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Frau Benz besucht Mercedes in Aachen

Von: Marlon Gego
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Ein Auto, das ihren Namen trä
Ein Auto, das ihren Namen trägt: Jutta Benz neben einem Benz von 1912 in der Mercedes-Benz-Niederlassung gestern in Aachen. Das Auto hat ihr Urgroßvater gebaut, Carl Benz. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Als Jutta Benz so gerade mit dem Laufen anfing, da schrieb ihre Urgroßmutter ihrem Vater einen Brief. Die Jutta, schrieb die Urgroßmutter 1943, die werde wohl mal „ein ganz patentes Persönchen” werden.

Die Urgroßmutter, das war Bertha Benz, die mit ihrer Entschlusskraft und ihrem Geld ihrem Mann Carl ermöglichte, das Auto zu erfinden. Und Bertha Benz war nicht nur eine Frau der Tat, sie war offenbar auch eine gute Menschenkennerin. Denn die Jutta, davon konnte man sich gestern in Aachen überzeugen, die ist in der Tat „ein ganz patentes Persönchen” geworden.

Natürlich ist Jutta Benz, 69, nicht einfach nur mal so nach Aachen gekommen, der Anlass ist das 100. Jubiläum der Aachener Mercedes-Niederlassung, das gestern Abend mit einem Fest begangen wurde. Mit dem Jubiläum wechselt auch die Leitung der Niederlassung, Matthias Hindemith wechselt in die Geschäftsleitung der Berliner Vertriebszentrale, sein Nachfolger in Aachen heißt Jochen Dimter. Und weil solche Anlässe nicht alle Tage kommen, hat die Niederlassung einfach mal den letzten lebenden Menschen aus der Familie des großen Carl Benz eingeladen, der seinen Namen trägt.

Jutta Benz sitzt am Nachmittag vor dem großen Fest auf einem Sofa im Séparée der Neuwagenausstellung und erzählt von ihrer Familie und aus ihrem Leben. Und wie sie ihrem Vater, der auch Carl hieß, Carl Benz Junior, kurz vor seinem Tod Ende der 90er Jahre versprechen musste, die Erinnerung an den Namen Benz am Leben zu halten. Jutta Benz sagte einfach mal „ja”, aber ohne groß zu überlegen, sie ahnte ja nicht, dass es mit ihrem Vater so schnell zu Ende gehen würde.

Anfang der 60er Jahre kehrte sie einem großen Teil ihrer Familie den Rücken, die großspurigen Geschichten ihres Großvaters Eugen und die ewigen Familienstreitereien ums Erbe und um den Restruhm hatten ihr den Umgang mit dem Vermächtnis ihres Urgroßvaters vermiest. Sie sah, wie ihr Vater und andere in der Familie daran scheiterten, auch nur annähernd so groß zu werden wie Carl Senior. Wie soll man es auch einem Vorfahren gleichtun, der mit seiner Erfindung die ganze Welt verändert, revolutioniert hat?

Jutta Benz wurde Lehrerin, heiratete und legte ihren Namen ab. Sie sagt: „Das war eine Befreiung.” Während ihr Vater eine kleine Erfindung nach der nächsten machte, von denen aber niemand groß Notiz nahm, verbrachte sie die Ferien mit Rucksacktouren durch Asien und Südamerika. Es würde sich gut anhören zu schreiben, sie lief auf diese Weise ihrer Familie und dem großen Namen davon, aber sie sagt: „Quatsch. Ich war einfach nur neugierig.”

Als ihr Vater starb, stand sie im Wort, das sie ihm gegeben hatte. Sie nahm ihren Mädchennamen wieder an und beschäftigte sich mit der Geschichte des Urgroßvaters, mit seinem Vermächtnis - das aus vielem, aber nicht aus Geld bestand: Übermäßig viel haben weder die Benz, noch die Daimlers mit ihren Erfindungen und Errungenschaften verdient.

Zu dieser Zeit hieß Daimler-Benz DaimlerChrysler. Erst als 2007 die unselige Fusion wieder gelöst worden war, nahm Jutta Benz zum ersten Mal Kontakt zu Vorstandschef Dieter Zetsche auf und lud ihn ins Carl-Benz-Museum nach Ladenburg bei Mannheim ein. Zetsche kam, ließ sich das Versprechen abnehmen, dass Daimlers Autos „Mercedes-Benz” heißen werden, solange er Einfluss darauf hat. Und weil er offenbar auch fand, dass die Jutta „ein ganz patentes Persönchen” ist, machte er sie zur Markenbotschafterin der Daimler AG. Vergangenes Jahr, zum 125. Jubiläum der Daimler AG, trat sie etwa 60 Mal für das Unternehmen auf.

Dass das Vermächtnis ihres Urgroßvaters ihr zur Lebensaufgabe geworden ist, kann man nicht sagen. Wer will, dass sie als Carl Benz Urenkelin auftritt, kann sie kontaktieren. Sie kommt dann gern, aber nur gegen eine Spende. Das Geld ist an ein Waisenhaus in Sri Lanka zu überwiesen. „Das”, sagt Jutta Benz, „ist eine meiner Lebensaufgaben.” Und spätestens jetzt weiß man, dass die Urgroßmutter mit ihrer Einschätzung damals, 1943, ganz gut lag.
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