Forum Medizin: Wenn Ärzte und Politiker emotional werden

Von: Marlon Gego
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Diskutierten am Dienstagabend im Klinikum über die Sterbehilfe: Georg Psota (2.v.l.), Präsident der österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Frank Ulrich Montgomery (Mitte), Präsident der Bundesärztekammer und Rutger van der Gaag (2.v.r.), Präsident der niederländischen Ärztevereinigung. Anlass war die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke Menschen im Nationalsozialismus“, die derzeit in Aachen läuft und Ende des Jahres auch in Wien zu sehen sein wird. Moderiert wurde das Forum Medizin von Sabine Rother und Bernd Mathieu. Foto: Stephan Rauh

Aachen. Es kommt nicht so furchtbar häufig vor, dass Frank Ulrich Montgomery öffentlich emotional wird, Montgomery ist das Licht der Öffentlichkeit gewohnt, im Laufe der Jahrzehnte hat er in Tausende Kameras und Mikrofone gesprochen.

Aber am Dienstagabend im Aachener Klinikum hielt er einen leidenschaftlichen Vortrag, und als er alle seine Argumente aufgezählt hatte, präsentierte er zum Abschluss noch eine Art Kronzeugen für seine Sicht auf die Sterbehilfe. Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, zitierte ein Gedicht von Matthias Claudius, es heißt „Auf einen Selbstmörder“ und beginnt so:

„Er glaubte sich und seine Not Zu lösen durch den Tod. Wie hat er sich betrogen!“

In der Tat wird in Deutschland kaum ein Thema im Moment so kontrovers und leidenschaftlich diskutiert wie die Sterbehilfe, selbst die Fraktionen im Bundestag haben keine jeweils einheitliche Meinung. Die Bevölkerung ist mehrheitlich für die Legalisierung der Sterbehilfe, doch wie Montgomery am Dienstagabend sagte, werden Gesetze eben nicht aufgrund von Meinungsumfragen gemacht.

Die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“, die derzeit im Centre Charlemagne in Aachen gezeigt wird, war Anlass für eine Spezialausgabe des Medizinforums unserer Zeitung im Klinikum.

Und ebenso wie die Ausstellung schlug das von Redakteurin Sabine Rother und Chefredakteur Bernd Mathieu moderierte Medizinforum am Dienstagabend den Bogen von der Euthanasie im Dritten Reich zur aktuellen Sterbehilfedebatte in Deutschland. „Ein Wagnis“, wie Klinikumspsychiater Frank Schneider sagte. Schneider ist auch der Initiator der Ausstellung.

Der Präsident der niederländischen Ärztevereinigung, Rutger van der Gaag, vertritt eine sehr andere Auffassung als sein deutscher Amtskollege Montgomery. Van der Gaag stellt das Recht auf Selbstbestimmung über alle religiösen oder moralischen Aspekte der Debatte. „Ob Sterbehilfe moralisch gerechtfertigt sein kann“, sagte van der Gaag, „müssen Patient und Arzt jeweils für sich selbst entscheiden.“

In den Niederlanden ist die Sterbehilfe seit 2002 erlaubt, und kürzlich erst hat etwa das höchste kanadische Gericht entschieden, dass Ärzte Patienten beim Sterben helfen dürfen, ohne sich strafbar zu machen.

Rutger van der Gaag glaubt, dass die gesellschaftliche Sicht auf Leben und Tod im Wandel sei und deswegen die Akzeptanz der Sterbehilfe in vielen Ländern gestiegen ist. Dem Arzt komme bei der Sterbehilfe die Aufgabe zu, dem Patienten korrekte und ehrliche Informationen zu geben, auf deren Grundlage schwer kranke Patienten selbstbestimmt eine Entscheidung darüber treffen können, ob sie leben oder sterben wollen.

Der Hamburger Strafrechtler und Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, Mitglied im Deutschen Ethikrat, bemängelt, dass der Bundestag die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellen will, obwohl 150 Strafrechtler sich klar dagegen ausgesprochen hätten.

Von den 100.000 Suizidversuchen, die es jährlich geschätzt in Deutschland gebe, ließen sich nach Merkels Auffassung viele verhindern, wenn potenzielle Selbstmörder mit der Option zu einem Arzt gehen könnten, dass dieser Arzt ihnen beim Suizid behilflich sein darf. Allein das theoretische Bestehen dieser Möglichkeit und das Gespräch mit dem Arzt könne ausweglos erscheinende Probleme beheben oder lindern – nicht alle, aber eben viele, sagte Merkel.

Frank Ulrich Montgomery kennt van der Gaag und Merkel aus vielen Treffen und Gesprächen, aber die Gespräche haben nicht dazu geführt, dass eine gemeinsame Position entstanden wäre. Montgomery sagte: „Die Aufgabe des Arztes ist, Leben zu erhalten.“ Die Berufsordnung verlange, den Patienten beizustehen, und zwar bis zuletzt. Den Patienten einen Becher mit einen tödlich wirkenden Medikament hinzustellen und dann den Raum zu verlassen, sei mit dieser Berufsordnung nicht zu vereinbaren.

Und Montgomery befürchtet, dass die anhaltende Diskussion über die Sterbehilfe die Politik und die Kostenträger, also die Krankenkassen, auf die Idee bringen könnte, dass sich mit der Legalisierung von Sterbehilfe viel Geld für die weitere Behandlung schwer kranker Patienten sparen lassen könne. Auffallend, dass Montgomery von den fast 400 Besuchern den stärksten Applaus erhielt.

Doch die Ärztekammern der Republik sprechen keineswegs mit einer Stimme. Einige schreiben in ihre Berufsordnungen, dass Ärzte keine Hilfe zum Suizid leisten dürfen. In anderen Berufsordnungen heißt es, dass Ärzte keine Hilfe zum Suizid leisten sollen. Ein wichtiger Unterschied.

Der Aachener Bundestagsabgeordnete Rudolf Henke (CDU), Vorsitzender des die Krankenhausärzte vertretenden Marburger Bundes, stellte fest, dass die Diskussion über die Sterbehilfe in Deutschland nicht mehr unter dem Eindruck der Euthanasie im Dritten Reich stehe, die Henke als „Erblast“ bezeichnete. Auch er vertritt den Standpunkt, dass Ärzte keine Sterbehilfe leisten dürfen und unterstützt eine Gesetzesinitiative, die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid als Straftatbestand im Strafgesetzbuch aufnehmen möchte.

Am Ende wurde auch Henke emotional, und es gab einen Punkt, den er unbedingt noch loswerden wollte: In der Diskussion um die Sterbehilfe werde immer wieder von „würdevollem Sterben“ gesprochen. Henke sagte: „Das von Krankheit eingeschränkte Leben ist nicht würdelos!“ Würde werde nicht erworben, sondern das Leben an sich besitze Würde. „Auch der, der komplett auf Pflege angewiesen ist, hat Würde“, sagte Henke, und es gab lang anhaltenden Applaus.

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