Aachen - Für den „Hä?“-Effekt müssen Lehrer sorgen

Für den „Hä?“-Effekt müssen Lehrer sorgen

Von: Thorsten Karbach und Udo Kals
Letzte Aktualisierung:
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100 Jahre nach dem großen Sterben: Viel Zeit bleibt Lehrern nicht, den Schülern den Ersten Weltkrieg zu vermitteln. Foto: Andreas Steindl (3), Michael Jaspers (1), dpa (1)
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„Auch uns fällt auf, dass wir wenig Zeit haben. Das ist schade“: Anne Bonczek, Schülerin am Viktoria-Gymnasium in Aachen. Foto: Andreas Steindl (3), Michael Jaspers (1), dpa (1)
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„Dieses Jahr ist eine große Chance“: Daniel Gärtner, Geschichtslehrer an der Vierten Gesamtschule in Aachen. Foto: Andreas Steindl (3), Michael Jaspers (1), dpa (1)
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„Wir hetzen immer von Stoff zu Stoff“: Harald Egerland, Geschichtslehrer am Viktoria-Gymnasium Aachen. Foto: Andreas Steindl (3), Michael Jaspers (1), dpa (1)

Aachen. Was an diesem Morgen bleibt, ist Nachdenklichkeit. Es sind Gedanken des französischen Literaten Romain Rolland zum Frieden in einer kriegerischen Zeit, die die Morgenandacht im Aachener Viktoria-Gymnasium prägen. Es ist das Gedenken an einen Schriftsteller, der sich vehement gegen den Ersten Weltkrieg stellte.

Und es ist in diesen 20 Minuten Morgenandacht auch gelebter Geschichtsunterricht in der Schule.

Vor 100 Jahren ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen. In diesen Tagen ist er weit mehr als eine historische Erinnerung. Und für die Geschichtslehrer Harald Egerland (Viktoria-Gymnasium) und Daniel Gärtner (Vierte Gesamtschule in Aachen) mehr als eine Unterrichtseinheit unter vielen. „Dieser Krieg hat eine ganze Generation verändert. Mich hat dieses Thema immer sehr interessiert“, sagt Egerland und fügt hinzu: „Es ist gut, dass das Thema so präsent ist. Für uns ist das ein Geschenk.“

Doch die Aachener Pädagogen wissen, dass ihre Begeisterung für das Thema auch eine ganz praktische Grenze hat: den Lehrplan. Der sieht so viele Themen vor, dass die Auseinandersetzung oftmals zu kurz kommt. Entsprechend gibt es Kritik: „Der Erste Weltkrieg wird nicht als wichtiger Baustein der eigenen Geschichte begriffen“, bedauert der Historiker und Weltkriegsexperte Gerd Krumeich.

Die jungen Menschen, die nach den üblichen vier bis sieben Lehrplan-Stunden zum Weltkrieg 1914-18 die Schule verlassen, kämen mit dem Thema nicht ausreichend in Berührung. Immerhin: In den neuen Kernlehrplänen für die Sekundarstufe I und in dem für die Sekundarstufe II, der zum neuen Schuljahr gilt, ist der Erste Weltkrieg ein verbindlicher Schwerpunkt. Er zählt damit zu den Themenfeldern, die im Geschichtsunterricht besprochen werden müssen. Seit 2007 ist der Erste Weltkrieg, der Weg dorthin und seine Folgen, Inhalt des Zentralabiturs.

Der Zugriff ist neu. Anders. Der Erste Weltkrieg wird nun als moderner Krieg verstanden. Es geht um die Auswirkungen auf das tägliche Leben, um große Zusammenhänge, aber auch um einzelne Schicksale. Die Fakten bilden den Rahmen. Das ist spannend – für Schüler wie Lehrer.

Sie können Feldpostbriefe analysieren und schauen als Hausaufgabe die zahlreichen Filme, die zum Jahrestag gedreht wurden. An der Wand des Geschichtsraums hängen Zeitungsartikel. Jeder Lehrer braucht ein Repertoire an Unterrichtsmethoden. Das Rad kann er nicht neu erfinden. Aber Frontalunterricht allein reicht heute nicht mehr aus, um Schüler zu begeistern. Aber hat es das jemals?

100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beleuchten die Schüler des Viktoria-Gymnasiums soziale Aspekte und schauen auf die politische Geschichte. Sie sehen die Menschen, die hinter Verträgen und Entscheidungen stehen. Kaiser Wilhelm II. etwa oder Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und sein Stellvertreter General Erich Ludendorff.

