Aachen/Düren - Für den Gleisausbau ist es höchste Eisenbahn

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Für den Gleisausbau ist es höchste Eisenbahn

Von: Udo Kals und Jörg Abels
Letzte Aktualisierung:
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Westbahnhof 0050
19.02.02 Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen/Düren. Mit Verspätungen kennt sich Hans Joachim Sistenich bestens aus. Pendelt er doch als Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV) und von Nahverkehr Rheinland (NVR) mehrmals in der Woche per Zug zwischen Aachen und Köln.

Doch wenn er vom dritten Bahngleis zwischen Aachen und Düren spricht, dann redet der ÖPNV-Experte nicht über Verspätungen von Minuten oder halben Stunden. „Ich fordere schon seit Jahren ein drittes Gleis, doch lange Zeit ist nichts passiert. Jetzt droht uns ein Bahninfarkt und wir sind nicht auf die Zukunft vorbereitet.”

Es ist höchste Eisenbahn. Denn derzeit wird der neue Bundesverkehrswegeplan aufgestellt - und Gelder für dieses Projekt sind noch nicht vorgesehen. Bislang sieht der Bund keinen Handlungsbedarf - anders als alle Akteure in der Region. Das dritte Gleis muss nun endlich auf die Schiene gesetzt werden, lautet die Zielvorgabe. Dies hat die Region inzwischen verstanden.

Die Reihen sind geschlossen, auch über die Parteigrenzen hinweg. „Wir müssen dafür sorgen, dass der Bau des dritten Gleises in die Dringlichkeitsliste des Bundes aufgenommen wird”, sagt der Aachener Städteregionsrat Helmut Etschenberg und bestätigt den Dürener Landrat Wolfgang Spelthahn, wenn er sagt: „Der Bahnabschnitt Aachen-Düren ist ein Nadelöhr, das den Personen- und Warenverkehr unzumutbar bremst. Wenn die internationalen Verkehrsströme deshalb in zunehmendem Maße an unserer Region vorbei fließen, ist das ein Standortnachteil, den wir nicht hinnehmen können. Das fehlende Gleis bremst die Entwicklungschancen unserer Region erheblich.”

Dabei scheint die tatsächliche Entwicklung die schlimmsten Prognosen zu überholen. „Bei aktuellen Zählungen liegen wir jetzt schon über dem erwarteten Güterverkehr, der sich täglich durch den Aachener Flaschenhals quetscht.” Täglich fahren allein rund 90 Güterzüge durch Aachen-West und Aachen-Hauptbahnhof, im Jahr 2015 sollen es 160 sein - ein Plus von 75 Prozent, Hinzu kommen 188 Personenzüge, die in Aachen beginnen und enden, sowie mehr als 90 Verbindungen, die in Aachen halten. „Die Kapazitätsgrenze ist nach Einschätzung von Gutachtern bereits jetzt erreicht.” Und das Problem verschärft sich.

Zwar konnte eine geplante EU-Richtlinie, nach der Güterverkehre künftig auf jeden Fall automatisch Vorrang vor Personenzügen haben sollten, noch aufgeweicht werden. Doch zugleich richtet Brüssel in ganz Europa Gütertrassen auf den Schienen ein, über die in Zukunft Güterverkehre beschleunigt werden sollen. Ein solcher Güterkorridor soll demnächst von den Seehäfen über die sogenannte Montzen-Route von Belgien über Aachen-West nach Köln verlaufen. Zugleich ist die Zukunft der Linie „Eiserner Rhein”, über den die Seehäfen mit dem Ruhrgebiet verbunden werden sollte, erst einmal aufs Abstellgleis geschoben worden. Diese Trasse stehe „nicht so weit oben auf der Agenda”, heißt es dazu im nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium vornehm, das im Übrigen die Forderung nach einem dritten Gleis unterstützt.

Sistenich: „Durch diese Entwicklungen werden die schon bestehenden Konflikte auf der Strecke zwischen Aachen und Düren zunehmen. Auf der durchweg zweigleisigen Trasse überlagern sich europäische Hochgeschwindigkeitsstrecken für ICE und Thalys, die künftig noch häufiger fahren sollen, mit den neuen Güterverkehrskorridoren - und es ist keine Überholmöglichkeit gegeben.” Dabei führten durch das hohe Zugaufkommen bereits jetzt schon kleine Störungen im Betriebsablauf zu erheblichen Verspätungen im Personenverkehr. Sistenich: „Wenn nichts passiert, droht das Chaos.” Zumal auch der Kölner Knoten rund um den Hauptbahnhof überlastet ist.

