Fritten und Bier halten Belgien noch zusammen

Von: Tobias Müller
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Findet, dass die Zeit reif ist
Findet, dass die Zeit reif ist für eine Gegenbewegung: Lieselotte Deschutter hat zusammen mit einigen Dutzend junger Bewohner Gents einen Platz im historischen Stadtzentrum zum „Frittenplatz” erklärt und zur „Frittenrevolution” aufgerufen. Foto: Daniel Seiffert

Aachen. Das alte Belgien steht in der Morgensonne und raucht. Genüsslich. Entspannt. Unprätentiös. Belgisch eben. Eine Kippe zwischen zwei Touren im Gezwitscher der Vögel. Genau richtig, morgens halb zehn in Enghien.

Das alte Belgien heißt Christian Nuttinck. Er blinzelt im hellen Licht. Alt ist er eigentlich nicht, der Busfahrer, der dort am Bahnhof der Kleinstadt auf Fahrgäste wartet. 48, und sieht eher noch jünger aus.

Seine Biographie aber ist charakteristisch für das mehrsprachige Land: geboren in Flobecq, einem Dorf genau an der Grenze zwischen Flandern und Wallonien, das von seinen flämischen Eltern Vloesberg genannt wird. Genau wie heute die eigenen Kinder, besuchte er eine frankophone Schule. Zuhause wird dennoch niederländisch gesprochen, denn seine Frau ist Flämin.

Sich selbst wiederum nennt Christian Nuttinck grinsend einen „evolutionierten Walen”. Kompliziert? Ja. Aber auch nicht weiter wichtig, findet er, grüßt freundlich und steigt in den Bus, um die Tour nach Gerardsbergen zu fahren. Dazwischen liegt, man ahnt es schon, die Sprachgrenze.

Wer das Städtchen Enghien, eine halbe Stunde südlich von Brüssel gelegen, friedlich in der Frühlingssonne liegen sieht, kann sich kaum vorstellen, welche Szenen sich Ende März hier abspielten. „Belgien zerbricht!” skandierten zweihundert Anhänger der rechtsradikalen Organisation Voorpost. Das pragmatische mehrsprachige Land Christian Nuttincks ist ihnen verhasst, sie fordern ein unabhängiges Flandern, und durch die belgische Dauerkrise wittern sie Morgenluft.

Vor einem Jahr stürzte die Regierung über den Sprachenstreit rund um die Hauptstadt, aus den Neuwahlen im Juni ging die separatistische Neu- flämische Allianz als Siegerin hervor, und seither konnten sich niederländischsprachige und frankophone Parteien nicht auf eine neue Koalition einigen.

Voorpost will daher ganz andere Verhandlungen führen: nicht mehr um eine gemeinsame Regierung soll es gehen, sondern um die Spaltung des Landes. Das riefen sie auch in Enghien, aus einem Meer schwarz- gelber Fahnen heraus, auf denen der flämische Löwe drohend die Klauen erhob. „Belgien ist das Problem, Flandern die Lösung”, so steht es auf den Aufklebern, die die Aktivisten zurück ließen. In der Nähe des Rathauses trafen sie auf Hundert Menschen, die das genau umgekehrt sahen. Parolen flogen hin und her, die Stimmung war aufgeheizt, die Polizei hatte Mühe, die Gruppen auseinander zu halten. Als die Aktivisten in ihren Bussen die Stadt verließen, kehrte die Ruhe nach Enghien zurück. Nein, es gibt keine Probleme hier, sagen die Bewohner. Die Parolen, die Fahnen, alles wirkt wie ein Spuk.

