Aachen - Freiberufliche Hebammen vom Aussterben bedroht

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Freiberufliche Hebammen vom Aussterben bedroht

Von: Amien Idries
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Lautstark: Hebammen protestieren vor dem Gesundheitsministerium in Berlin. Foto: stock/Christian Mang

Aachen. Spätestens im September macht Sieglinde Fischbach Schluss. Dann wird die Hebamme genau das nicht mehr tun, was Hebammen eigentlich immer getan haben: Kinder auf die Welt bringen. Fischbach ist selbstständig und bietet gemeinsam mit einer Kollegin in ihrer Baesweiler Praxis das Komplettpaket: Schwangerenvorsorge, Wochenbettnachsorge und vor allem Entbindungen, das Herzstück des Berufs.

Die Kosten: Genau diese Geburtshilfe, die Fischbach als sogenannte Beleggeburt im Krankenhaus anbietet, ist das Problem. Für die müssen Hebammen eine Berufshaftpflichtversicherung abschließen, deren Beiträge in den letzten Jahren exorbitant gestiegen sind. 1981 zahlten Hebammen noch 30,68 Euro Jahresbeitrag, 2002 waren es bereits 453 Euro. Seit Juli 2012 müssen sie stolze 4242 Euro berappen und Mitte 2014 steht die nächste Beitragssteigerung an: 5091 Euro pro Jahr sind dann fällig. Unabhängig davon, ob eine Hebamme eine oder 100 Geburten pro Jahr begleitet.

„Die Ankündigung dieser letzten Erhöhung war der Knackpunkt“, so Fischbach. „Wir betreuen einfach zu wenig Geburten, um damit Geld zu verdienen.“ Mitten in der Nacht raus, 18 oder mehr Stunden im Kreißsaal, um dann im besten Fall mit plus/minus null rauszukommen. „So schön unser Beruf auch ist. Das geht einfach nicht mehr“, sagt die 30-Jährige.

Die Folgen: Fischbach steht exemplarisch für einen ganzen Berufsstand. Nach Schätzungen des Deutschen Hebammen-Verbandes (DHV), der nach eigenen Angaben 17 600 sowohl freiberufliche als auch angestellte Hebammen vertritt, hat seit 2009 bereits jede vierte freiberufliche Hebamme die Geburtshilfe aufgegeben. Der DHV spricht deshalb von einem „Hebammensterben“. Ein Begriff, der zumindest bislang nicht ganz zutrifft, weil die Zahl der freiberuflichen Hebammen sogar zunimmt. Viele von ihnen geben nämlich den Beruf nicht vollends auf, sondern bieten, so wie auch Fischbach es ab September tun will, nur noch Vor- und Nachsorge an. Weil die Versicherungsbeiträge für diese Tätigkeiten deutlich niedriger liegen. Das Ergebnis ist ein Berufsbild, das sich – zumindest im Bereich der Freiberuflichkeit – enorm verändert und aus dem das Kerngeschäft, Kinder auf die Welt zu bringen, mittelfristig verschwinden könnte.

Die Haftpflicht: Es ist sogar wahrscheinlich, dass die freiberuflichen Hebammen demnächst komplett verschwinden. Als wären die stetigen Beitragssteigerungen nicht Belastung genug, folgte Mitte Februar der nächste, noch viel größerer Schock: Die Nürnberger Versicherung kündigte an, zum 1. Juli 2015 aus den letzten beiden Konsortien auszusteigen, die überhaupt noch die Haftpflicht anbieten. Der Austritt der Nürnberger wird nach Ansicht des DHV zum Zusammenbruch des Versicherungsmarktes führen. Sollte sich keine neue Versicherung finden, wären freiberuflichen Hebammen quasi mit einem Berufsverbot belegt. Und zwar alle, weil nicht nur die teure Haftpflicht für die Geburtshilfe, sondern auch die preiswertere für Vor- und Nachsorge betroffen ist. Alle 14 000 freiberuflichen Hebammen wären damit auf einen Schlag arbeitslos.

Die Risiken: Grund für die enorme Steigerung der Versicherungsprämien und den angekündigten Ausstieg der Nürnberger ist nicht etwa, dass Hebammen mehr Fehler als früher machen. Im Gegenteil, die Fallzahlen sind rückläufig. Wenn aber Schadensersatz zu leisten ist, kann es um enorme Summen gehen, weil die Haftungszeit für geburtshilfliche Schäden bei 30 Jahren liegt. Da summieren sich Schmerzensgeld, gestiegene Therapie- und Pflegekosten sowie Kompensationszahlungen für zu erwartende Verdienstausfälle der geschädigten Kinder zu kaum kalkulierbaren Langzeitkosten. Deshalb gilt eine Deckungssumme von weniger als fünf Millionen Euro als unseriös.

Das liegt auch daran, dass die Sozialversicherungsträger verstärkt versuchen, die Kosten, die sie für geschädigte Kinder zunächst zahlen müssen, über die Versicherung zurückzuholen. Das führt zu einem hohen Risiko für die Versicherer, das sich in den hohen Beiträgen niederschlägt.

