Für die Braunkohle: Ein Wasserschlösschen wird geopfert

Von: Ingo Kalauz
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Wilfried Lörkens muss das Anwesen Haus Paland bald räumen, auf dem seine Familie seit 170 Jahren lebt. Foto: Marco Rose
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Ragt noch stolz in den Himmel: das Wasserschlösschen Haus Paland bei Erkelenz-Borschemich. Foto: Marco Rose
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Seit über drei Jahren verhandelt Wilfried Lörkens mit der RWE über die Höhe seiner Entschädigung. Foto: Marco Rose
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Das Ende ist in Sicht: Sein neues Haus im neugebauten Ort Borschemich (neu) ist schon fast fertig gebaut. Foto: Ingo Kalauz
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Die riesigen Braunkohlebagger haben sich fast bereits bis auf Steinwurfweite an das Dorf herangearbeitet. Foto: Marco Rose
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Das mittlerweile geräumte Dorf Borschemich wird in Kürze nur noch Erinnerung sein. Foto: Marco Rose
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Hier wohnt niemand mehr: Die verrammelten Gebäude stehen längst leer. Foto: Marco Rose

Erkelenz. Den Kiesweg nur ein Stückchen hoch, eine kleine Linkskurve nehmen – und man steht an der Abbruchkante des Tagebaus, blickt über das riesige Loch und sieht am Horizont die mächtigen Kühltürme der Kraftwerke Frimmersdorf, Niederaußem und Weisweiler den weißen Wasserdampf in den milchigen Maihimmel pusten. Der Tagebau frisst sich unaufhaltsam an den Ortskern von Borschemich heran.

Wilfried Lörkens hat die 400 Jahre alten Gemäuer, die seiner Familie seit 170 Jahren das Zuhause sind, noch nicht verlassen. Er wohnt im Herrenhaus von Haus Paland, das er von seinem Vater geerbt hat. „Aber die Tage sind jetzt wirklich gezählt, für den Umzug in das neue Borschemich bereite ich schon alles vor“, sagt Lörkens. „Ich muss ja“, fügt er hinzu, hebt dabei die Schultern und senkt die Mundwinkel.

Lange hat er sich dagegen gesträubt, Haus Paland aufzugeben, vor den Baggern des herankriechenden Tagebaus Garzweiler II zu weichen. „Ich habe noch immer schwer zu kämpfen, wenn ich mir vorstelle, dass das hier alles bald weg sein soll, einfach verschwunden.“

Der Graben, der sich um die ehemalige Wasserburg zieht, ist längst schon ausgetrocknet, der Grundwasserspiegel musste gesenkt werden, lange bevor die Bagger kommen. Die Bäume auf der ausgedehnten Obstwiese vor der Einfahrt der ehemaligen Wasserburg haben die Mitarbeiter von RWE vor kurzem erst gefällt.

Seit mehr als drei Jahren verhandelt Wilfried Lörkens mit dem Energiekonzern über die angemessene Höhe der Entschädigung, über das Geld, das ihm zusteht. Aber was ist schon angemessen? Haus Paland ist ein großes Gebäude mit dicken Mauern, mächtigem Gewölbe und markantem Dachstuhl. Die Anlage steht unter Denkmalschutz. Was ist es wert? Was der weitläufige Park, was die Nebengebäude?

Haus Paland, das ist Wilfried Lörkens Heimat. Das ist für ihn der Geruch des Hauses, das ist der Sessel, in dem der Vater immer saß, das ist die Treppe, die er als Jugendlicher gemauert hat, das ist der Stall, in dem das Werkzeug lagert, wo der blank gepflegte Fendt-Traktor steht, das ist das Tannenwäldchen mit dem Holztor, das den Weg öffnet, der sich hinaufschlängelt zur längst entweihten Dorfkirche St. Martinus. „Kannst du alles vergessen“, sagt Lörkens. „Die Wohnfläche ist die Grundlage für die Berechnung der Entschädigungssumme, die RWE den Umsiedlern zahlt“. Gewohnt hat er nur in einem kleinen Teil des Gebäudes.

Es war ein ständiges Hin und Her, ein Feilschen um dies und um das – aber irgendwie hat man sich dann doch geeinigt. „Was bleibt mir denn anderes übrig?“, fragt Lörkens. Ende des Jahres muss der Ort, der einmal 550 Einwohner zählte, endgültig geräumt sein. So steht es im Rahmenbetriebsplan, so ist die Planung des Energiekonzerns, daran gibt es nichts zu rütteln. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin hat Lörkens sein neues Zuhause in Borschemich (neu) geplant, der Rohbau steht, die Inneneinrichtung ist bestellt.

Dort, im Neubauort am Rande der Erkelenzer Kernstadt, hat das Leben der Dorfgemeinschaft, in dem Lörkens als treibendes Bindeglied seit vielen Jahren fest verankert ist, schon wieder auf die Beine gefunden: Kirmes wurde gefeiert, die ersten Karnevalssitzungen sind bereits Geschichte, die Bruderschaft ist genau so wieder aktiv wie die Feuerwehr, vor wenigen Tagen wurde der Neubau der Kapelle eingesegnet.

Wilfried Lörkens hat den Blick nach vorn gerichtet: „Wird schon. Es geht immer weiter.“ Traurigkeit schwingt in der Stimme, als er das sagt, natürlich. Denn er weiß genau, dass es lange braucht, bis dieses Gefühl nachwächst. Dieses Gefühl, das man „Heimat“ nennt.

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