Frank Pohle erläutert das Aachener Wirren um die Religion

Von: Peter Pappert
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Professor Dr. Frank Pohle (47) ist Leiter der Aachener „Route Charlemagne“, an der sich die historisch relevanten Gebäude und Museen der Stadt gruppieren. Foto: Krömer
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Die „Aachener Petition“: Am 10. April 1559 wandten sich die Aachener Protestanten mit einer förmlichen Eingabe an Kaiser Ferdinand I. und die Kurfürsten, Reichsfürsten und sonstigen Reichsstände mit der Bitte, allen Bekenntnissen in Aachen die freie Religionsausübung zu erlauben. Das Gesuch wurde abgelehnt. Foto: Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland (Düsseldorf)

Region. Aachen in der zweiten Hälfte des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts: Katholiken, Reformierte und Lutheraner leben zusammen; respektieren und bekämpfen, dulden und schikanieren sich gegenseitig. Es ist eine für die damalige Zeit ungewöhnliche und auf Ausgleich bedachte Koexistenz.

Den „dritten Weg“ nennt es Frank Pohle, der an der RWTH Aachen zur Regionalgeschichte forscht und das Aachener Stadtmuseum, das Centre Charlemagne, leitet. Dort widmet sich die Ausstellung „Das Ringen um den rechten Glauben“ ab kommenden Freitag diesem hochspannenden Thema.

500 Jahre Reformation: Man denkt an Wittenberg, an manche andere Orte vor allem im Osten Deutschlands, aber nicht gerade an Aachen und die hiesige Region. Wie war es hier mit den Protestanten in den ersten Jahren und Jahrzehnten nach Luthers Thesenanschlag?

Frank Pohle: Es gab reformatorische Strömungen, die primär lutherisch geprägt waren, aber keine klar erkennbare Struktur hatten. Man wartete auf ein großes Konzil, das die Glaubensstreitigkeiten klärt. Es war eine diskussionsfreudige Zeit. In den 40er Jahren des 16. Jahrhunderts kamen erste Glaubensflüchtlinge aus Flandern nach Aachen; 1544 waren darunter 30 qualifizierte Weber.

Das behandelte der Aachener Stadtrat als eine Art Wirtschaftsförderungsmaßnahme und siedelte sie an. 1563 wurden 13 calvinistische Familien aus Antwerpen mit ihrem Prediger in der Stadt aufgenommen. Als die Spanier 1576 Maastricht eroberten und die Bevölkerung niedermetzelten, wichen viele Maastrichter nach Aachen aus.

 

Was durften sich die Aachener erlauben – und was nicht?

Pohle: Es ging zunächst einmal um die große Frage, wer Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation ist und unter dem Schutz des Kaisers steht. Das vorherrschende Rechtsverständnis war: ein Reich, ein Kaiser, eine Religion, die vom Papst vertreten wird. Immer mehr Fürsten des Reiches – also wichtige Repräsentanten des Rechtssystems – wollten mit dem Papst in Rom aber nichts mehr zu tun haben. Das war ein Problem.

Deshalb formulierte Philipp Melanchthon 1530 die „Confessio Augustana“, das Augsburger Bekenntnis.

Pohle: Er sollte aufschreiben, woran die Evangelischen glauben. Diese Bekenntnisschrift sollte die verbindliche Grundlage für alle im Reich sein. Melanchthon betonte vor allem das Gemeinsame beider Kirchen – nicht immer zu Luthers Zufriedenheit. Damit gab es aber eine Basis, um den Protestantismus reichsrechtlich zu integrieren. Darauf fußte der Augsburger Religionsfrieden von 1555.

Der geht ein Stück weiter.

Pohle: Ja. Er geht von zwei Konfessionen im Reich aus. Und den Landesherren wird freigestellt, den Glauben der Untertanen zu bestimmen.

Das Prinzip: „Cuius regio eius religio“ (wessen Gebiet, dessen Religion).

Pohle: Das steht wörtlich gar nicht drin, bringt es aber auf den Punkt.

Das war also die politische Großwetterlage. Kommen wir wieder zur Region. Gab es einen rheinischen Protestantismus?

Pohle: Als Bekenntnisgemeinschaft nicht. Es gab hier andere Ausprägungen. Nur ganz wenige, ganz kleine Territorien entschieden sich aufgrund des Augsburger Religionsfriedens, evangelisch zu werden. Die meisten blieben katholisch, ohne konfessionell homogen zu sein. Unter dem Einfluss des Humanismus in seiner rheinisch-niederländischen Prägung (Erasmus von Rotterdam) wurde versucht, der Konfession nicht zu viel Bedeutung zu geben. Der Herzog von Jülich, Wilhelm V. (1516-1592), war einer der Hauptvertreter dieser Denkweise. Er wollte gute und treue Untertanen; wo die sich religiös verorten, war ihm gleich, solange sie die Herrschaft nicht infrage stellten.