Die Einnahmen: Dem gegenüber stehen die Erträge der Hebammen, die nur unverhältnismäßig steigen. Eine Studie des Instituts für Gesundheit und Sozialforschung (IGES) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ergab, dass freiberufliche Hebammen im Jahr 2010 durchschnittlich knapp 24 000 Euro Gewinn vor Steuern gemacht haben. Das heißt, etwa ein Fünftel des Gewinns fließt in die Haftpflichtversicherung. Betrachtet man die Vergütung für eine einzelne Geburt, wird der Vergleich noch eindrucksvoller. Derzeit wird eine Beleggeburt mit 275,22 Euro vergütet. Das bedeutet, dass eine Hebamme etwa 15 Entbindungen machen muss, um den Beitrag für die Versicherung raus zu haben. Ab Juli 2014 sogar 18. Legt man die Durchschnittsdauer einer Geburt von elf Stunden an, arbeitet sie dann 200 Stunden nur für die Versicherung.

Deshalb fordern der DHV und andere Verbände schon seit langem eine höhere Vergütung. Die jüngsten Kostensteigerungen der Haftpflicht hat der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zwar durch eine Vergütungserhöhung ausgeglichen, davon profitieren aber nach Ansicht des DHV nicht alle Hebammen. „Der Ausgleich wird pro Entbindung gezahlt“, erläutert Katharina Jeschke aus dem DHV-Präsidium. Etwa 50 Prozent der freiberuflichen Hebammen würden schlicht zu wenig Geburten betreuen, um die Mehrkosten der Versicherung kompensieren zu können.

Die Konsequenzen: Das Problem der Vergütung sei zwar drängend, allerdings aufgrund der drohenden Versicherungslosigkeit derzeit eher sekundär. „Wenn ab Juli 2015 der Versicherungsschutz wegfällt, brauchen wir uns über zu niedrige Vergütung sowieso keine Gedanken zu machen“, sagt Jeschke im Gespräch mit unserer Zeitung.

Was auf den ersten Blick wie ein Problem der Hebammen allein aussieht, hat auch gesellschaftliche Konsequenzen. Sollte der Versicherungsschutz wegfallen, wäre etwa die Versorgung mit Geburtsvorbereitungskursen und Betreuung im Wochenbett massiv gefährdet. Auch wer die Geburten übernehmen soll, die bislang von Beleghebammen betreut werden, ist unklar. Das waren 2011 bundesweit immerhin 150 000.

Bereits heute ist vor allem im ländlichen Bereich die Wahlfreiheit für Schwangere stark eingeschränkt. Sie sollen entscheiden können, wo sie ihr Kind zur Welt bringen und wer ihnen dabei hilft. Weil die Angebote aber fehlen, können sie das aber immer weniger. Im Kreis Düren etwa gibt es laut DHV keine Hebamme mehr, die Hausgeburten anbietet. Auch im Kreis Heinsberg ist die Wahlfreiheit nicht mehr wirklich gegeben. Zwar gibt es dort noch Hebammen, die etwa Hausgeburten anbieten, aber die lohnen sich für die Freiberufler nicht. Die Hausgeburten werden zwar besser vergütet, bedeuten aber auch großen Mehraufwand. So steht etwa eine zweite Hebamme auf Abruf bereit und zwischen zwei Hausgeburten muss immer ein Abstand von zwei Wochen bestehen. Eine Hebamme muss also für eine Hausgeburt viele Beleggeburten ablehnen. Und die fehlen am Ende in der Kasse.

Die Forderungen: Was wäre also zu tun? Die Forderungen der Hebammen sind klar. Um die Mehrkosten zum 1. Juli 2014 zu kompensieren, müssten die Kassen die Vergütung erhöhen. Das Geld sollte dann aber nach einem neuen Schlüssel verteilt werden, damit auch die Hebammen davon profitieren, die nur wenige Geburten begleiten.

Weitaus bedrohlicher ist der Wegfall des Versicherungsschutzes zum 1. Juli 2015. Hier ist in den Augen der Hebammen die Politik gefragt. Um das Risiko für die Versicherer kalkulierbarer zu machen, müsse es einen Haftungsobergrenze geben. Alle darüber hinausgehenden Schäden müsse ein staatlicher Haftungsfonds – also die Allgemeinheit – übernehmen. So wird es etwa in den Niederlanden praktiziert, wo die Prämie mit 350 Euro deutlich niedriger ausfällt. Außerdem müssten die Haftungsfrist, die derzeit bei 30 Jahren liegt, verkürzt werden.

Und was sagt die Politik? Im Februar gab es ein erstes Treffen der Hebammen mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der sich aufgeschlossen zeigte, aber auch davor hütete, konkrete Ansagen zu machen. Im Frühjahr will eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe einen Bericht zum Thema vorlegen. Bis dahin hört man aus dem Ministerium auf Anfrage nicht viel. Man wünsche sich eine „zeitnahe Lösung“, heißt es aus Gröhes Ressort lediglich.

Die Existenz: Eine Lösung, die für Sieglinde Fischbach zu spät kommen wird. Zumindest vorerst. „Ich werde es vermissen, Schwangere von Anfang bis Ende zu begleiten“, sagt sie. Das sei ein viel erfüllenderes Arbeiten als in der Klinik. Im Moment gehe es aber in erster Linie darum, ihre Existenz als freiberufliche Hebamme zu sichern. „Wenn es nach 2015 weitergeht, werde ich mir neu überlegen, wie das freiberufliche Arbeiten aussehen kann. Sollten mir die Geburten fehlen, werde ich wohl als angestellte Hebamme mit einer kleinen Stelle in den Kreißsaal gehen müssen.“ Einfach, um das zu machen, was Hebammen schon immer gemacht haben.

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