Es geistert indes so einiges durch Belgien in diesem Frühjahr. Auch in Gent, der alten Universitätsstat mit dem grün-alternativen Ruf eines belgischen Freiburg, marschierten unlängst die Nationalisten durchs Zentrum, den hundertfachen Schrei nach Spaltung des Landes auf den Lippen. Solche Demonstrationen sind nichts Neues, doch die Sackgasse, in der die Koalitionsverhandlungen stecken, geben ihnen eine andere Dimension. Kann man les extremistes, wie man im frankophonen Landesteil verächtlich sagt, als Spinner abtun, wenn die meisten Flamen ebenfalls eine Partei wählen, die die Spaltung will, wenn auch weniger radikal?

Am längsten ohne Regierung

Lieselotte Deschutter findet, dass die Zeit reif ist für eine Gegenbewegung. Zusammen mit einigen Dutzend junger Bewohner Gents hat die 19jährige Studentin den Kouter, einen Platz im historischen Stadtzentrum, soeben zum „Frittenplatz” erklärt, und das fröhliche Treiben darauf zur „Frittenrevolution”. Es ist ein sonniger Abend Ende März, und Belgien überholt an diesem Tag den Irak als das Land, das am längsten ohne offizielle Regierung ist. In einem weißen Büdchen gehen im Akkord Pommesschalen über den Tresen. Schwer liegt der ölige Geruch über dem Platz. Die jungen Revolutionäre sitzen in kleinen Grüppchen auf dem Boden, essen Fritten und trinken Bier aus roten Dosen für die Einheit des Landes. Pommes und Jupiler, so scheint es, sind zwei Symbole Belgiens, die bleiben, wenn alles andere in Frage gestellt wird.

Um Symbolik geht es viel bei der Frittenrevolution. Um Zweisprachigkeit zum Beispiel: Niet in onze naam - Pas en notre nom, so heißt ein Netzwerk, das in den vergangenen Monaten mehrfach gegen die Spaltung Belgiens Stellung bezog. Seine Jugendabteilung organisierte in belgischen Studentenstädten Veranstaltungen im Zeichen der Kartoffelstäbchen, zu denen 15.000 Menschen kamen. Der leichte, selbstironische Charakter war ein gefundenes Fressen für internationale Medien, doch das Anliegen dahinter ist ernst. „Wir brauchen dringend eine föderale Regierung. Allein schon für die soziale Sicherheit”, fordert Lieselotte Deschutter.

Getragen wird die Frittenrevolution auch von der linken Jugendorganisation Comac. Und just die Forderung nach einer Regierung verbindet die Marxisten mit einem Vertreter des Klassenfeinds: der Ratingagentur Standard & Poors. Die äußerte schon im Winter Zweifel an der Kreditwürdigkeit Belgiens. Die Gläubiger erwarten ein Sparprogramm, um den zu 100 Prozent verschuldeten Staatshaushalt zu sanieren. Allein, die kommissarisch tätige Regierung der laufenden Angelegenheiten hat kein Mandat, ein solches zu verabschieden. Im April bescheinigt auch der IWF Belgien ein „Refinanzierungsrisiko”. Viele befürchten ein Übergreifen der Euro- Krise.

Es ist nicht der Euro- Rettungsschirm, den Paul-Henry Gendebien anvisiert hat. Vielmehr soll Frankreich den ersehnten Unterschlupf bieten, nicht für ganz Belgien, sondern für die frankophonen Landesteile. Diese mit dem großen Nachbarn zu vereinen ist das Ziel des Rassemblement Wallonie-France (RWF), und Paul- Henry Gendebien ist sein Präsident. Wie immer steht er vor einer wallonischen Flagge, die rechts und links von einer französischen umrahmt wird. Etwa 150 Zuhörer haben sich im Festsaal der Brasserie François in Namur versammelt. „Wohin geht Belgien?” ist das Motto des Abends. Eine rhetorische Frage, denn wie draußen hinter den hohen Fenstern das Licht des Abends wird auch Belgien eines Tages verschwinden, sagt Gendebien.

