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Für den Schauspieltraum gehen sie an ihre Grenzen

Von: Elisa Zander
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Sie stehen an unterschiedlichen Ausbildungspunkten: Astrid Gottwald lernt seit fünf Monaten an der Schauspielschule Aachen. Foto: Elisa Zander
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Dort erhält auch Thomas Adamek Unterricht. Er wird voraussichtlich im September seine Ausbildung abschließen. Foto: Elisa Zander
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Marlène Jeffré besucht die Theaterschule in Aachen. Sie ist gerade in das sechste Semester gewechselt. Foto: Elisa Zander

Aachen/Alsdorf. Klavierklänge dringen durch die geschlossene Tür. Anweisungen einer Frau sind zu hören. Die Musik verstummt – und setzt neu an. Die Proben laufen, Prüfungen stehen an in der Theaterschule Aachen an der Theaterstraße. Marlène Jeffré ist eine der Studentinnen.

Sie steht vor dem Übergang in das sechste Semester. Bis zur nächsten Prüfung dauert es noch einige Tage. Improvisationstheater ist dann dran. „Das finde ich toll“, sagt sie. Sich mit großen Gesten – sie breitet die Arme aus – oder einer nach innen gekehrten Haltung – sie senkt den Kopf und zieht die Schultern hoch – ausdrücken und sich auf diese Weise einer Figur annähern, mag sie.

Zweieinhalb Jahre Ausbildung liegen hinter der 23-Jährigen. Sie studiert Schauspiel und den Zusatz Regie. Was reizt sie mehr? „Das kann ich gar nicht so sagen. Wenn man inszeniert, hat man Bock, selbst auf die Bühne zu gehen und zu spielen. Aber Regie macht auch viel Spaß.“ Vielleicht liegt ihr einfach beides. So wie damals in der Theater-AG zu Schulzeiten im Emsland. Da hat sie auf der Bühne gestanden, aber auch schon mal dahinter die Fäden in der Hand gehalten, die Technik koordiniert, Musik abgestimmt, die Darsteller in der Maske geschminkt. Eigentlich habe sie immer die Vorstellung gehabt, Medizin zu studieren und in die Gerichtsmedizin zu gehen. „Aber der Schauspiel-Traum hat in mir geschlummert.“ Und der ließ sich nicht verdrängen.

Nach neun Monaten Chicago entschied sich Marlène Jeffré dazu, es zumindest zu versuchen. Dass sie heute in Aachen studiert, „war ein glücklicher Zufall“, sagt sie. Es war ihr erstes Vorsprechen, und mit einem Erfolg habe sie gar nicht gerechnet, erinnert sie sich. Doch noch am gleichen Tag kam die Zusage. „Das war ein positiver Schock. Ich weiß noch, wie traurig meine Mama war. Klar, sie hat sich gefreut, aber nach neun Monaten Chicago war ich gerade eine Woche zurück, als ich ihr sagte, dass ich nun nach Aachen ziehen würde.“ Denn vier Tage später begann der Unterricht.

Unterteilt in die Kategorien Schauspiel, Sprechen, Bewegung und Gesang werden die Studenten an der Aachener Theaterschule auf das Leben als Schauspieler vorbereitet und ausgebildet. Kostenpunkt: 360 Euro pro Monat und für den Zusatz Regie kommen noch einmal 20 Euro monatlich hinzu.

Die Entscheidung vor zweieinhalb Jahren, einen Beruf zu ergreifen, von dem viele (junge) Menschen träumen und es entsprechend viele Absolventen gibt, habe sie nicht bereut. „Es gibt natürlich schwierige Momente, in denen man an sich zweifelt. Aber ich sage mir dann: ‚Nein, ich will das!‘“ Angst vor Absagen nach dem langen Warten auf ein Vorsprechen, vor negativer Kritik, am Ende der möglicherweise drohenden Arbeitslosigkeit – ja, sagt Marlène Jeffré, diese Gedanken, diese Zweifel an sich gebe es natürlich auch schon mal. „Aber man darf nicht aufgeben und muss dran bleiben. Ich denke, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Vermutlich geht es einigen so in Berufen, die viele gerne machen würden.“