Er war reformfreundlich?

Pohle: Er war sicher reformfreundlich; überzeugt, dass die Kirche eine Reform braucht. Er war geprägt von seiner humanistischen Erziehung und seinen humanistischen Beratern. Die führten an seinem Hof viele bemerkenswerte Diskurse über Religionsfreiheit. Er war Katholik und musste es auf Druck des Kaisers bleiben. Aber er ließ in seiner Umgebung viel Freiheit walten. Er hatte lutherische Hofprediger. Die Söhne wurden katholisch, die Töchter lutherisch erzogen.

Ziemlich liberal.

Pohle: Ja, durchaus. In Jülich, in Aachen, am Rhein überhaupt organisierten sich die Konfessionen unter der Oberfläche selbst. Der Protestantismus baute sich hier also von unten her auf.

Kirche von unten.

Pohle: Ja. Es war sehr vielfältig.

Entsprang diese Vielfalt einer toleranten Grundhaltung?

Pohle: Ich würde es eher pragmatisch nennen. Toleranz setzt voraus, dass ich das Andere auch wertschätze. Das kann man für jene Zeit nicht sagen. Es ging um das Funktionieren von Gemeinwesen, von Städten und Territorien. Aus Unterschieden keine Konflikte entstehen zu lassen, war einfach vernünftiger. Also verständigte man sich auf ein pragmatisches Nebeneinander – etwa in Aachen. Aachen hatte damals latent Angst, keine Reichsstadt mehr zu sein, sondern vereinnahmt zu werden. Um dagegen zu bestehen, musste man nach außen hin einig sein.

Also friedliche Koexistenz.

Pohle: Ja, darum bemühte man sich.

Die „Aachener Petition“ vom 10. April 1559 an Kaiser Ferdinand I. sowie die Kur- und Reichsfürsten beruft sich auf den Augsburger Religionsfrieden. Was wollte man damit erreichen?

Pohle: Es war eine Bittschrift vornehmlich angesehener protestantischer Aachener Bürger mit dem Ziel, in Aachen allen Bekenntnissen freie Religionsausübung zuzugestehen. Konkret ging es um die Fragen: Dürfen wir eine Kirche bauen? Dürfen wir einen Friedhof einrichten? Dürfen wir Prediger berufen? Kaiser Ferdinand I. lehnte das Gesuch ab.

Wie war die Reaktion in Aachen?

Pohle: Zwiespältig – man musste vorsichtig sein. Denn wenn die Politik der Integration von Konfessionen nach außen zu offensichtlich wurde, musste man auch mal wieder einen Schritt zurückgehen und demonstrieren, dass man gegen Ketzer vorgeht. 1560 beschloss man einerseits, alle Wiedertäufer und den protestantischen Bürgermeister Adam von Zevel auszuweisen, andererseits nahm man 1563 calvinistische Flüchtlinge aus Antwerpen auf. Als sich der spanische König darüber beschwerte, antwortete die Stadt, man werde künftig nur noch Katholiken aufnehmen – klassische Schaukelpolitik.

Was ist die „Causa Aquensis“?

Pohle: Das war ein fast jahrzehntelanger Streitfall auf diversen Reichstagen. Er betraf die Frage, ob und wie in einem konfessionell gemischten Gemeinwesen politische Gleichberechtigung ermöglicht werden darf. 1580, als die Bevölkerungsmehrheit in Aachen protestantisch war, wurden mehr Protestanten als Katholiken in den Stadtrat gewählt. Der Streit darum eskalierte, und die Hardliner-Katholiken wurden aus Aachen vertrieben.

Das ist aber schon allerhand.

Pohle: Das ist allerhand. Die Vertriebenen bilden eine Gegenregierung in Kornelimünster und machen reichlich Stimmung gegen die Vorgänge in Aachen. Der Aachener Rat ist allerdings ein konfessionell gemischter; Katholiken sind drin – wenn auch in der Minderheit. Das sind diejenigen, die weiter auf Ausgleich bedacht sind.

Mussten die Aachener das Eingreifen des Kaisers befürchten?

