„Für die 2. Liga hätte es sicher gereicht“

Von: Marlon Gego
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„Ich bin nicht froh, aber auch nicht traurig“: Robert Deller verlässt das Aachener Justizzentrum durch den Hauptausgang. 34 Jahre lang hat er dort als Staatsanwalt gearbeitet. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Mit Robert Deller geht Montagabend das Gesicht der Aachener Staatsanwaltschaft in den Ruhestand. Deller war 16 Jahre lang Sprecher der Behörde und erschien als solcher in etwa 5000 Zeitungsartikeln und Hunderten Sendungen in Fernsehen und Radio. Überdies war Deller als Abteilungsleiter für die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität zuständig. Die Öffentlichkeit kennt Deller als ernsten Menschen. Fast ist man ist erstaunt, wie laut er lachen kann.

Herr Oberstaatsanwalt, die erste Frage, die ich Ihnen stelle, würde ich gern für Sie beantworten.

Deller: Wir können es ja mal probieren.

Werden Sie die Verantwortung Ihres Berufes schon bald vermissen?

Deller: Und meine Antwort?

Sie werden die Verantwortung natürlich nicht vermissen, sonst hätten Sie ja Ihren Arbeitsvertrag verlängert.

Deller: Genau, gut geraten.

Gehen Sie vielleicht deswegen in Pension, weil Ihnen die Verantwortung im Gegenteil zu groß wurde?

Deller: Das nun wieder nicht. Es ist so: Ich hätte die Möglichkeit gehabt, früher aufzuhören, es gab die Möglichkeit zu verlängern. Aber ich hab‘ mir gesagt, dass irgendwann einfach mal Schluss sein muss. Die Verantwortung muss ich sowieso abgeben, ob es nun mit 65, 66 oder 68 ist, der Tag kommt. Und deswegen habe ich mich darauf festgelegt, mit 65 aufzuhören.

Ihr früherer Kollege Albert Balke, der mit 64 in Pension gegangen ist, hat mir vor kurzem erzählt, er habe so viele nervenaufreibende Fälle bearbeitet, er sei am Ende ein bisschen erschöpft gewesen. Sie auch?

Deller: Nein, das kann ich von mir nicht sagen. Man kann aber einen Staatsanwalt nicht mit dem anderen vergleichen, weil zum einen, im Fall von Herrn Balke und mir, Herr Balke überwiegend völlig andere Fälle bearbeitet hat als ich und wir zum anderen auch unterschiedliche Typen sind.

Werden Sie Ihre Arbeit vermissen?

Deller: Ich wollte eigentlich schon immer Staatsanwalt werden, seit dem Studium, warum, das lasse ich mal offen. Und mir hat die Arbeit tatsächlich auch immer Spaß gemacht. Das hat viel damit zu tun, dass ich eigentlich immer Vorgesetzte hatte, mit denen ich sehr gut ausgekommen bin, die mich immer gefördert haben. Auch deswegen habe ich meiner Pensionierung nie entgegengefiebert. Ich bin nicht froh, dass es vorbei ist, aber auch nicht traurig. Natürlich werde ich meine Arbeit ein bisschen vermissen, auch meine Kollegen, das ist doch klar.

Wir wollen natürlich doch darüber sprechen, warum Sie Staatsanwalt geworden sind.

Deller: Das Strafrecht hat mich während des Studiums immer mehr interessiert als die anderen Rechtsgebiete. Und ehrlich gesagt fand ich die Idee gut, Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, als Staatsanwalt in gewisser Weise helfen zu können. Von Gerechtigkeit will ich nicht sprechen, die gibt‘s wahrscheinlich nur im Himmel.

Sind Sie kein Idealist?

Deller: Eher ein Pragmatiker.

Erträgt es ein Pragmatiker leichter zu wissen, dass jemand, gegen den er ermittelt, schuldig ist, er es ihm aber nicht beweisen kann?

Deller: Nein, das kann ich nicht sagen, das ist nie ein gutes Gefühl. Wann immer ich in dieser Situation war, hat sie mich . . . gestört, um es moderat zu formulieren.

Sagen wir, Sie sind ein idealistischer Pragmatiker.

