Friedhofsgipfel: Wie stoppt man die Umsatzrückgänge der Branche?

Von: Marlon Gego
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Ein Teil des Problems: In Deutschland werden nach Branchenangaben nur noch zwei Drittel der Menschen auf Friedhöfen beigesetzt, viele dazu noch auf Urnenfeldern wie diesem des Kölner Friedhofs Melaten. Die Branche überlegt, wie neue Umsatzmöglichkeiten zu generieren sind. Foto: Gego

Köln. Wenn Peter Lejeune von jetzt auf gleich das Augenlicht verlöre, würde das für seine Arbeit nicht so sehr viel Unterschied machen. Er würde auch blind jedes einzelne seiner 55.000 Gräber finden. „René Deltgen liegt da drüben, ein bisschen weiter links Gisela Uhlen und gleich daneben Gunther Philipp in seinem Ferrari-Sarg“, sagt Lejeune, lächelt unter seinem Schnurrbart hervor und erzählt gleich weiter.

Den städtischen Friedhof Melaten in Köln, dessen Verwalter er seit 1980 ist, würde es ohne Napoleon überhaupt nicht geben, überhaupt, ohne Napoleon würden die Menschen immer noch neben den Kirchen beerdigt, und die Städte würden noch mehr stinken als ohnehin schon.

Eine Revolution

Lejeune, 60, war so etwas wie der Gastgeber des 2. Friedhofsgipfels, der am Mittwoch in einer Kapelle auf dem Friedhof Melaten stattfand, einem der berühmtesten Friedhöfe Deutschlands. 308 000 Tote sind hier seit 1810 bestattet worden, auf dem Friedhof gibt es Gräber, die mehrere Millionen Euro gekostet haben. Schauspieler, Industrielle, Großbankiers, Oberbürgermeister, auch Scheichs.

Der Friedhofsgipfel ist eine Art Branchentreffen der Sterbeindustrie, Bestatter treffen auf Friedhofsgärtner, Steinmetze auf Friedhofsverwalter. Das Thema: Die Umsatzrückgänge der Branche müssen gestoppt werden.

Nur noch zwei Drittel der Deutschen werden auf Friedhöfen bestattet, heißt es, obwohl es in Deutschland einen Friedhofszwang mit nur wenigen Ausnahmen gibt. Schuld sind einerseits die Friedwälder, in denen die Asche Gestorbener ungemein kostengünstig beigesetzt werden darf, „verscharrt“, wie Bestatter sagen, die natürlich an Sargbestattungen viel mehr verdienen. Andererseits werden gerade Tote in der Nähe der Niederlande, von Polen oder der Schweiz auch gern jenseits der Grenze eingeäschert. Was dann mit der Asche passiert, können deutsche Behörden nicht mehr kontrollieren.

Daher hatte der Gipfelveranstalter, die Verbraucherinitiative Bestattungskultur „Aeternitas“, den Arnheimer Kulturhistoriker Wim Cappers eingeladen, der sich seit längerem mit Themen rund ums niederländische Bestattungswesen auseinandersetzt.

Die Bestattungskultur der Deutschen und Niederländer, so erwies sich gestern, war bis in die 90er Jahre nahezu identisch, als dann in Holland das passierte, was Cappers „eine Revolution“ nennt: Die gesetzlichen Bestimmungen zur Beisetzung wurden auf öffentlichen Druck gelockert, seitdem ist manches möglich. Es gibt viele Beispiele von besonders individuellen Gräbern bis hin zu ungewöhnlichen Bestattungsorten. Ein gutes Beispiel ist das Streufeld im Fußballstadion von Ajax Amsterdam, über das die Asche gestorbener Fans gestreut werden kann, Gedenktafel auf danebenstehender Bande inklusive.

1954 ließen sich zwei Prozent der Niederländer nach dem Tod einäschern, 1970 waren es 13 Prozent. Heute sind es 60 Prozent, bis 2020 werden sich zwei Drittel der Niederländer verbrennen lassen – und das, obwohl Friedhofsgräber in den Niederlanden kaum zehn Prozent dessen kosten, was in Deutschland verlangt wird, nämlich im Durchschnitt etwa 2000 Euro für ein Reihengrab. Am Geld liegt es also offenbar nicht, dass immer mehr Gestorbene eingeäschert werden.

Was die deutschen Bestatter daraus für Lehren ziehen können? Tja. Warum eigentlich keine Gastronomie auf Friedhöfen erlauben? Warum keine Spielplätze einrichten, um Friedhöfen mehr Parkcharakter zu geben? Lejeune, der Friedhofsverwalter, fasste zusammen, dass Friedhöfe wieder mehr Identität bräuchten und bieten müssten, da könnte ein bisschen Erlebnischarakter kaum schaden.

Lejeune hat sich schon überlegt, wo er mal bestattet werden will, und es wird nicht in einem Grab sein. „2,70 Meter unter der Erde ist es mir zu dunkel“, sagt Lejeune, er wird sich verbrennen lassen. Und dann, hat er seiner Frau gesagt, soll seine Asche im Vorgarten des Bungalows am Rande seines Friedhofs verstreut werden, und sollte das in Deutschland bis dahin immer noch nicht erlaubt sein, lässt er sich eben in Holland einäschern.

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