Wann genau? Darauf will er sich nicht festlegen. Doch der Stillstand der Koalitionsverhandlungen, der Dauerstreit über eine weitere Regionalisiserung, die die Flamen wollen und die Frankophonen nicht, all das sind Anzeichen, dass der Tag näher kommt. 71 Jahre ist Gendebien, und mit seinem silbernen Scheitel und dem vornehmen braunen Anzug wirkt er wie ein feinsinniger Großvater. Im Februar veröffentlichte er unter dem Titel „La raison et le coeur - Oui à la France” ein Plädoyer in Buchform für die Vereinigung. „1988 hätte auch niemand den Fall der Mauer vorhergesagt”, deutete er in einem Interview an. Auch durch die Brasserie Francois weht an diesem Abend der Wind der Geschichte. „Wollen wir bis 2013 so weitermachen?”, ruft Gendebien. Unter donnerndem Applaus verlässt er das Rednerpult.

An der Sprachgrenze deutet am Tag darauf nichts auf eine vorrevolutionäre Situation hin. Ein paar Kilometer hinter Enghien liegt die flämische Siedlung Kokejane im mittäglichen Tiefschlaf. Das „Esscafé Erbsünde” hat ebenso geschlossen wie der Zeitungskiosk, der Het Laatste Nieuws ebenso anpreist wie das Le Soir magazine. Am Kreisverkehr haben sich drei Straßenarbeiter zur Pause niedergelassen. Sie wohnen in Tournai, 50 Kilometer westlich an der französischen Grenze gelegen. Ihr Arbeitsgebiet ist ganz Belgien, und Probleme hatten sie noch nie - auch nicht in Flandern.

Verändert hat sich nichts, seit das Land keine Regierung mehr hat. „Das Leben läuft normal”, findet Stéphane, der eine Bierdose hinter der Kühltasche vor den Blicken der Passanten verbirgt, die es gar nicht gibt. Und zum normalen Leben gehört inzwischen auch, keine Regierung zu haben. Dass sich daran etwas ändert, erwartet er nicht. Zumindest nicht in den nächsten Wochen oder Monaten.

Hintergrund: Zwischen Flamen und Wallonen herrscht Streit

Belgien ist seit seiner Unabhängigkeit 1830 eine parlamentarische Monarchie. Das Land ist in drei Gemeinschaften (flämische, französische, deutschsprachige) und drei Regionen (Flandern, Wallonien, Brüssel-Hauptstadt) eingeteilt. Im Norden des Landes lebt die niederländischsprachige flämische Bevölkerung. Im Süden leben die Wallonen, dort wird Französisch gesprochen.

Zwischen Flamen und Wallonen herrscht ein ständiger Sprachenstreit. Tendenziell nehmen die Spannungen eher zu. Insbesondere die Wahlerfolge separatistischer flämischer Parteien führten zu der häufig geäußerten Annahme, dass es letztendlich früher oder später zu einer Abspaltung Flanderns vom belgischen Gesamtstaat käme.

Seit den 1970er Jahren wird versucht, diesem Problem durch eine Dezentralisierung der Staatsorganisation und durch Umwandlung in einen Bundesstaat zu begegnen.

Im April 2010 zerbrach die Regierung unter Yves Leterme erneut, als nach internen Streitigkeiten um eine Lösung im Konflikt um den zweisprachigen Wahlkreis Brüssel-Halle-Vilvoorde die flämische liberale Partei Open VLD ihren Rückzug aus der Regierung bekanntgab.

Bei den vorgezogenen Neuwahlen am 13. Juni 2010 gewann die separatistische Neu-Flämische Allianz (N-VA) unter Bart De Wever 27 der 150 Sitze und stellt damit unter den flämischen Parteien die stärkste Fraktion im Parlament. In Wallonien wurde die sozialistische PS von Elio di Rupo stärkste politische Kraft.

Seitdem ist das Land ohne Regierung. Die Parteien haben es noch nicht geschafft, eine neue Koalition zu bilden.
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