Doch nicht zu lange. Denn es gibt eben die Grenzen, die der Lehrplan steckt: Der Erste Weltkrieg bleibt ein Thema von vielen, die behandelt werden sollen. Der Leistungskurs in der Jahrgangsstufe Q1 von Harald Egerland muss nach dem Sommerferien den Zweiten Weltkrieg in Angriff nehmen, die Zeit drängt, die deutsche Einheit im Jahr 1990 ist noch weit weg, muss aber beleuchtet werden. „Wir behandeln das Thema so intensiv es eben geht. Aber wir hetzen immer von Stoff zu Stoff und haben das Problem, dass wir gar nicht alles verarbeiten können, was uns nun vorliegt“, erklärt der Lehrer. Anne Bonczek, Schülerin aus seinem Geschichts-LK, stellt fest: „Auch uns fällt auf, dass wir wenig Zeit haben. Das ist schade.“

Seit der Umstellung auf das Abitur nach acht Jahren gibt es an den Gymnasien weniger Geschichtsstunden, aber mehr Geschichte – die Zeit steht nicht still. Ende der Klasse 8 passt das Thema erstmals auf die Tagesordnung. Doch die Realität erzählt ihre eigene Geschichte. „Wir müssen ganz schön Dampf machen, sind noch im Deutschen Reich unter Kanzler Otto von Bismarck“, sagt Egerland. Vertiefen wird schwierig. Aber vertiefen will er. Wenn es Lehrplan nicht möglich macht, wird die Schule ihren eigenen Weg gehen – und das Thema bei der Projektwoche im September aufgreifen.

Nach den Sommerferien wird der Erste Weltkrieg auch für Daniel Gärtners Achtklässler auf dem Stundenplan stehen. Die Vierte Gesamtschule ist eine junge Schule mit ungewöhnlichen Ansätzen. Die Schüler werden sich das Thema wie alle möglichen anderen Themen individuell in Lernbüros statt Klassen und dann gemeinsam in Projektphasen erarbeiten. „Da sehe ich viele gute Ansätze zum Thema“, sagt der Lehrer.

Er denkt an menschliche Schicksale, an die Kinder, die ihre Väter verloren haben, an die Heimatfront. „Ich habe dabei nicht G8 im Nacken“, sagt Gesamtschullehrer Gärtner. Vielleicht bleibt auch Zeit, sich vor Ort umzuschauen. Im Mai war der Lehrer in Diksmuide in Flandern, wo Besucher die Enge der Schützengräben erleben können.

Das Viktoria-Gymnasium will das Thema insbesondere von seiner deutsch-französischen Seite betrachten. Eine Partnerschule, das Lycee Jean Jaures in Reims, gibt dazu besondere Perspektiven – im Dialog. Und dann ist da noch die Brücke in die Gegenwart in Form der Ukraine-Krise. Die Folgen des im März 1918 geschlossenen deutsch-russischen Friedensvertrags von Brest-Litowsk sind aktueller denn je. „Die Schüler sehen derzeit, dass Diplomatie am Primat des Militärs immer noch scheitern kann“, sagt Egerland. So wird Geschichte aktuell, fast schon zeitlos.

„Der Lehrer ist der Schlüssel zum Thema“, sagt Thomas Schulte, Fachleiter für Geschichte am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Aachen. Er könne bei den Schüler eine Art „Hä?“-Effekt erzeugen. Er meint die ganz große Neugier. „Geschichte ist ein Denk- und kein Lernfach“, sagt Schulte. „Wir wollen helfen, dass die Schüler ein Geschichtsbewusstsein entwickeln“, erklärt Egerland. Das Thema Erster Weltkrieg sei dafür bestens geeignet. Die Fakten und Daten müssen die Schüler dennoch kennen. Sie werden im Zentralabitur abgefragt – und das nicht nur 2014, also zum Jahrestag des Ausbruchs.

Was bleibt also von einem solchen Thema für den Unterricht, wenn das Jubiläumsjahr vorbei ist? Eine ideale Ausgangsposition – finden die Geschichtslehrer. Die Aufmerksamkeit ist perfekt für den Schulunterricht, aber gleichzeitig müssen die Lehrer schnell aus einem großen Materialangebot sondieren.

„Im nächsten Jahr haben wir alles gesichtet und können den Unterricht dann noch besser gestalten“, erklärt Egerland. „Dieses Jahr ist eine große Chance. Aber das nächste Jahr ist es auch, denn dann wissen wir, wo und wie wir Schwerpunkte setzen können“, sagt Gärtner. Für guten Unterricht, da sind sich beide einig, braucht es keine Jubiläen.

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