Pohle: Natürlich, daraus ergibt sich ja die „Causa Aquensis“. Der Stadtherr der Reichsstädte war der Kaiser, der gemäß dem Augsburger Religionsfrieden zu bestimmen hatte. Das hätte er auch gerne getan. Auf dem Reichstag gab es aber auch protestantische Fürsten, die als Fürsprecher der protestantischen Gemeinwesen auftraten und darauf hinwiesen, dass in Aachen nicht die Reformation eingeführt worden sei, sondern lediglich ein konfessionell gemischter Rat regiere. 1593 machte der Kaiser schließlich doch Gebrauch von seinem Recht als Stadtherr und fällte das Urteil, den katholischen Rat wiedereinzusetzen. Das wurde in Aachen aber nicht umgesetzt.

Und dann?

Pohle: Dann ist es immer die Frage, wer die nötigen Zwangsmittel in der Hand hat. Der Kaiser ist es in diesem Fall nicht, denn er ist gerade im Krieg gegen die Türken. 1598 hat er sie dann, droht mit der Reichsacht und lässt von den Niederlanden her spanische Truppen anrücken. Weil er einen Einmarsch befürchten muss, gibt der Rat nach und tritt ab. Die Katholiken kehren im Triumphzug nach Aachen zurück.

Das ist politisch eine spannende Situation.

Pohle: Sehr spannend. Als die katholische Seite später endgültig gewonnen hat, wird jenen Katholiken, die im protestantisch dominierten Rat geblieben sind, abgesprochen, katholisch zu sein.

Zwischen 1611 und 1614 gab es aber erst noch einmal eine protestantische Mehrheit im Rat.

Pohle: Der war rein protestantisch.

Wie konnte das denn passieren?

Pohle: Durch einen Aufstand. Nach dem Rücktritt 1598 werden die Protestanten relativ glimpflich behandelt. Es gibt aber repressive Maßnahmen: Die Protestanten dürfen in den Zünften nicht mehr über politische Fragen abstimmen und ihre Schulen werden verboten. 1611 greifen Protestanten zu den Waffen, weil der Rat die Stadttore schließen lässt, als sie Gottesdienste außerhalb der Stadt besuchen wollen. Sie bewaffnen sich und setzen den Rat ab. Bevor der Kaiser reagieren kann, stirbt er. 1612 stirbt auch noch der Kölner Erzbischof. Solange es keinen neuen Kaiser gibt, regiert das Reichsvikariat; das teilt sich nun der Kurfürst von Sachsen, ein Lutheraner, mit dem Kurfürsten von der Pfalz, einem Reformierten.

Da haben die Aachener Protestanten ja richtig Glück gehabt.

Pohle: Bis 1614. Der neue Kaiser fällt sein Urteil, der Aachener Rat verweigert sich, der kaiserliche Bote wird sogar verprügelt. Das ist Majestätsbeleidigung. Der Kaiser verhängt die Reichsacht – nicht über die Stadt, aber über den Rat. Die wird wieder mit Hilfe der spanischen Truppen vollstreckt, die mit 10 000 Mann über den Aachener Königshügel kommen und sich für eine zünftige Belagerung einrichten. Der Rat tritt zurück; die meisten Mitglieder fliehen. Der Sachverhalt wird zwei Jahre lang juristisch aufgearbeitet. Es werden sieben Todesurteile verhängt, zwei vollstreckt; 75 Familien werden ausgewiesen und den Aachener Protestanten das Bürgerrecht genommen. Damit ist Aachen dann katholisch.

Der „dritte Weg“, wie Sie ihn in der Ausstellung im Centre Charlemagne nennen, war damit zu Ende.

Pohle: Der war zu Ende, auch wenn er in unserer Gegend in den Köpfen vieler Kommunalpolitiker noch lange nachwirkte.

Kann man aus der „Causa Aquensis“ für die heutige Situation der Koexistenz unterschiedlicher Religionen und der notwendigen Integration in unsere Gesellschaft etwas lernen?

Pohle: Das will ich doch hoffen. Wir möchten mit unseren Ausstellungen Gegenwartsbezüge herstellen. Heute ist die Ausgangslage mit rund 30 Glaubensgemeinschaften in der Stadt Aachen komplizierter. Damals wie heute bewegt aber die Menschen die Frage, wie können wir in einem Gemeinwesen leben, auch wenn wir Unterschiedliches glauben und uns vielleicht gar nicht mögen. Ob das gewaltbereite 17. Jahrhundert darauf immer die richtigen Antworten gefunden hat, ist eine andere Frage. Jedenfalls gab es damals in unserer Region den Versuch, das Problem nicht durch Konfrontation und Konflikt zu lösen, sondern andere Möglichkeiten zu finden.

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