Außerdem ist die Strecke nach Mönchengladbach und weiter nach Düsseldorf ebenfalls nur zweigleisig. Zu alldem kommt hinzu, dass im Raum Düren ein Güterverteilungsterminal geplant wird, wohin laut Landrat Spelthahn nach endgültiger Klärung der Standortfrage in fünf Jahren der erste Containerzug fahren könne. Im Endausbau, den Rurtalbahn-Geschäftsführer Hans-Peter Nießen in 15 bis 20 Jahren mit einem jährlichen Umschlag von 150.000 großen Seecontainern sieht, würden täglich zwölf bis 13 Güterzüge erwartet. Nießen: „Ohne ein drittes Gleis wäre das nicht möglich.” Wobei er einschränkt: „Ein drittes Gleis aber muss nicht zwingend bereits vorhanden sein, um mit dem Terminal zu starten.”

Doch auch die Aachener Industrie- und Handelskammer (IHK) dringt auf einen möglichst raschen Ausbau. So betonte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes noch Ende der vergangenen Woche: „Natürlich ist es gut, dass durch die EU-Richtlinie der Güterverkehr auf der Schienen beschleunigt wird. Doch zugleich dürfen keine zusätzlichen Probleme für den Personenverkehr entstehen. Daher brauchen wir das dritte Gleis und müssen auf vielen Ebenen Druck machen.”

Vor diesem Hintergrund war am Mittwoch Ortstermin im Berliner Verkehrsministerium mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Andreas Scheuer. Um sich in der fernen Hauptstadt Gehör zu verschaffen, die verantwortlichen zu sensibilisieren und die Forderung nach einem dritten Gleis zu untermauern, übergaben Etschenberg und Spelthahn mit zahlreichen Bundestagsabgeordneten von CDU, SPD, Grünen und FDP aus der Region eine entsprechende Resolution, die zuvor von den Kreistagen Düren, Euskirchen und Heinsberg sowie vom Aachener Städteregionstag verabschiedet worden war. Obs hilft, wird sich zeigen. Zu einer Stellungnahme sah sich das Ministerium am Mittwoch mit Verweis auf die bisher jüngste Beschlusslage vom vergangenen November nicht veranlasst. Und die lautet: kein Bedarf. Dem schloss sich die Deutsche Bahn im Dezember an.

Etschenberg, Spelthahn und IHK-Geschäftsführer Fritz Rötting ziehen indes positive Signale aus der Stippvisite. „Uns ist es gelungen, das Thema mit neuem Leben zu erfüllen. Ohne den Besuch wären die vorhandenen Probleme und Möglichkeiten in Berlin gar nicht so präsent. Schließlich ist das dritte Gleis auch existenziell wichtig für den internationalen Verknüpfungspunkt Aachen Hauptbahnhof”, glaubt der Städeregionsrat. Es sei zugesichert worden, die Forderung nach dem Ausbau auch mit Blick auf das Güterverteilzentrum „positiv zu prüfen”, sagt Spelthahn zufrieden. Und, nicht minder wichtig: Laut Etschenberg ist zudem Bereitschaft signalisiert worden, im bestehenden Netz bereits Teilabschnitte anzupacken.

Ein Signal, das NVR-Chef Sistenich sicherlich gerne wahr- und aufnimmt. Denn klar ist, dass das dritte Gleis nicht sofort finanziert, gebaut und befahren wird. Vielmehr setzt er auf eine Salami-Taktik, an der sein Team seit einiger Zeit arbeitet. „Wir müssen zunächst aus den bestehenenden Möglichkeiten das Optimale herausholen”, will Sistenich möglichst schnell umsetzbare Lösungen. Und das heißt: „Wir brauchen Sofortmaßnahmen zur Sicherung der Verkehrsqualität. Wir müssen mit kleinen Maßnahmen für eine Entspannung sorgen.”

Auf der einen Seite nennt Sistenich Verbesserungen im betrieblichen und organisatorischen Ablauf wie die bessere Vertaktung der Güterzüge. Auf der anderen Seiten könne schon „mit kleineren Infrastrukurmaßnahmen” viel erreicht werden - vor allem durch die Schaffung von Überholmöglichkeiten etwa zwischen Aachen-Hauptbahnhof und Eilendorf mit dem Burtscheider Viadukt als großem Nadelöhr sowie am Nordkopf des Dürener Hauptbahnhofs. Auch Überholgleise in den Bahnhöfen von Eschweiler und Stolberg stehen auf seiner Agenda.

Erst mittelfristig komme der dreigleisige Ausbau der Strecke zwischen Langerwehe und Düren in Betracht, bevor schließlich die ganze Trasse dreigleisig befahrbar ist. Ein langer und teurer Weg. Mit 200 Millionen Euro rechnet der NVR-Chef und sagt: „In 15 Jahren könnte der Endausbau fertig sein.” Wenn der Bund mitspielt.
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