Ihr Alltag im Studium ist anstrengend. Sprecherziehung, Theatergeschichte, Fechten, Akrobatik, Gesang – „es gibt so unglaublich viel zu lernen“. Dessen wird sie nicht müde. Wenn Marlène Jeffré erzählt, ist ihre Stimme ruhig und fest. Sie lebt ihren Traum vom Schauspiel – ohne ihre Augen vor möglichen Steinen im Weg zu verschließen. Optimismus gehört dazu. Und der Anspruch an sich selbst. Zu Film- und Fernsehrollen würde sie zwar nicht „nein“ sagen. Doch im Gespräch merkt man schnell: Die junge Frau zieht es an und auf die Bühne, die Bretter, die die Welt bedeuten. Inszenierungen für Kinder könnte sie sich auch vorstellen. So wie sie es bei Greta, dem jungen Theater des Grenzlandtheaters, kennengelernt hat. Hauptsache, der künstlerische Anspruch ist da.

Astrid Gottwald

Ortswechsel: Am Esstisch der Familie Gottwald sitzt Tochter Astrid. Mit 19 Jahren, vor einigen Monaten das Abitur absolviert, ein Freiwilliges Soziales Jahr wegen Krankheit abgebrochen, hat sie sich ein hohes Ziel gesetzt: Sie will auf die Musical-Bühne. Als Kind sang sie im Chor, war elf Jahre lang Tanzmariechen und musste dies wegen Knieproblemen später aufgeben. „Ich bin in verschiedenen Richtungen aktiv“, sagt sie, aber Musicaldarstellerin – das ist ihr Traum. „Ich finde die Art toll und die Bühne!“ Ihr Blick wird schwärmerisch.

„Die Bühne ist für mich am schönsten. Man bekommt direkt ein Feedback.“ Wäre die Stage School in Hamburg nicht die richtige Adresse für eine Ausbildung? „Da ist die Frage, ob ich das körperlich durchstehe, denn dort gibt es sehr hohe Anforderungen. Und es ist die Frage, ob ich dem Druck gewachsen bin“, macht sie sich in dieser Sache nichts vor. Man müsse wissen, was man sich zutrauen kann. Und den geraden Weg gebe es nicht ausschließlich.

Doch wer weiß, was sich in den nächsten Jahren noch alles tut. Denn Astrid Gottwald steht noch am Anfang ihrer Schauspielkarriere. Seit November lernt sie nebenberuflich an der Schauspielschule Aachen Schauspielgrundlagen, Improvisations-Theater, Gesang, Tanz und Bühnenkampf. Und schon jetzt sagt sie: „Ich habe unheimlich viel über mich selbst gelernt.“ Das Singen liegt ihr, sagt sie und erzählt von ersten Gesangsstunden an der Schule. Aufwärmübungen folgen Tonübungen, mit denen auf ein Lied hingearbeitet wird. Lieder mit „richtig viel Text kommen erst später“. Erst wird gelernt, wo Töne herkommen, wie die Atmung funktioniert und wie man lange Töne richtig hält.

Astrid Gottwalds Weg in die Schauspielschule führte über eine Zeitungsanzeige. Sie meldete sich bei dem beworbenen Filmworkshop an. „Ich habe schon immer gerne künstlerische Sachen ausprobiert.“ Auch der Kurs gefiel ihr. Zum Ende hin wurde die 19-Jährige von einer Dozentin angesprochen, ob sie Interesse an einer Ausbildung habe. Hatte sie. Und so stieg sie in den bereits laufenden Kurs mit ein. Eine Aufnahmeprüfung gibt es an der Schauspielschule nicht.

Ihre Familie war zu Beginn skeptisch gegenüber dem neuen Lebensweg, den die Tochter einschlug. „Sie hatten Angst um mich“, erinnert sich Astrid Gottwald. „Brotlose Kunst“, „kein Job“, „kein Geld“ waren Phrasen, mit denen sie sich immer wieder auseinandersetzen musste. „Aber es ist nicht so, dass man brotlos durch die Gegend läuft. Man kann ans Theater gehen, als Synchronsprecher arbeiten, sich bei Castings präsentieren“, zählt die Auszubildende auf. Dieses breite Spektrum habe sie erst später wahrgenommen. Ja, sie mache sich auch Gedanken um die Frage: „Was, wenn ich nicht gut ankomme?“ „Aber mir tut es gut, zu schauspielern. Und ich denke, wenn man es von ganzem Herzen will, dann findet man auch etwas.“

Momentan habe sie das Gefühl, ihre Eltern unterstützen sie. Sie haben sich auch damit auseinandergesetzt und greifen ihr unter die Arme. Für die Zeit der Ausbildung bleibt sie Zuhause wohnen, möchte sich nach Möglichkeit einen Nebenjob suchen. In zwei Jahren, nach ihrem Abschluss, strebt sie eine Ausbildung an der Schauspielschule Köln an.

