Alsdorf - Frauenhaus voll belegt: Leiterin Renate Wallraff zeigt vollen Einsatz

Frauenhaus voll belegt: Leiterin Renate Wallraff zeigt vollen Einsatz

Von: Margret Nußbaum
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Das Frauenhaus in der Städteregion besteht seit 20 Jahre. Leiterin Renate Wallraff (r,) berät seitdem in der Fachstelle gegen häusliche Gewalt Frauen, die der Gewaltspirale in der Ehe entkommen möchten. Foto: M. Nußbaum

Alsdorf. Eva K. (Name von der Redaktion geändert) ist eine gebrochene Frau. Schläge und Tritte ihres gewalttätigen Ehemanns sind für sie an der Tagesordnung. Als er schließlich auch noch ihren gemeinsamen zweijährigen Sohn in die Ecke stößt und tritt, ist das Maß des Unerträglichen voll.

Eva nutzt die Chance am nächsten Morgen. Ihr arbeitsloser Mann fährt zu einem Vorstellungsgespräch. Schnell packt sie das Nötigste für sich und ihr Kind ein und läuft mit dem Kleinen Richtung Bahnhof. In Alsdorf – knapp 200 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt – kommt sie erst mal für eine Nacht bei einer früheren Klassenkameradin unter. Die geht am nächsten Morgen mit ihr zu einer Beratungsstelle, die misshandelte Frauen an ein Frauenhaus weiter vermittelt. Schon am gleichen Tag bekommt Eva K. in Alsdorf einen Platz für sich und ihr Kind.

Ein typisches Beispiel einer Frau, die die Gewaltspirale aus eigener Kraft durchbricht und Hilfe sucht. Allein steht sie nicht. Dafür sorgen die anderen Bewohnerinnen des Frauenhauses und vor allem Renate Wallraff. Die 44-jährige Sozialpädagogin leitet das Frauenhaus und die Fachstelle gegen häusliche Gewalt in der Städteregion in Alsdorf. Die Einrichtung wird getragen vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Aachen und existiert seit nunmehr 20 Jahren. „Ich bin von Anfang an mit dabei und stolz, dass wir vielen Frauen und ihren Kindern helfen konnten, Schutz und Zuflucht im Frauenhaus zu finden. Zurzeit ist es voll belegt. Wir haben wesentlich mehr Anfragen als Plätze“, bedauert Wallraff.

Immer mehr Frauen aus anderen Kulturkreisen suchen mittlerweile dort Schutz. Ein typischer Fall: Esra M. (Name von der Redaktion geändert) kommt wegen der Einschulung ihres Kindes früher aus dem Urlaub im Herkunftsland zurück als ihr Ehemann. Der bleibt noch dort, wickelt einige Dinge für die Eltern ab und möchte anschließend nachkommen. Doch Esra hält die Demütigungen und Schläge nicht mehr aus, die schon lange an der Tagesordnung sind. Sie nimmt ihren ganzen Mut zusammen und meldet sich am Flughafen Düsseldorf bei der Polizei. Dort schildert sie ihre unerträgliche häusliche Situation. Schnell und unbürokratisch wird ihr geholfen. Ein soziales Hilfswerk wird eingeschaltet und ein Platz im Frauenhaus gefunden.

Nach der ersten Nacht geht dann erst mal eine Odyssee von einer Behörde zur anderen los. „Jugendamt und Ausländeramt etwa“, sagt Renate Wallraff. „Es werden Dolmetscher benötigt und viele ehrenamtliche Helfer, die mit anpacken und die Frau mit Rat und Tat unterstützen. „Oft mangelt es an Geld“, sagt Wallraff. „Zum Glück gibt es soziale Hilfswerke, die unter die Arme greifen. Das Land Nordrhein-Westfalen hat darüber hinaus einen Topf, aus dem wir schon mal Gelder für Härtefälle abrufen können.“

Wichtig sind die Kontakte zu Frauen in ähnlichen Situationen. Im Frauenhaus hat jede ihr eigenes Zimmer. Bad, Küche, Aufenthaltsraum werden gemeinsam genutzt. Da ergeben sich Gespräche. Man macht sich gegenseitig Mut, baut die auf, die ganz unten sind, ist behilflich beim Erlernen der deutschen Sprache. Einkaufen können die Frauen anfangs mit Gutscheinen. Doch sehr zeitnah brauchen das Jobcenter oder die Sozialämter Belege, die die Frauen dringend herbei schaffen müssen, Kontoauszüge etwa oder ihre Versichertenkarten.

Nicht selten sind es die Kinder, die ihre Mütter motivieren, aus der Ehe auszubrechen und sich mit ihnen auf die Flucht in eine sicherere Zukunft zu machen. „Manche haben die Hölle durchlitten“, erzählt Renate Wallraff. „Die Kinder mussten ihre geschlagenen Mütter medizinisch versorgen und lebten ständig in der Angst vor dem gewalttätigen Vater.“

50 Prozent der geflohenen Frauen gehen wieder zurück zu ihren Ehemännern. Viele von ihnen stehen dann irgendwann wieder in der Beratungsstelle. „Manche brauchen ganz einfach einen zweiten Anlauf“, weiß Renate Wallraff. Hinzu kommt: Frauen halten oft an der Ehe mit ihrem gewalttätigen Mann fest, weil er das Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder einklagt.

Hin und wieder kommt es auch vor, dass gewalttätige Männer den Aufenthaltsort ihrer Frauen herausfinden. „Obwohl wir den Frauen einschärfen, ihr Smartphone auszuschalten und sich ein Kartenhandy zum Telefonieren anzuschaffen, verharmlosen sie die Situation. Und das kann fatale Folgen haben. Denn der Aufenthaltsort der Frauen kann sehr schnell ermittelt werden, wenn sie im Internet oder bei Facebook aktiv sind“, sagt Renate Wallraff. Ihr stockt die Stimme, als sie von einem besonders schlimmen Fall erzählt. Im vergangenen Jahr wurde eine Bewohnerin des Frauenhauses Alsdorf von ihrem Ehemann erstochen. „Sie fuhr in eine andere Stadt, um dort ihren Mann zu treffen. Die Sache eskalierte. Der Mörder wurde gefasst.“

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