Aachen - Freifunk: Der Kampf gegen die digitale Spaltung

Freifunk: Der Kampf gegen die digitale Spaltung

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
Freifunk
Freifunker setzen sich dafür ein, dass jeder überall über freie WLan-Netze ins Internet kommt. Foto: Oliver Krato/dpa
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Im Verein Freifunk Rheinland aktiv: Philip Berndroth.

Aachen. Viele Smartphone-Nutzer sind immer online – über ihren eigenen Mobilfunkanbieter. Doch viele sehnen sich nach flächendeckendem WLAN, das öffentlich zugänglich, aber nicht kommerziell ist. Philip Berndroth aus dem Vorstand des Vereins Freifunk Rheinland kämpft seit vielen Jahren für ein solches freies Funknetzwerk.

Der 26-jährige IT-Unternehmer aus Essen ist der Meinung, dass man die vorhandenen Ressourcen teilen und so ein engmaschiges Netz aus Hotspots weben kann. Am Samstag traf er sich in Aachen in den Räumen der Industrie- und Handelskammer mit den anderen Mitgliedern des Vereins.

Herr Berndroth: Was ist Freifunk genau?

Berndroth: Die Freifunk-Community ist Teil einer globalen Bewegung für freie Internet-Infrastrukturen und offenes WLAN. Wir verstehen uns als ein Beitrag gegen die digitale Spaltung. Das heißt, wir möchten jeden dazu befähigen, an der Digitalisierung teilzuhaben – unabhängig von finanziellen Möglichkeiten, Alter und Herkunft. Es geht da um ganz banale Sachen wie Online-Shopping oder Social Media – da sollte unserer Meinung nach einfach jeder mitmachen können. Wir sehen das als Grundrecht an, so wie man das Recht auf Wasser, Luft und Strom hat.

Und wer zahlt dafür? Das ist ja nicht kostenlos…

Berndroth: Das muss nicht heißen, dass es nichts kosten soll. Der Zugang zum Netzwerk ist zwar grundsätzlich für jeden kostenlos, aber das funktioniert nur durch das Prinzip des Teilens: Indem Sie zum Beispiel einen Freifunk-Router aufbauen, der etwa 30 bis 50 Euro kostet, und Ihren DSL-Zugang anderen zur Verfügung stellen, tragen Sie dazu bei, das Netzwerk zu vergrößern.

Wie soll das funktionieren? Wie kann ich mir das vorstellen?

Berndroth: Der erste Schritt ist, dass man einen Freifunk-Router aufstellt, der mit unserer Software kompatibel ist. Welche das sind, kann man auf unserer Seite nachschauen. Diesen Router schließt man an den schon vorhandenen Router an. Mit einer Firewall sind die beiden Netzwerke voneinander getrennt. Man kann dann auswählen, welche Bandbreite man der Community zur Verfügung stellen möchte. Der Freifunk-Router wählt sich über einen sogenannten VPN-Tunnel in das Freifunk-Netzwerk ein und vergrößert es. Das große Ziel ist, auf lange Sicht alle Router zu vernetzen und dadurch ein sogenanntes Mesh-Netzwerk aufzubauen, damit alle überall freies WLAN-Netz haben.

Aber die meisten Router haben ja keine besonders große Reichweite.

Berndroth: Nein, das stimmt. Deshalb setzen wir uns auch dafür ein, Richtfunkstrecken mit größeren Antennen auf Dächern oder Kirchtürmen zu installieren. Das ist aber aufwendig und teuer und nur durch Spenden finanzierbar. So haben wir aber zum Beispiel in der letzten Zeit viele Flüchtlingsheime mit freiem Internet ausgestattet. Das ist für die Leute essenziell, da sie durch ihren aktuellen Verfahrensstand nicht ohne weiteres Verträge abschließen dürfen, aber natürlich gerne ins Internet wollen.

Eins Ihrer Themen ist die Umgehung der sogenannten Störerhaftung. Worum geht es dabei?