Wo sieht sich die junge Darstellerin in zehn Jahren? „Ich glaube, dass ich wirklich so weit sein werde, auf der Bühne zu stehen. Das ist mein großes Ziel. Fernsehen ist auch gut, aber der direkte Kontakt ist für mich das Nonplusultra. Es ist mein Traum und für den bin ich bereit zu kämpfen.“

Thomas Adamek

Seinen Traum vom Schauspieler-Dasein lebt Thomas Adamek seit 2007. Zumindest ein Stück weit. Er hat kleinere Rollen in Fernsehproduktionen übernommen, die am Nachmittag bei den privaten Sendern ausgestrahlt werden. In 15 Agenturen ist er mittlerweile vertreten, schätzt der 23-jährige Fachabiturient. „Es gibt einen vorgegebenen Typen und wenn ich darauf passe, werde ich angerufen.“ Das passiere unterschiedlich oft. Auch mit Kaya Yanar hat er bereits gearbeitet. Im Oktober war er für fünf Drehtage in München.

Scripted-Reality-Formate möchte er künftig nicht mehr bedienen. „Auch dort lernt man etwas, und klar, das sind auch Erfahrungen. Aber ich möchte das jetzt in den Hintergrund schieben.“

Ursprünglich war die Schauspielerei ein Hobby. Im Urlaub und Zuhause stellte er Studio-Situationen nach, agierte mit Freunden als Nachrichtensprecher einer erfundenen Sendung. Mit voranschreitendem Alter stets den Gedanken im Kopf: „Wenn man ein Ziel hat, das man verfolgt, dann klappt das auch.“ Dem Schulabschluss folgte der Zivildienst am Aachener Uniklinikum. Aber was dann? Eine Pflegerausbildung kam für Thomas Adamek nicht infrage. Da wurde auch er durch eine Zeitungsanzeige auf die Schauspielschule Aachen aufmerksam, bewarb sich und wurde der erste Schüler der damals neu eingerichteten Ausbildungsstätte.

Das ist mittlerweile fast zwei Jahre her. Im September macht er seinen Abschluss. „Ich habe mich weiterentwickelt“, ist sein Fazit. „Die Sprecherziehung hat mir viel gebracht. Aufnahmen von damals sind mir heute manchmal peinlich. Ich habe die Befürchtung, dass man damals kein Wort verstanden hat.“ Solche Aufnahmen gibt es natürlich noch im Adamek‘schen Haushalt. Und hin und wieder landet eine davon im Abspielgerät. „Da gucke ich manchmal nur mit einem Auge hin“, sagt der 23-Jährige und lacht.

Wird das in Zukunft besser? Besonders mit Blick auf die Jobaussichten? „Das ist die große Frage“, sagt er und nickt. „Ich hoffe, dass ich durch meine bald abgeschlossene Ausbildung bessere Chancen habe, bei einer richtigen Filmagentur aufgenommen zu werden.“ Angst sei immer da, aber Adamek möchte versuchen, seinen Traum weiter auszubauen und „das sein, was ich wirklich bin. Man springt natürlich ins kalte Wasser, aber der Glaube an sich selbst und der Wille überwiegen.“

Den ganzen Tag im Büro sitzen? Nein, das wäre nichts für ihn. Auch Bühne und Theater kann sich der 23-Jährige nicht so richtig als seinen künftigen Arbeitsmittelpunkt vorstellen. Das Filmschauspiel sei realistischer, menschlicher, authentischer. „In der 20. Reihe sieht man die Mimik nicht mehr.“

In zehn Jahren – wenn es nach Thomas Adamek geht – hat er dann schon in einigen Filmen mitgespielt und Workshops mit Jugendlichen geleitet. Die Erfahrung, die er nun in seiner Ausbildung sammelt, möchte er weitergeben – möglicherweise sogar an einer Schauspielschule.

Ist Rampenlicht realistisch?

Ob sich die kleinen und großen Schauspielträume von Marlène Jeffré, Astrid Gottwald und Thomas Adamek erfüllen, wird sich zeigen. Eines haben sie gemeinsam: Die Zuversicht und den Willen, alles dafür zu tun, damit ihr Wunsch, im Rampenlicht zu stehen, Realität wird.

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