Wer im Hightech-Bereich Kaufkraft gewinnt, der gibt auch mehr aus im Einzelhandel, für einfache Dienstleistungen, für diverse Dinge des persönlichen Bedarfs. Vielleicht können so auch Menschen mit nicht so hoher Qualifikation in anderen Branchen davon profitieren. Aber das dauert natürlich seine Zeit.

Wie erklären wir das dem langzeitarbeitslosen Menschen Mitte 50, der keine Perspektive mehr für sich sieht?

Fromhold-Eisebith: Hier hilft nur der Blick auf den Einzelfall, auf die näheren Umstände einer Langzeitarbeitslosigkeit. Um- und Weiterqualifizierung können Maßnahmen sein, die greifen. Diese Angebote müssen weiter verstärkt werden. Aber für die Betroffenen ist die Situation sehr schwierig. Da muss man realistisch sein, das gebe ich zu. Die besten Chancen haben tatsächlich Menschen mit einer hohen Qualifikation.

Müssen wir uns also damit abfinden, dass es in Zukunft Arbeit im produzierenden Gewerbe für Menschen, die eben nicht so hoch qualifiziert sind, in dem Maße wie bisher nicht mehr geben wird?

Fromhold-Eisebith: Es ist falsch zu sagen, dass die digitalisierte Produktion, dass die Industrie 4.0 die Anforderungen an die Qualifikation ausschließlich steigert. Es ist schwierig, dass jetzt schon konkret zu beziffern, aber in bestimmten Bereichen, etwa der Logistik, wird es möglich und sogar notwendig sein, geringer qualifizierte Mitarbeiter zu beschäftigen. Aber ich denke auch an ganz andere Branchen abseits der reinen Produktion, die Chancen für diese Menschen bieten können.

Welche meinen Sie konkret?

Fromhold-Eisebith: Das Gesundheitswesen zum Beispiel. Schon heute haben wir in diesem Bereich regional den stärksten Zuwachs an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Und der Bedarf wird noch wachsen, wenn erst die geburtenstarken Jahrgänge in das Alter kommen, in dem sie vielleicht Pflege brauchen.

Sehr oft finden wir in diesem Bereich allerdings prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

Fromhold-Eisebith: Das stimmt. Es ist ein großes politisches Versäumnis, dass es nicht gelungen ist, für diese Jobs vernünftige arbeitsrechtliche Regelungen zu schaffen. Das ist eine große Baustelle.

Sie betonen aber insgesamt eher die Chancen als die Risiken der Entwicklung?

Fromhold-Eisebith: Es gibt ja auch keine Alternative. Aber natürlich müssen dafür die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen stimmen. Der Breitbandausbau gerade im ländlichen Raum ist ein Stichwort. Ganz entscheidend ist aber auch ein anderer Punkt: In unserer Region wird viel entwickelt, auch an Zukunftstechnologie. Wir sind da sehr innovativ. Aber angewendet wird diese Technologie zu oft anderswo. Da muss die Region gegensteuern. Einfach ausgedrückt: Wir brauchen mehr Talbot.

Talbot ist ohne Zweifel ein herausragendes Beispiel. Kritiker sagen aber auch, dass oft nicht mehr nach Tarif bezahlt wird. Wie also schaffe ich nicht nur Arbeitsplätze, sondern gut bezahlte Arbeitsplätze?

Fromhold-Eisebith: Generell sollte untertarifliche Bezahlung nur als Ausnahme für eine gewisse „Anschubphase“ gelten. Und wenn sich der betriebliche Erfolg einstellt, gibt es wieder gute Gründe für steigende Einkommen. Dies gilt vor allem für die ja jetzt schon knappen Fachkräfte, die nur bei angemessener Bezahlung bleiben oder hinzugewonnen werden können. Auch hier zeigt sich wiederum die entscheidende Rolle von Bildung und Qualifikation.

Kann man so etwas wie den Fall Talbot planen? Wie hoch ist der Faktor Zufall?

Fromhold-Eisebith: Wenn wir das Beispiel Talbot nehmen, ist da in der Tat viel zum genau richtigen Zeitpunkt zusammengekommen. Wir hatten die Ausgründung aus der RWTH, die den Streetscooter entwickelt hat. Wir hatten das Talbot-Gelände mit hochmotivierten Mitarbeitern und der Bereitschaft, etwas zu wagen. Wir hatten schließlich das Interesse der Deutschen Post. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, das ist selbstverständlich. Wenn etwas wie jetzt bei Talbot gelingen soll, dann braucht es aber auch eine Unternehmerpersönlichkeit mit Visionen, die das Ganze vorantreibt. Das kann übrigens auch ein Wissenschaftler sein. Diese Schlüsselpersönlichkeiten kann man durchaus systematisch suchen und dann entsprechend unterstützen.

Auch mit Geld? Was halten Sie von einem Strukturfonds für die Region?

Fromhold-Eisebith: Es wird immer gerne nach finanzieller Förderung gerufen. Aber nachhaltiger ist es, wenn es Unternehmen gibt, die davon überzeugt sind, dass ein Standort in der Region für sie genau richtig ist. Die bleiben dann auch und sind bereit, selbst zu investieren. Und das zieht dann im Idealfall weitere Unternehmen an.

Besteht nicht die Gefahr, dass bei der Entwicklung hin zu einer modernen Arbeitswelt nicht nur bestimmte Menschengruppen, sondern auch ganze Kommunen oder zumindest Stadtteile auf der Strecke bleiben? Orte, die strukturelle Probleme haben?

