Freiwilligen-Not: Zivis fehlen in NRW schon jetzt an allen Ecken

Von: Julia Wäschenbach, dpa
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Stell dir vor, es ist Plegevorstand und keiner geht hin: Beim Sozialträger Caritas in NRW tut sich in diesen Wochen ein Riesenloch auf. Grund sind die Auswirkungen der Bundeswehrreform. Foto: Friso Gentsch

Köln. Stell dir vor, es ist Pflegenotstand und keiner geht hin: Beim Sozialträger Caritas in Nordrhein-Westfalen tut sich in diesen Wochen ein Riesenloch auf. Grund sind die Auswirkungen der Bundeswehrreform. Auf Zivildienstleistende kann der riesige Verband nicht mehr zählen. Und der Nachwuchs fehlt.

Eigentlich soll der neue Bundesfreiwilligendienst (BFD) für Ersatz sorgen. Doch anstelle von bisher 5200 Zivis pro Jahr stehen gerade einmal 27 Freiwillige bereit. „Es wird keinen Zivi mehr geben, der mit einem alten Menschen spazieren geht, ihm vorliest oder einen Kaffee mit ihm trinkt”, sagt Karl Buron vom Caritasverband für das Bistum Essen.

Angesichts solcher Zahlen stolpert nicht nur die Caritas der Zukunft ohne Zivis ratlos entgegen. Auch in den anderen Wohlfahrtsverbänden glaubt kaum jemand, dass Freiwillige ausgleichen können, was zuletzt 19.000 Zivis in NRW geleistet haben. „Das ist schlichtweg Unsinn, das wird nicht gehen”, sagt Wilfried Theißen, der den Freiwilligendienst beim Paritätischen Wohlfahrtsverband zwischen Rhein und Weser koordiniert. 500 bis 600 Zivildienstleistende werden dessen Mitgliedern allein in diesem Jahr fehlen.

Auch dem Landesverband Nordrhein des Roten Kreuzes mangelt es an Ersatz für die bisher rund 850 Zivis. „Noch hält sich der Ansturm der Bewerber für den BFD in Grenzen”, sagt DRK-Sprecherin Anja Martin. Beim Malteser Hilfsdienst in NRW sieht es noch kritischer aus: Hier ist noch keine einzige Bewerbung für den Freiwilligendienst eingegangen, der am 1. Juli starten soll.

Entsprechend düster fallen die Zukunftsprognosen der Wohlfahrtsverbände aus. „Die Qualität in den Einrichtungen wird sehr leiden”, sagt Karl Buron - er leitet die Verwaltungsstelle Zivildienst bei der Caritas im Bistum Essen. Einen „harten Einschnitt” werden Buron zufolge vor allem Behinderten-Einrichtungen spüren. Dort hatten Zivis häufig die Freizeit der Bewohner gestaltet, mit ihnen Fußball gespielt oder sie zu Ausflügen begleitet.

In Zukunft werden wohl oftmals nur die wichtigsten Stellen mit Freiwilligen besetzt, vermutet Buron. In Krankenhäusern bleibe mehr Arbeit an Pflegekräften hängen. „Wir müssen bei unseren ambulanten Diensten Touren zusammenlegen”, prophezeit Claudia Kaminski, Sprecherin der Malteser. „Dadurch entstehen längere Wartezeiten.”

Gründe, warum sich nur wenige Menschen um BFD-Plätze bewerben, gibt es einige. An einer fehlenden Bereitschaft zum Ehrenamt liege es nicht, sagt Wilfried Theißen. Eher an der Unsicherheit, die Interessenten zögern lässt. Bis zuletzt war beispielsweise unklar, ob Freiwillige einen Anspruch auf Kindergeld haben sollen. Noch hakt es auch am Bekanntheitsgrad des BFD. „Die meisten Schüler wissen gar nichts von dem Freiwilligendienst”, hat Karl Buron bei einer Info-Veranstaltung in einer Schule festgestellt.

Hoffnung setzen die Verbände in eine neue Werbekampagne des Bundesfamilienministeriums. „Wenn die Kampagne nicht fruchtet, muss das Ministerium nachsteuern”, fordert Claudia Kaminski schon jetzt. „Es wird Interesse da sein”, ist sich Roland Hartmann, Sprecher des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln hingegen sicher.

„Man muss den BFD nur erst in den Köpfen der Menschen verankern.” Seine Behörde, das frühere Bundesamt für Zivildienst, ist jetzt für den BFD zuständig. Hartmann weiß aber auch: „Für die Einrichtungen wird es auf jeden Fall schwer werden.”
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