Fotos, Musik, Heimat: Dieter Kaspari ist das Bewahren wichtig

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
12640273.jpg
Hier kennt er sich aus, hier hat er viel erlebt: Dieter Kaspari beim Gang durch das Aachener Rosviertel. Foto: Dagmar Roeger
12640276.jpg
„Öcher Platt, das Straßenplatt, ist die beste Sprache für den Blues, so lebendig, so tief, das geht viel besser als mit Englisch“: Dieter Kaspari vor der Kirche St. Jakob. Foto: Dagmar Roeger
12640274.jpg
An das Geschehen in diesem Umfeld hat er viele Erinnerungen: Dieter Kaspari am Aachener Roskapellchen, wo diese Engelsfigur steht.

Region. Was fällt einem bei Dieter Kaspari als Erstes ein? Klar, Begriffe wie Öcher Urgestein, Bluesmusik, Strickmütze, Sonnenbrille, Mundart inklusive Thouet-Mundartpreis, das Aachener Rosviertel mit seinen Streuengelchen-Histörchen. Aber eigentlich ist bei ihm am wichtigsten: Der Mann, Jahrgang 1947, der seit 1965 mit der Gitarre unterwegs ist, lebt seine Leidenschaften mit viel Liebe und großer Beharrlichkeit. Dazu gehörte früher auch sein Broterwerb – die Werbefotografie, die Entwickelung von Ideen für profane Dinge.

Schließlich galt es, für die Familie mit Ehefrau und zwei Kindern zu sorgen. „Aber das habe ich gern getan, es hat mich weitergebracht“, sagt er heute schmunzelnd.

Nächstes Jahr am 7. Dezember feiert Kaspari seinen 70. Geburtstag und ist kreativer denn je, plant eine neue CD, für die er allerdings noch den Sponsor sucht, und blickt fast ein wenig ungläubig auf sein facettenreiches Leben. Wenn es um die wilden Jahre geht, wird der Mann, der so wunderbar erzählen kann, ein wenig wortkarg. Ja, ja, der Rock’n’Roll und alles, was dazugehört – damals, ein kleines Zimmer in der lauten Innenstadt, zahllose Nächte in rauchigen Kneipen und auf angesagten Bühnen, verschlafene Tage, Blues und Rock mit der Band Truss, die der gebürtige Aachener mit Charly Büchel gegründet hatte (siehe Box unten: Konzert).

Am liebsten im Garten

Heute bewohnt Kaspari mit seiner Frau Margot in Alsdorf ein kleines Haus. Tochter und Sohn haben den Eltern drei Enkelkinder beschert. Kaspari sitzt bei Sonnenschein am liebsten im schönen Garten – ländlich, Retriever-Hündin Lola treu an seiner Seite, ein Buch, ein paar Hühner und drei Katzen.

Doch der Blues ist niemals vorbei. Kas-pari trägt ihn als Lebensgefühl ganz tief im Herzen. Da kann es auch schon mal sehr dunkel werden. Beim Musizieren trifft er gute Freunde wie Uwe Böttcher, den unkonventionellen Geiger und Bassisten, Franz Brandt am Keyboard oder den Percussionisten Gerd Breuer, die sich auf seinen CDs (unter anderem „Blues mich jet“) wiederfinden. Kaspari komponiert und textet – stets heimatverbunden, immer nachdenklich, oft ganz schön frech.

Kasparis Gedanken kreisen jetzt, wo er schon ein bisschen älter ist, besonders intensiv um seine Lebensgeschichte, in der es allerhand Bewegung gab. Das Bewahren spielte dabei stets eine Rolle – etwa in der Industriefotografie, die er als Werbefotograf weiterentwickelte. „Da habe ich mich reingekniet, es hat mich fasziniert, und das hatte gleichfalls mit mir zu tun“, sagt er und schweigt einen Moment.

Eine wichtige Station auf dieser inneren Reise waren sicherlich Anfang der 90er Ausstellung und Buch unter dem Motto „Mit Wasser und Dampf...ins Industriezeitalter“ in Zusammenarbeit mit dem RWTH-Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtgeschichte. „Für mich galt die simple Philosophie: Wenn du was Interessantes siehst, kommen die Ideen.“

Nähe ist ihm wichtig – zur Musik, die er spürt, wenn er seine Gitarre umarmt, aber ebenso zu den Spuren gelebter Geschichte, die ihm in stillgelegten Industrieanlagen, Ruinen, Resten von Hallen, in denen einst ohrenbetäubender Lärm herrschte, noch greifbar erschienen. Was waren das für Menschen, die hier im Schweiße ihres Angesichts geackert haben? Vom Fotostudio aus – das war ihm klar – konnte er das nicht erspüren. „Ich bin dann ganz allein losgezogen, mein Rücksack mit der Fotoausrüstung war 20 Kilo schwer“, erinnert sich Kaspari. „Das gesamte Dreiländereck habe ich so wandernd erkundet und viele Industriebrachen gefunden, fotografiert, erforscht. Mir ging es um das Echo, das Echo des Lebens.“

Dabei war er ganz allein unterwegs, ein grüblerischer Wanderer zwischen den Welten. Manche Motive hat er sich schwer erarbeitet. „Manchmal musste ich sechs, sieben Mal hin, um das richtige Licht, das richtige Wetter und die beste Tageszeit zu finden“, erzählt er.

