Früher die Regentenstadt, heute eine Regenstadt

Von: Mischa Wyboris
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Heikel bis wolkig: Das verrät
Heikel bis wolkig: Das verrät die Wettersäule auf dem Verwaltungsgebäude am Aachener Hauptbahnhof. Das Stahlgebilde hat eine lange Tradition - genau wie das Klischee, die Kaiserstadt sei vom Regen heimgesucht. Foto: Mischa Wyboris

Aachen. Gerhard Klöfkorn kann jedes Wetter machen. Und wenn die Wolken noch so düster, die Aussichten noch so schlecht sind: Der Aachener drückt nur einmal kurz aufs Knöpfchen und sorgt für eitel Sonnenschein - zumindest in den Augen derer, die der Wettersäule Glauben schenken.

Es dauert allerdings nur ein paar Minuten, in denen Klöfkorn zwischen den 180 gelben, weißen und blau­en Lichtern des Prognose-Riesen hin und her schaltet und damit Herrscher über das Wetter ist.

Nach der Wartung des leuchtenden Stahlgerüstes auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes am Hauptbahnhof überlässt der Mann von den Aachener Stadtwerken das kaiserstädtische Wetter wieder sich selbst - und dem Fluchen der Bürger: zu oft zu nass zu Hause, befindet der Öcher.

Fürwahr, das Aachener Wetter hat einen schlechten Ruf. Angeb­lich regnen sich hier die Wolken ab, die von der Nordsee kommen und in Richtung Eifel ziehen. Eine Kaiserstadt ohne Kaiserwetter, Prädikat: „Regenloch”. Nicht umsonst hat der polnische Bildhauer Heinz Tobolla seiner Wahlheimat 1974 die Skulptur „Aachener Wetter” vermacht.

Nicht umsonst haben die Öcher die drei bronzenen Damen mit den beiden Regenschirmen in der Großkölnstraße auf den Namen „Dröppelminnas” getauft. Nicht umsonst. Oder doch? Regnet es in Aachen tatsächlich so viel? „Gefühlt schon”, sagt Klöfkorn und lacht: „Wissenschaftlich beweisen kann ich das aber nicht.”

Das können andere. Professor Christoph Schneider öffnet einen Schrank und greift in höheren Lagen zielsicher nach einem Buch. Der Fachmann vom Geographischen Institut der RWTH blättert kurz und liest dann vor: „Über den Großraum Aachen ziehen im Jahr mehr als 120 Tiefdruckausläufer hinweg. Daraus resultiert die beständige Unbeständigkeit unseres Wetters”, rezitiert Schneider die Ausführungen seines Vorgängers Dieter Havlik aus dem Jahr 2002.

Na, al­so: Aachen - doch ein Regenloch. Schneider blättert weiter bis zum Ende und liest wieder vor: „Die in der Aachener Öffentlichkeit häufig vertretene Auffassung, die Stadt sei ein ?Regenloch, ist klimastatistisch nur mit Einschränkungen gerechtfertigt.” Donnerwetter: Hat die Forschung den Aachenern ihre These verhagelt?

Immerhin liegt die einstige Regentenstadt mit dem Ruf der Regenstadt und jährlich rund 830 Litern Niederschlag pro Quadratmeter höher als der Deutschland-Durchschnitt, und der bewegt sich gerade mal um 700 Liter je Qua­dratmeter. „Ja”, sagt Schneider, „Aachens Niederschlagssumme ist relativ hoch, aber bei Weitem nicht rekordverdächtig.”

Um nasser zu werden, reicht es schon, bis Monschau zu fahren: Dort gibt es jährlich rund 1200 Liter Niederschlag pro Qua­dratmeter. „Aber”, sagt Schneider, dessen Institut auf der Hörn seit 31 Jahren eine eigene Klimamessstation betreibt: „Es ist auffällig, dass es an so vielen Tagen regnet.”

Dagegen wettert auch der Laie nicht. „Mein Gefühl sagt mir, dass es in Aachen zwar häufig regnet, aber richtig stark eigentlich selten”, schreibt der damalige Aachener Physikstudent André Goerres vor zwei Jahren in seiner privaten Recherche des „physikBlog” im Internet. Und sein Gefühl stimmt - zumindest, wenn man jeden Tag als Regentag zählt, der auch nur die geringe Menge von 0,1 Litern Regen pro Quadratmeter mit sich bringt, wie Goerres selbst ausführt.

In Aachen ist das in durchschnittlich 197 Tagen der Fall. Bei anderen Flachlandstädten unterhalb von 300 Metern über dem Meeresspiegel wird diese Marke bundesweit nur noch im Bergischen Land und im westlichen Sauerland übertroffen. Aachen und der Regen: nicht viel, aber oft.

Udo ter Horst lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. „An guten Tagen können wir fast 50 Kilometer weit bis ins belgische Genk sehen”, sagt der Leiter der Aachener Wetterwarte. Die im April vom Wingertsberg nach Orsbach umgezogene Basis des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist eine von zwölf Klima-Referenzstationen in der gesamten Bundesrepublik und mit die größte ihrer Art, die Daten für langjährige Klima-Messreihen zur Verfügung stellt.

Wenn jemand etwas darüber weiß, ob das Aachener Wetter auch im doppelten Sinne schlecht wegkommt, dann wohl der seit 1975 in Aachen arbeitende Klimatologe, der seit 1991 in der Wetterwarte das Sagen hat.

