Frühchen-Pflegestandards: Kliniken in Not

Von: Ingo Senft, Sabine Rother und Claudia Schweda
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Ein zu früh geborenes Baby liegt in der Neonatologie der Charité in einem Inkubator.  Foto: dpa

Aachen/Düren/Stolberg. Neue Standards in der Frühchen-Pflege setzen die Kliniken unter Druck. Die strengeren Betreuungsregelungen für Kleinkindstationen können nach Ansicht der drei betroffenen Stationen in unserer Region in Aachen, Stolberg und Düren nur mit Verzögerung umgesetzt werden.

Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) des Gesundheitswesens geforderten zusätzlichen Pflegekräfte seien auf dem Markt nicht zu bekommen, sagen die Experten am Uniklinikum, dem Bethlehem-Gesundheitszentrum und dem St.-Marien-Hospital unisono. Das Problem besteht bundesweit in den insgesamt 300 Frühchen-Stationen: „Es klafft eine große Lücke, und sie zu schließen, wird Jahre dauern“, sagte Alex Mertens von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Die neuen Regelungen bedeuten für die Kinderstationen im Schnitt eine Aufstockung des Personals um etwa ein Drittel. Viele Kliniken fragen sich, wie sie das umsetzen können; einige befürchten, dass sie diese Reform nicht überstehen. „Was da gefordert wird, geht völlig an der Realität vorbei. Da wird es Sonderregelungen geben“, sagt Urte Hannig, Leitende Oberärztin der Kinderklinik im Stolberger Bethlehem-Gesundheitszentrum. Unausgesprochen steht damit im Raum: Gibt es diese Sonderregelungen nicht, wird es für die Stolberger Neonatologie schwer, in der pro Jahr maximal 20 Frühchen betreut werden. Die Stolberger Klinik will nun die in der Intensivpflege erfahrenen Schwestern entsprechend fortbilden.

Die Standards gelten eigentlich ab sofort. Der GBA hat allerdings in begründeten Ausnahmen eine Übergangsfrist bis 2017 eingeräumt. Aber selbst diese ist für Mertens zu kurz gefasst, denn die Fachkräfte müssten nicht nur eine dreijährige Pflegeausbildung durchlaufen. Anschließend stünden noch eine sechsmonatige Fortbildung sowie zwei Jahre Spezialpraktika auf dem Programm. Im Moment reichten die 3000 Ausbildungsplätze in der Pflege gerade aus, um das ausscheidende Personal zu ersetzen. Daneben gebe es Kapazitäten für etwa 500 neue Ausbildungsplätze. Die müssten eigentlich längst eingerichtet sein. „Aber es fehlt das Geld und eine klare politische Zielvorgabe.“

Das Dürener St.-Marien-Hospital hat bereits reagiert. Von 11,5 Kinderkrankenschwestern auf der Intensivstation sind gerade vier in der Weiterbildung, zwei weitere folgen in diesem Jahr noch. „So viele haben wir noch nie auf einmal losgeschickt“, sagt Volker Arpe, Leitender Oberarzt der dortigen Kinderklinik. Zudem sei man mit dem Uniklinikum Aachen im Gespräch, ob man einen gemeinsamen Personalpool bilden kann. Die Neuregelung sei eine große Herausforderung, weil das Personal fehle, aber auch, weil die Finanzierung problematisch werden könnte: Bislang sei nicht die Rede davon, dass mit dem steigenden Personalbedarf auch die Vergütung der Frühchen-Versorgung steigen werde. „Es ist definitiv so, dass sie auch bislang mit Frühchen unter 1500 Gramm kein Geld verdienen“, sagt Arpe. Doch als Ausbildungsklinik wolle man gerne das komplette Ausbildungsprogramm bieten: „Da gehört die Versorgung kleiner Neugeborener dazu.“ In der Dürener Klinik werden pro Jahr 15 bis 20 Frühchen unter 1500 Gramm versorgt.

Die Uniklinik Aachen kann das Personalproblem über die schiere Größe des Hauses leichter lösen. Ihr Lösungsmodell schließt das Personal der zweiten Frühchen-Station ein, das bislang eher für die Nachsorge zuständig war. „Wir planen ein Rotationssystem“, sagt Professor Thorsten Orlikowsky, Leiter der Sektion Neonatologie in der dortigen Kinderklinik, „denn die Zahl der Kinder, die mit einem Gewicht von unter 1500 geboren werden, variiert ja.“ Werden viele kleine Frühchen geboren, könnten also Kräfte von der zweiten Station zur Verstärkung kommen. Er geht davon aus, dass zwei bis drei zusätzliche Pflegekräfte pro Schicht gebraucht werden – maximal also zwölf. Seine Sektion verfügt derzeit über 44 Schwestern und Pfleger. 40 Prozent hätten die Fortbildung bereits durchlaufen. Gemeinsam mit der Pflegeleitung werde nun eine Erhebung gemacht, um die Möglichkeit auszuloten, wie möglichst schnell weitere Pflegekräfte fortgebildet werden können. „Wir tun alles, um die neuen Qualitätsstandards umzusetzen“, sagte Orlikowsky, „bis spätestens 2017 wird uns das gelingen.“

Grundsätzlich halten die Fachleute die Vorgaben jedoch für richtig. Vor allem die etwa 9000 Babys, die bundesweit jährlich mit einem Gewicht unter 1500 Gramm geboren werden, brauchen eine intensive Betreuung. Bislang ist eine Schwester für bis zu fünf Frühchen zuständig, jetzt soll es zum Teil einen Schlüssel eins zu eins geben. Frühchen sind sehr anfällig für Infektionen, die schnell lebensbedrohlich werden können. „Dieses Risiko lässt sich mit intensiverer Pflege minimieren“, sagt Mertens.

Für die Kliniken kann die Reform auch aus einem anderen Grund teuer werden: Kommt ein Kind zu Schaden, und die Klinik kann den vorgeschriebenen Pflegestandard nicht nachweisen, drohen hohe Schadenersatzforderungen. „Auch aus diesem Grund müssen die Fristen nochmals auf den Prüfstand“, sagt Mertens.

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