Aachen - Forum Spezial: „Abschied von der Pflegestufe“

Forum Spezial: „Abschied von der Pflegestufe“

Von: Sabine Rother
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In Deutschland gibt es 2,8 Millionen Pflegebedürftige. Bisher wurden Leistungen aus der Pflegeversicherung nach drei Pflegestufen berechnet. Am 1. Januar 2017 tritt die zweite Stufe der Pflegereform in Kraft und mit ihr das System der fünf Pflegegrade. Unser Forum-Medizin Spezial am 5. Dezember widmet sich diesem Thema. Foto: Imago(McPhoto)

Aachen. Aus drei gesetzlich festgelegten Pflegestufen werden fünf Pflegegrade – am 1. Januar 2017 tritt die zweite Stufe der Pflegereform in Kraft und mit ihr ein neuer Begriff, der „Pflegegrad“. 2,8 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland werden automatisch in das neue Bewertungssystem übernommen. Was bedeutet das für Pflegebedürftige und Pflegende?

Wir fragen nach. Zum Thema „Abschied von der Pflegestufe“ findet am Montag, 5. Dezember, 19 Uhr, unser Forum-Medizin Spezial in Zusammenarbeit mit der AOK Rheinland/Hamburg im Presse-Kasino des Medienhauses Aachen, Dresdener Straße 3, 52068 Aachen, statt (Eintritt frei, Anmeldung erforderlich). Fünf Experten sprechen über die anstehenden Änderungen in der Pflege und beantworten Fragen.

Gute Strukturen

„Viele Menschen sind besorgt, das erfahren wir sehr direkt bei der ambulanten Pflege“, sagt Astrid Siemens, die vor 20 Jahren den „Visitatis“-Pflegedienst in Aachen gegründet hat. „Wir haben in Deutschland gute Versorgungsformen. Nun wird es sich zeigen, wie sie gelebt werden.“

Ziel der Reform ist es, körperlich Pflegebedürftige und Patienten mit eingeschränkter Alltagskompetenz wie Demenzkranke, psychisch Erkrankte und geistig Behinderte zusammen in fünf Pflegegrade einzustufen und ihnen Leistungen aus der Pflegeversicherung zukommen zu lassen.

„In unserer Beratung werden wir die neuen Möglichkeiten einbeziehen“, betont Stefanie Froitzheim, Leiterin der AOK-Servicestelle Demenz, die dort auf pflegende Angehörige trifft, deren Betreuungsaufwand extrem hoch ist.

Was sich jetzt bereits abzeichnet: „Wir haben in Zukunft die Möglichkeit, uns bei Bedarf einem Patienten intensiver zu widmen“, betont Astrid Siemens.

Zuständig für die Einordnung in einen Pflegegrad ist weiterhin der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Nordrhein (MDK). Steht er vor einer schwierigen Aufgabe? „Die Befundungen werden anfangs etwas länger dauern“, meint Manuela Herzhoff, Teamleiterin Pflege (MDK) in Aachen. „Jetzt haben wir die Möglichkeit, den individuellen Hilfsbedarf genauer zu ermitteln, das ist der Abschied von der Minuten-Pflege.“

Ab 1. Januar 2017 kann der Medizinische Dienst verstärkt Informationen über die jeweils konkrete Lebenssituation des Patienten umsetzen und in der „Befundung“ festhalten. „Unsere Begutachter sind inzwischen gut vorbereitet“, versichert Manuela Herzhoff, in deren Team alle Mitarbeiter pflegefachlich ausgebildet sind und in diesen Berufen gearbeitet haben.

Das neue Verfahren habe viele Vorteile für die Versicherten. So sei mehr Transparenz bei der Beurteilung gegeben als früher, der Medizinische Dienst habe zum Beispiel eine Stimme bei Therapieempfehlungen, die Rehamaßnahmen oder Krankengymnastik betreffen. Manuela Herzhoff denkt, dass damit nun die Hemmschwelle sinkt, überhaupt einen Antrag zu stellen.

Und was sagen die Kostenträger? „Wir stellen eine deutliche Stärkung der ambulanten Pflege fest“, sagt Bernd Claßen, stellvertretender Regionaldirektor der AOK Rheinland/Hamburg in der Städteregion Aachen. Eine Verbesserung, die er für besonders wichtig hält: Ab zehn Wochenstunden Pflege werden ab 2017 für Angehörige Rentenversicherungsbeiträge in die Pflegekasse bezahlt.

Besorgte Versicherte beruhigt er: „Es verliert niemand seine Einstufung. Die Überleitung von den Pflegestufen zu entsprechenden Pflegegraden erfolgt bei allen Pflegekassen automatisch. Die Zahlungen gehen weiter.“ Eine Antragsflut erwarten die Versicherer in Deutschland nicht. Allerdings – so schätzt Claßen – kann man in NRW mit rund 20.000 Patienten rechnen, die aufgrund der neuen Kriterien erstmals das Anrecht auf Leistungen aus der Pflegeversicherung haben. „Das sind jene mit dem Pflegegrad ,Null‘. Sie bekommen jetzt Zuwendungen.“ Was weiterhin nicht als „Pflege“ gilt und nicht bezuschusst wird, sind Haushaltshilfen, die putzen oder einkaufen.

Im stationären Bereich wird es ab 1. Januar 2017 allerdings unbequeme Veränderungen geben. Betrug hier der Zuschuss bei eine Pflegestufe 1 (demnächst Pflegegrad 2) 1064 Euro, so werden für den Heimbewohner ab 1. Januar 2017 nur noch 770 Euro gezahlt. „Man strebt an, die Pflegestufe 1 aus der stationären Versorgung herauszuhalten, es gibt allerdings Regelungen, damit sich niemand verschlechtert“, meint Claßen. Im Blick auf die Mittel, die eine Einrichtung braucht, um die Versorgung zu gewährleisten, sieht Peter Rode, Leiter des Caritas-Altenheims St. Elisabeth in Aachen, die anstehende Neuordnung eher kritisch.

„Es kann zu Schwierigkeiten kommen, wir haben schließlich viele Gehälter zu zahlen und auch andere hohe Kosten.“ Angesichts grundsätzlicher Bestrebungen, die ambulante der stationären Versorgung vorzuziehen, gibt Rode zu bedenken: „Das ist nicht für jeden ein Glück. Wir haben Bewohner, die waren zu Hause vereinsamt und lebten hier auf.“ Wer genauere Auskunft benötigt, kann eine Pflegeberatung nutzen, auf die sogar ein Rechtsanspruch besteht.

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