Anders als bei den rund 2200 unbemannten Wetterstationen in ganz Deutschland, ist hier immer einer der acht Mitarbeiter an Bord - 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Im Sekundentakt gemessen, wandern alle erdenklichen Wetterdaten in Zahlenkolonnen verschlüsselt und in halbstündigen Abständen von Orsbach nach Offenbach - zur DWD-Zentrale. Wenn man ter Horst fragt, ob es in Aachen viel regnet, runzelt er die Stirn.

Der Experte macht schließlich feine Unterschiede zwischen allem, was vom Himmel fällt: Regen oder Nieselregen, Schnee oder Schneeregen, Hagel oder Graupel, gefrorener oder gefrierender Regen - oder sämtliche Kombinationen. „Nein”, sagt ter Horst, „für mich ist Aachen kein Regenloch. Bei allen, die das anders sehen, spielt subjektives Empfinden eine große Rolle.”

2011 bringt Regen-Rekord

Und das lebt bekanntlich von bleibenden Eindrücken. Das bis dato letzte Ereignis, das dem Klischee der Regenstadt in die Karten spielt, liegt nicht weit zurück: Mehr Wassermassen als beim Unwetter am 19. August 2011 hat Aachen noch nie an einem einzigen Tag erlebt.

69,1 Liter Regen fielen auf einen Quadratmeter kaiserstädtischen Bodens, registriert an der ehemaligen Wetterwarte Wingertsberg. Der bisherige Regen-Rekord von 66 Litern am 26. September 1956: einfach weggespült. Insgesamt ergossen die Wolken über dem 160 Quadratmeter großen Stadtgebiet in nur wenigen Stunden fast 4580 Mal den Inhalt des großen 50-Meter-Beckens aus dem Freibad Hangeweiher.

Dabei, und das vergisst man im Rausch des Regens schnell, war Aachen 2011 nach dem trockensten Frühjahr seit Beginn der Messungen um 1900 auf dem Weg zu einer Statistik, die der von 1956 Konkurrenz hätte machen können: Zu dieser Zeit erlebte die Domstadt mit nur 145 Regentagen nämlich einen historischen Tiefstand.

Jüngere Semester werden trocken entgegnen, dass sie sich vielmehr an das feucht-fröhliche Jahr 1982 erinnern: Da ließ das Wetter mit 228 Regentagen die Aachener ex­trem bedröppelt dastehen. Und ganze 62,6 Millimeter Niederschlag pro Stunde am 7. Oktober waren fast so viel, wie in Aachen sonst durchschnittlich in einem Monat runterkommen.

Oder das Jahr 1993, als im Dezember mit 200 Millimetern die höchste Niederschlagssumme seit Beginn der Messung 1901 den Aachenern nasse Füße verpasste. Die wohl längst vergessene Kehrseite gab es im dritten Monat desselben Jahres: Karge sieben Millimeter Regen markierten den niederschlags­ärms­ten März seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ähnlich wie der Januar 1997, der mit schlappen vier Millimetern der trockenste des Jahrhunderts war. Apropos drei vor Millennium: 1997 war schon das vierte Jahr in Folge mit einem deutlichen Niederschlagsdefizit. Und drei nach Millennium? Seit 1901 waren in Aachen nur vier Jahre trockener als 2003. Und dröger als der bis auf einen Tag regenlose April 2007 war ein Monat in Aachen noch nie.

So oder so: „Aachener und Engländer sind die Menschen, die am meisten übers Wetter reden”, sagt Schneider und lacht - weil er weiß, dass er diese These ausnahmsweise nicht wissenschaftlich belegen kann.

Nachweisen lässt sich hingegen, dass die jährliche Summe dessen, was so auf den Aachener einprasselt, vom Norden der Stadt zum Süden hin zunimmt. „Entsprechend der Topographie”, heißt es bei Havlik und seinem Datensatz von 1961 bis 1990, „werden im äußersten Norden (Richterich) etwa 750 Millimeter, an der Südgrenze (die ,Himmelsleiter) etwa 1000 Millimeter verzeichnet.”

Kein Wunder, dass auch die Wetterstationen der RWTH und des DWD am selben Tag nicht auf einen Nenner kommen. Damals, auf der Kuppenlage am Wingertsberg, bremsten Bäu­me die Windmessung aus, warfen Gebäude einen Schatten auf die Sonnendaten des Deutschen Wetterdienstes. Heute, 231 Meter über dem Meeresspiegel in Orsbach, reichen die optimalen Bedingungen zur Klima-Referenzstation - während die RWTH-Einrichtung auf der Hörn deutlich näher am westlichen Höhenzug des Aachener Waldes liegt und so zu anderen Ergebnissen kommt.

Des begossenen Pudels Kern

Doch was interessiert das den Kaiserstädter mit weit aufgespanntem Regenschirm, für den es nicht trockene Statistik, sondern nasse Tropfen regnet? Seit gut 180 Jahren beobachten Klimatologen das Aache­ner Wetter; seit eh und je fühlt sich der Öcher wie ein begossener Pudel. So maritim-gemäßigt wie sein Klima reagiert der Aachener selten. Regen Zuspruch bekommen daher Freun­de des Klischees. Schließlich lässt sich über nichts so schön gemeinsam lästern, wie über richtig schlechtes Wetter.
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