Fremdenangst: Warum wir selig sind, wenn wir Feinde haben

Von: Gerald Eimer
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Es gibt auch intelligentere Fo
Es gibt auch intelligentere Formen des Protests als die Parole „Nazis raus”: Mahnwache in Köln vor dem „Anti-Islamisierungskongress” der rechtspopulistischen Bewegung „Pro Köln” im September 2008. Foto: imago/T-F-Foto

Aachen. Neonazis wollen am Samstag in Aachen gegen einen Moschee-Neubau demonstrieren. In Schweden und den Niederlanden ziehen fremdenfeindliche Parteien ins Parlament ein. Die Schweiz verfügt ein Minarettverbot. In Frankreich nutzt Präsident Nicolas Sarkozy Ressentiments gegen die Roma für eigene Zwecke. Und in Deutschland diffamiert Thilo Sarrazin ganz allgemein die Muslime.

Diese Beispiele zeigen: Die schöne Erkenntnis „Alle Menschen sind gleich” ist in vielen Köpfen nicht verankert. Auch im aufgeklärten Europa des 21. Jahrhunderts bleiben manche Menschengruppen suspekt, sie verunsichern und verängstigen andere. Doch woher kommt sie, diese Verunsicherung, diese Fremdenangst, die allzu schnell in Fremdenhass, Rassismus und Gewalt umschlagen kann?

Diese Frage beschäftigt auch den Aachener Psychoanalytiker Thomas Auchter. Seine These: Übermäßiger Fremdenangst und Fremdenhass geht immer auch eine massive Kränkung des Selbstwertgefühls voraus. Rassismus sei ein sehr komplexes Phänomen, betont Auchter. Weder die psychoanalytische noch die politische, soziale oder historische Betrachtungsebene alleine könne ihm gerecht werden. Aber die psychoanalytische Sicht könne zum besseren Verständnis beitragen.

Eine lebenslange Aufgabe

Und nur wer versteht, könne auch eine Veränderung bewirken. Jeder Mensch komme mit drei grundlegenden Bedürfnissen zur Welt, erklärt Auchter: Dem Bedürfnis nach Sicherheit, nach Anerkennung und nach sozialen Kontakten. Diese Grundbedürfnisse müssten lebenslang immer wieder neu in eine Balance gebracht werden. Am sichersten fühlen sich Menschen erfahrungsgemäß, wenn sie sich auskennen, die Regeln beherrschen und durch Abweichungen nicht irritiert werden. Das Fremde hingegen fasziniert und beängstigt zugleich. Daneben trage jeder Mensch den tief verwurzelten Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung in sich. Die anderen sollen uns möglichst großartig finden.

Das Problem: Dieser Narzissmus, wie der Wunsch nach Lob und Anerkennung von den Fachleuten auch genannt wird, wird nie vollständig befriedigt werden können - schlicht, weil kein Mensch vollkommen ist. So müssen wir Menschen lernen, auch mit Abfälligkeiten und Tadel umzugehen. Persönliche Kränkungen seien für alle Menschen schwer erträglich, sagt Auchter. Wer damit aber gar nicht mehr umgehen kann, entwickelt möglicherweise einen „krankhaften Narzissmus”.

Das Ergebnis sei eine völlige Selbstidealisierung, die mit der Geringschätzung und Verachtung von anderen einhergeht. Auchter spricht von einer „narzisstischen Wunde”, die der Betroffene zu schließen versucht. Er tut dies, in dem er sich selbst immer stärker überhöht und zugleich andere immer heftiger anfeindet. Die Spaltung in Selbst-Liebe und Fremden-Hass habe ihre Entsprechung in dem Weltbild, mit dem sich auch kleine Kinder behelfen: Hier die Guten, die Sicherheit geben und für Wohlbefinden sorgen, dort das Böse, Bedrohliche, Fremde und Feindliche.

Dass sich auch Gruppen nach diesem Prinzip organisieren können, ist nicht ungewöhnlich. Dabei würden sich im Extremfall Vorurteile zu festgefügten Feindbildern verdichten. „Wir brauchen die Fremden als Müllkippe für unseren eigenen Seelenmüll”, meint Auchter. „Deshalb sind wir selig, wenn wir Feinde haben - feind-selig.”

Höchst problematisch wird es, wenn sich die derart Gekränkten und Verletzten „Sündenböcke” suchen und eine fanatische Einstellung entwickeln. Zu Gewalttaten kommt es vor allem dann, wenn die Attackierten zuvor erfolgreich zum absolut Bösen, zum Todfeind oder zum Untermenschen erklärt worden sind. Selbst Kriege lassen sich dann „relativ schuldgefühlfrei” führen.

Gegen die „schrecklichen Vereinfacher” helfe nur „differenzierendes und selbstkritisches Denken”, sagt Auchter. Wer dem Fundamentalismus, Fanatismus und Rassismus etwas entgegensetzen wolle, müsse simples Schwarz-Weiß-Denken durchbrechen und verallgemeinernde Formeln entlarven.

Daraus ergeben sich jedoch auch Schlussfolgerungen beispielsweise für den Umgang mit Neonazis. Denn „wer es bei primitiven Parolen wie ’Nazis raus’ belässt, stellt sich auf dieselbe unreflektierte Stufe von Denken und Agieren mit denen, die man zu bekämpfen vorgibt”, sagt Auchter.

Er warnt vor der „Rassismus-Falle”, in die die Gegner gerne tappen, wenn sie in ein simples „Braun-Rot-Denken” verfallen. Wer bei „moralischer Entrüstung” stehen bleibe, setze den Kreislauf der Gewalt mit Ausgrenzung und Entwertung fort. Stattdessen müssten die tieferen seelischen Motive für die „Krankheit Rassismus” berücksichtigt werden.

Selbstkritik - ohne geht es nicht

Auchter hat seine Zweifel, dass Fremdenangst je beseitigt werden kann. Umso wichtiger aber sei es, den Menschen ein „gesundes Selbstbewusstsein” mit auf den Weg zu geben. Dies setze jedoch die Fähigkeit zur Selbstkritik voraus. Ein Gefühl für die „eigenen Begrenzungen, Schwächen und Fehler” sei die „allerbeste Prophylaxe” gegen den „pathologischen Narzissmus” und seine Auswüchse Fremdenhass und Rassismus.

Zur emotionalen Reife gehöre es, Konflikte zu ertragen und sie manchmal gar ungelöst zu lassen. Nur dann könne man das „Andersartige” tolerieren und vielleicht sogar als Quelle für die eigene Weiterentwicklung begreifen.
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