Fromhold-Eisebith: Dass sich Räume unterschiedlich entwickeln, ist nicht zu vermeiden. Kernräume moderner Gewerbeentwicklung sind stark und attraktiv und ziehen weitere Top-Unternehmen an. Das sind Selbstverstärkungseffekte, die sich immer wieder beobachten lassen. Aber irgendwann gibt es auch Ausbreitungseffekte, weil der beliebte Standort voll belegt ist. Die Flächen werden knapp und teuer. Davon können dann sekundäre Standorte, die heute vielleicht noch brach liegen, profitieren. Aber ob das passiert, ist immer auch eine Frage der räumlichen Entwicklungsplanung. Man muss sensibel sein für diese Problematik. Dann kann man über Leuchtturmprojekte solche Problemquartiere beleben. Es gibt Beispiele dafür: der alte Schlachthof in Aachen etwa oder das Projekt „soziale Stadt Aachen-Nord“. Es darf nicht alles nur Campus Melaten oder Aachen-West sein.

Muss eine solche Entwicklungsplanung nicht auch kommunalübergreifend sein?

Fromhold-Eisebith: Absolut. Notwendig ist eine wirtschaftsräumliche Planung auf der gesamtregionalen Ebene, damit die starken Unterschiede und Gefälle, die zwischen den einzelnen Städten und Gemeinden entstehen können, zumindest gemildert werden. Ganz beseitigen lassen sie sich nicht. Aber da passiert meiner Einschätzung nach schon viel.

Stimmen die Strukturen? Wir haben den Eindruck, dass es viele Verbände, Institutionen und Körperschaften gibt, deren Aufgaben und Kompetenzen sich teilweise überschneiden. Wie kann das funktionieren?

Fromhold-Eisebith: Solange diese Organisationen miteinander kommunizieren und auch wissen, wer was macht und wofür zuständig ist, solange das alles also koordiniert wird, muss es kein Nachteil sein. In der Wissenschaft wird vereinzelt die Meinung vertreten, dass sich überschneidende Zuständigkeiten verschiedener Institutionen sogar zuweilen förderlich sein können. Dann entsteht nämlich eine belebende Konkurrenz darüber, wer was besser kann. Das kann der Region ja sogar nutzen. Schwierig wird es allerdings, wenn es verschiedene Strategien gibt, die nicht in Übereinstimmung gebracht werden können. Und natürlich, wenn sich die Energie in Kompetenzgerangel erschöpft. Das hängt allerdings von den handelnden Personen ab.

Finden Sie es in diesem Zusammenhang sinnvoll, dass sich die Region Aachen in der Metropolregion Rheinland mit Düsseldorf, Köln und Bonn engagiert? Besteht nicht die Gefahr, dass sie da untergeht?

Fromhold-Eisebith: Ich finde es sogar wichtig, dass sie dort Flagge zeigt. Die Region Aachen darf sich nicht im Westen abhängen lassen. Im Verbund mit der Rheinschiene wird sie anders wahrgenommen. Wir müssen in alle Richtungen offen sein. Das gilt auch von uns aus weiter nach Westen in die Euregio mit Belgien und den Niederlanden.

Das alles ist auch Sache der Wirtschaftsförderung. Die ist in der Region wieder ein großes Thema, nicht zuletzt durch den Beschluss des Kreises Heinsberg, aus der Agit auszusteigen. Wie sollte eine effektive Wirtschaftsförderung aufgestellt sein?

Fromhold-Eisebith: Ich plädiere für ein System, das differenziert auf verschiedenen Ebenen agiert. Wenn es um ein einzelnes Gewerbegebiet in einer Kommune geht, ist es gut, dass sich der Bürgermeister oder ein Mitarbeiter direkt kümmert. Die haben den direkten Kontakt vor Ort und wissen, was sie konkret anbieten können. Das gilt in der nächsten Stufe auch für die Kreisebene. Aber man braucht auch den übergeordneten Blick, um Defizite auszugleichen oder auch Ergänzungsmöglichkeiten zu erkennen: auf die Region, in nächster Stufe auf das Bundesland bis hin zur Europäischen Union. Wenn aber eine Fläche an den Investor gebracht werden soll, dann sind in erster Linie die kommunalen Experten gefragt. Ich kann es also verstehen, wenn sich etwa die Stadt Aachen schwer damit tut, die Wirtschaftsförderung an die Städteregion abzugeben. Ein bisschen Reibung kann da übrigens nicht schaden. Man darf sich aber natürlich nicht gegenseitig das Wasser abgraben. Die Zuständigkeitsbereiche müssen klar sein.

Lassen Sie uns zum Abschluss den Blick in die Zukunft wagen: Wo sehen Sie die Region Aachen im Jahr 2030?

Fromhold-Eisebith: Wir sollten versuchen, uns als eine Modelregion für eine systemisch angelegte digitalisierte Wirtschaft zu positionieren. Allerdings mit einem humanen Antlitz. Unser Bestreben darf es nicht sein, alles nur noch von Maschinen machen zu lassen. Wir haben die Chance, eine Region zu werden, in der moderne Technik nicht nur entwickelt, sondern auch getestet und in die Produktion integriert wird. Eine Produktion, in der auch Menschen unterschiedlicher Qualifikationen Arbeit finden. Das verstehe ich unter einer „Smart Region“.

Hat die Region das Zeug dazu?

Fromhold-Eisebith: Ja. Hier an der Hochschule existieren übrigens Projekte, die untersuchen, wie eine „Smart Region“ aussehen könnte, und die austesten, wie die praktische Umsetzung gelingen kann. Denn das ist selbstverständlich der entscheidende Schritt. Wenn es gelingt, das unternehmerische Potenzial zu heben, haben wir alle Chancen. Denn unter dem Strich steht: Die Digitalisierung ist ein Megatrend, wir werden nicht daran vorbeikommen. Wir sollten das als Rückenwind begreifen und nutzen.

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