Deller: Von mir aus. Ich habe mir die Fälle, in denen ich jemandem seine Schuld nicht beweisen konnte, von Anfang an gemerkt und gedacht: Man trifft sich immer zwei Mal.

Und? Alle zwei Mal getroffen?

Deller: Viele, ja. Beim zweiten Mal waren die Karten oft anders gemischt, dann zu meinen Gunsten.

Gehört es zum Alltag eines Staatsanwaltes, Schuldige aus Mangel an Beweisen davonkommen zu sehen?

Deller: An diese Fälle muss man sich gewöhnen, ja, sie kommen öfters vor.

Zumindest bei der Wirtschaftskriminalität. Bei den Kapitalverbrechen sieht es etwas anders aus.

Deller: Natürlich, und das hat einen Grund: Viele Kapitalverbrechen sind Beziehungstaten.

Und Beziehungstaten sind weniger abstrakt als Wirtschaftsstraftaten, weil es um Emotionen geht und nicht darum, sich einen Vorteil zu verschaffen.

Deller: Ja, so kann man es sagen. Die Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen liegt nahe bei 100 Prozent, bei Wirtschaftsstrafsachen weit darunter. In Wirtschaftsstrafsachen Beschuldigte sind keine Menschen, die einfach mal ausrasten und dann anfangen loszuprügeln, sondern Menschen, die mit allen finanziellen und technischen Mitteln versuchen, einen Rechtsbruch, also etwa eine Steuerhinterziehung, zu verschleiern.

Im Zusammenhang mit den Fällen Wulff und Kachelmann ist viel darüber geschrieben worden, dass es oft eine ungute Nähe zwischen Staatsanwaltschaft und Medien gibt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Deller: Ich möchte das in den beiden Fällen nicht abschließend beurteilen, kann aber sagen: Was besonders im Fall Kachelmann an die Öffentlichkeit gelangt ist, wäre unter meiner Führung nie an die Öffentlichkeit gelangt.

Hat Ihre Eitelkeit nie über Ihre Professionalität gesiegt?

Deller: Halten Sie mich für eitel?

Na, ein kleines bisschen eitel sind Sie schon, wie die meisten Menschen.

Deller: Wenn Sie‘s so sagen, bin ich einverstanden. Aber nein, ich habe mich bemüht, die Sache immer in den Mittelpunkt zu stellen, also meine Arbeit, nicht mich. Es kann doch nicht sein, dass Staatsanwälte eine laufende Hauptverhandlung außerhalb des Gerichtssaales weiterführen.

Während Ihrer Laufbahn hat sich die Arbeit der Staatsanwälte sehr verändert, die technischen Möglichkeiten sind heute immens, allerdings werden auch die Verfahren dadurch aufwendiger und länger. Birgt das die Gefahr, dass die kleineren Fälle vernachlässigt werden?

Deller: Das glaube ich nicht. Wenn ich über meinen Bereich spreche, will ich es mal so zu erklären versuchen: Wir, die Staatsanwälte, können ja nicht für alles Spezialist sein, Vermögensrecht, Bilanzrecht, Steuerrecht, Datenschutz. Deswegen haben wir schon früh mit Sachverständigen gearbeitet, die uns einen Teil unserer Arbeit abnehmen und uns unterstützen. Wir haben zum Beispiel einen jungen Mann als Sachverständigen gewonnen, der eine Computerfirma hat, und der sich mit Computern, Smartphones und Internet erheblich besser auskennt als jeder Staatsanwalt.

Gibt es ein Fall, der Ihnen nachhängt?

Deller: Nein, zum Glück nicht.

Ihre Pension stelle ich mir so vor, dass Sie sich vor allem mit Fußball beschäftigen.

Deller: Ja, auch. Ich bin in Frauwüllesheim groß geworden, da war es damals fast selbstverständlich, von Kind an im Fußballverein zu sein. Obwohl ich aus einer unsportlichen Familie komme, die mich, im Nachhinein zu Recht, sportlich nicht gefördert hat.

„Im Nachhinein zu Recht“, weil Sie nur bis zur Kreisliga B gespielt haben und es auch mit aller Förderung der Welt nie in die Bundesliga geschafft hätten?

Deller: In die Bundesliga nicht, aber für die Zweite Liga hätte es sicher gereicht .

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