Frauenhaus 2.0 könnte ein Familien-Krisenzentrum sein

Von: Claudia Dechamps
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Die meisten Frauen, die wegen Gewalt vor ihrem Partner fliehen, wollen die Beziehung nicht beenden. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Aachen. Eigentlich alle Frauenhäuser kennen das Phänomen: Eine Frau kommt nach den Gewaltattacken ihres Partners ins Frauenhaus, stabilisiert sich und geht nach kurzer Zeit wieder zurück in die Beziehung – um dann einige Zeit später erneut im Frauenhaus aufzutauchen.

Rund 40 Prozent der betroffenen Frauen wollen die Beziehung trotz massiver Gewalt nicht beenden, aus welchen Gründen auch immer. Der Kreislauf bleibt, in Konfliktsituationen wissen sich die Paare nicht anders zu helfen, als sich anzuschreien, zu beschimpfen oder zu schlagen. Eine völlig unbefriedigende Situation für alle Beteiligten, beklagt Ursula Braun-Kurzmann, Geschäftsführerin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Aachen.

Mit einem neuen Ansatz will der SkF nun, so der Titel des Angebots, „Neue Wege gehen“. „Wir versuchen, das ganze Familiensystem besser zu stützen, also systemisch zu arbeiten“, beschreibt Braun-Kurzmann das veränderte Konzept. Das Kursangebot, das der SkF mit dem Katholischen Beratungszentrum gestartet hat, unterstützt Frauen gemeinsam mit ihren Partnern, die gern die Gewalt beenden möchten, aber nicht ihre Beziehung. In bis zu zehn Beratungssitzungen lernen Risikopaare, Ideen für ein gewaltfreies Leben zu entwickeln und ihren Alltag neu und ohne Gewalt zu gestalten.

Das Umdenken in der sozialen Arbeit der Frauenhäuser begleitet und unterstützt die Aachener SPD-Landtagsabgeordnete Daniela Jansen. Als Vorsitzende des Landtagsausschusses für Frauen, Gleichstellung und Emanzipation votiert sie für Blicke über den Tellerrand: „Mit dem Ausschuss haben wir uns Konzepte in Norwegen und den Niederlanden angeschaut. Dort wird ein systemischer Ansatz praktiziert. Es gibt Krisenzentren, wo man sich um die gesamte Familie kümmert.“

„Oranjehuis“ als Vorbild

Als eines der Pilotprojekte in Richtung Krisenzentrum arbeitet das „Hexenhaus“ in Espelkamp im Kreis Minden-Lübbecke. „Wir haben die Adresse unseres Frauenhauses nach dem Vorbild des niederländischen ‚Oranjehuis‘ öffentlich gemacht und arbeiten mit einem systemischen Ansatz, der Kinder und im Endeffekt auch Partner einbezieht“, erklärt Geschäftsführerin Elke Schmidt-Sawatzki. Das offene Konzept erfordere zusätzliche und neue Sicherheitsmaßnahmen und direkte Kooperationen mit der Polizei. Aber es hole die Frauen auch aus der Opferrolle und mache deutlich, dass Gewalt in Beziehungen immer das ganze System betreffe. Entsprechend gibt es Kooperationen mit der Erziehungsberatungsstelle, der Familienberatung des Diakonischen Werkes und den übrigen Angeboten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Für Hilfesuchende sei das ausdifferenzierte deutsche Unterstützungssystem oft schwer zu durchblicken, sagt Sozialpolitikerin Jansen. Ein Krisenzentrum als zentrale Anlaufstelle könne vernetzter und effektiver arbeiten. Als gut funktionierendes Beispiel führt Ursula Braun-Kurzmann den Nachbarschaftstreff des SkF in der Aachener Robert-Koch-Straße an. Dort sei eine Mitarbeiterin zunächst Ansprechpartner für alles und steuere dann die weiteren Hilfsangebote. „Im Prinzip wollen wir genau da hin“, sagt Daniela Jansen. Noch in diesem Monat stellen die Pilotprojekte ihre Arbeit im Landtag vor.

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