Berndroth: Das Kernproblem der Störerhaftung ist, dass nicht das Verursacherprinzip gilt, sondern, dass derjenige verantwortlich gemacht wird, der den Internetzugang hat – auch wenn er es gar nicht war. Im Internet geht es da insbesondere um die Verbreitung illegaler Inhalte. Wenn jemand über Ihre IP-Adresse verfassungswidrige Videos hoch lädt, werden Sie dafür verantwortlich gemacht. Dass unsere Mitgliederzahlen gerade so stark wachsen, liegt vor allem an einem einzigartigen Projekt: dem Freifunk Rheinland Backbone. Im Grunde bedeutet das, dass wir uns zwischen die Internetanbieter wie Telekom oder NetAachen, die wir natürlich nach wie vor brauchen, und die tatsächlichen Internet-Inhalte setzen. Über den VPN-Tunnel, den ich eben bereits erwähnt habe, bauen alle Freifunk-Router eine Verbindung zu uns auf und wir als Verein fungieren dann als Provider. Damit umgehen wir die Störerhaftung, da wir als Provider per Gesetz davon befreit sind.

Wie war es möglich, dieses Projekt auf die Beine zu stellen und zu finanzieren?

Berndroth: Möglich war es hauptsächlich durch den glücklichen Zufall, dass sich Leute gefunden haben, die die Expertise dazu haben. Aber es hat natürlich auch Geld gekostet. Das wiederum kam aus der „Operation Störerhaftung“, mit der wir Geld gesammelt haben, um notfalls gegen die Störerhaftung vor Gericht zu ziehen. Jetzt hat sich kürzlich sogar der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshof gegen die Störerhaftung ausgesprochen und auch die NRW-Landesregierung unterstützt und fördert inzwischen den Freifunk. Deutschlandweit nutzen bereits viele Communities unser Backbone.

Wer illegale Inhalte hoch- oder runterlädt, wird in Deutschland strafrechtlich verfolgt. Wie steht Freifunk Rheinland dazu?

Berndroth: Wenn einer wirklich etwas Böses macht, dann kann es sein, dass wir strafrechtlich dazu aufgerufen werden, den Benutzer zu identifizieren, und das würden wir natürlich im Rahmen unserer Möglichkeiten auch tun. Da wir ein deutscher Provider sind, unterliegen wir selbstverständlich den deutschen Gesetzen. Es ist aber so, dass wir keine Nutzerdaten erheben oder speichern. Das hat nichts damit zu tun, dass es uns um Anonymisierung geht, sondern damit, dass wir dazu gar nicht berechtigt sind. Wir führen keine Abrechnungen durch und haben auch weiter keinen Grund dazu, Daten auf Vorrat zu speichern. Da sind wir sogar ganz gezielt gegen.

Wie können Sie denn zu einer Strafverfolgung beitragen?

Berndroth: Es wäre grundsätzlich möglich, eine nachträgliche Nachverfolgung zu installieren. Es gibt ja Hinweise darauf, wo der Benutzer sich befindet und welche Seiten er aufgerufen hat. Den Datenverkehr könnte man dann nachträglich abhören und im Falle einer expliziten Aufforderung auch den Behörden zur Verfügung stellen. Aber wie bei jedem anderen offenen Netz auch, also wie beispielsweise in Cafés oder in der Bahn, können wir nicht wissen, wer unser Netzwerk gerade benutzt. Definitiv werden sich die Leute bei uns auch in Zukunft nicht registrieren müssen.

Wie kann man beim Freifunk mitmachen?

Berndroth: Eigentlich gibt es in vielen Städten aktive Freifunk-Communities. Die Community in Aachen ist zum Beispiel sehr aktiv. Da kann jeder mitmachen, zu den Treffen gehen und sich engagieren. Man muss aber kein Mitglied im Verein sein, um teilzunehmen. Das ist alles offen. Es geht natürlich auch nicht nur darum, einen Router aufzubauen, sondern wir brauchen auch Leute, die sich um die Spenden kümmern, die Website oder auch die Öffentlichkeitsarbeit.

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