In Verviers fand er nicht nur Industrieanlagen sondern auch den alten, pittoresken Friedhof. „Das Morbide zieht mich an. Später wurde dort der Film ,Der kleine Vampir‘ gedreht, die hatten wohl meine Fotos gesehen“, lächelt er. Ein Auftrag des Eschweiler Bergwerkvereins (EBV), 1992 die Zechen unter dem Motto „Umbau statt Abriss“ zu dokumentieren, das festzuhalten, was nach den Schließungen nicht vergessen sein sollte, war ganz nach seinem Geschmack. „Das weckte natürlich Erinnerungen an meine Kindheit“, sagt er versonnen. „Mein Vater hat 37 Jahre unter Tage gearbeitet, davon 27 Jahre nur nachts. Wir haben im selben Bett geschlafen, wenn ich aufstand, ging er schlafen.“

Vater und Mutter: Sie leben in seinen Songs – etwa „Jong van ne Kullepitt“ oder „Esue wor dat met ming Mamm“. Überhaupt die Mama: wenig Geld, mehrere Putzstellen, neben Dieter noch zwei Brüder, eine herzliche und resolute Frau. Das Leben rund um die Aachener Pfarrkirche St. Jakob, speziell im damals sozialen Brennpunkt „open Rues“, ist ihm wichtig, hat ihn geprägt. Trümmergrundstücke als Spielplätze, die „roten Laternen“ an den Hinterhöfen mancher Häuser, Menschengewimmel, wo schnell mal die Fäuste flogen, Alkohol, Armut bis zur konkreten Not – das war damals das Rosviertel, wo heute nur noch schön sanierte Bausubstanz und natürlich das kleine Roskapellchen ein wenig an damals erinnert.

Himmlische Aussicht

Und natürlich die Roskirmes mit ihrem Bonbons verschleudernden Streuengelchen – repräsentiert durch eine kleines, jährlich neu gewähltes Mädchen aus dem Viertel. „Die Armut war so groß, dass die Aussicht auf Süßes für viele himmlisch war“, sagt Kaspari. Dieter, der Nachkömmling, machte den Eltern Sorgen. „Sie hatten immer Angst, ich würde abrutschen“, erinnert sich der Musiker, der von den Rock’n’Roll-Platten der Brüder längst „infiziert“ war. Eine Leidenschaft war entfacht, die nie vergehen sollte.

Den brennenden Wunsch nach einer Gitarre wollten die Kasparis, die dafür eigentlich überhaupt kein Geld hatten, dem Jungen dennoch erfüllen: „Meine Mutter bestellte ein Instrument bei Quelle, das wurde in Raten abbezahlt“, erzählt er.

Die Musik blieb, die tiefe Beziehung zur Heimat manifestierte sich im Platt für den Blues: „Öcher Platt, das Straßenplatt, ist die beste Sprache für den Blues, so lebendig, so tief, das geht viel besser als mit Englisch.“ Und dann kommt ein kleines Funkeln in seinen Blick: „Manchmal gibt es Textpassagen mit ein paar Frivolitäten, ich liebe es, an die Grenzen zu gehen.“ Doch meistens bemerkt das nur Mundart-Poet Hein Engelhardt, der ihn dann ermahnt: „Musst du das so ordinär ausdrücken?“ Na ja, manchmal muss es eben sein.

Beim Singen ist Kaspari Autodidakt – sein Gesang ist typisch geblieben, ein bisschen grummelig, eben Dieter Kaspari. „Am Anfang war nach drei Tagen die Stimme weg“, gibt er zu. „Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.“ Ein gemeinsames Musizieren ist für ihn nur möglich, wenn es „auf der menschlichen Seite stimmt“. Mit Größen wie Champion Jack Dupree und anderen amerikanischen Blueslegenden war er unterwegs. Sein größter Wunsch heute: einfach leben.

Was mit Europa passiert, beunruhigt ihn, darüber denkt er nach, wenn er täglich eineinhalb Stunden mit dem Hund durch die Felder geht. „Das macht mir Sorgen, so Sachen wie der Brexit, Englands Austritt, ich denke da an nachfolgende Generationen“, sagt der Mann mit der stilisierten britischen Flagge auf dem T-Shirt. Da macht er schon Sinn, sein Schutzengel-Song: „Frij wie Vöüel“ (Frei wie Vögel)...

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert