Aachen - Forum Medizin: Ruhelos in der Nacht, erschöpft am Tag

Forum Medizin: Ruhelos in der Nacht, erschöpft am Tag

Von: Sabine Rother
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Aufzeichnung
Im Schlaflabor: Die Aufzeichnung zeigt eine Apnoe. Sie dauerte 43 Sekunden. Foto: dpa

Aachen. Schäfchen zählen? Lavendelduft atmen, Tee mit Baldrian und Hopfen, Milch oder warmen Kakao trinken? Die Liste der Einschlaftipps und Hausmittel ist lang. Doch vielfach hilft das alles nichts, sind Betroffene verzweifelt, weil sie an „Insomnie“, unter Ein- und Durchschlafstörungen, leiden, oft wach liegen und sich am Tag müde, gereizt und leistungsschwach fühlen.

Andere wieder schlafen zwar, sind aber tagsüber erschöpft mit einer Neigung zum plötzlichen Einschlafen – bei ihnen könnten mehrfache Atemaussetzer („Obstruktive Schlafapnoe“) die Ursache sein, eine Erkrankung, die das Herz-Kreislaufsystem schwer belastet: „Probleme mit dem Schlaf“ lautet das Thema beim Forum Medizin unserer Zeitung in Kooperation mit der Uniklinik Aachen am Dienstag, 5. September, im Aachener Klinikum, Pauwelsstraße 30.

Um 15 Uhr beginnt unser informatives Programm „Rat & Hilfe“ im „Seminarraum“ der Uniklinik (siehe Beitrag unten). Um 18 Uhr treffen Publikum und sieben Referenten im Hörsaal 4 zusammen. Hier werden die wichtigsten Aspekte zu Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen erläutert. Zusätzlich beantworten unsere Experten die Fragen der Zuschauer.

Schlafstörungen gehören zu den ältesten Gesundheitsproblemen. Millionen Menschen klagen in Deutschland darüber, dass sie abends keine Ruhe finden, nicht durchschlafen, dafür aber morgens zu früh aufwachen. „Vielfach sind wir als Apotheker die ersten Ansprechpartner“, sagt Gabriele Neumann. „Bei der Apotheke ist die Hemmschwelle niedriger als bei der Arztpraxis.“

Vielfach wird nach freiverkäuflichen Produkten gefragt. Helfen Baldriantropfen? „Sie schaden nicht . . .“, meint die Apothekerin diplomatisch. „Aber wir können die Menschen beraten. Wer zum Beispiel nachts dauernd zur Toilette muss, sollte seine Nieren prüfen lassen. Und auch Frauen in den Wechseljahren haben Schlafprobleme, gegen die man etwas tun kann.“

Ein Viertel der Bevölkerung spricht von einer schlechtes Schlafqualität, die zu den Symptomen einer bisher noch nicht festgestellten Erkrankung gehören kann. Das könnte eine Depression sein oder eine Erkrankung im Magen-Darm-Trakt, die sich durch einen nächtlichen Reflux, den Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre zeigt. Das führt zum Aufwachen unter Husten und Würgen.

„Bis zu 90 Prozent der Patienten mit einer psychischen Störung haben auch Schlafprobleme“, weiß Professor Michael Grözinger. „Wir brauchen aber Schlaf. Das Gedächtnis wird konsolidiert und die tagsüber verbrauchten Neurotransmitter, also biochemische Stoffe, die Reize von einer Nervenzelle zu einer anderen lenken, können sich erneuern.“ Wer unter Atemaussetzern („Obstruktive Apnoe“) leidet und stark schnarcht, hat zwar den Eindruck, er schlafe, doch tatsächlich wird er immer wieder kurz wach, wenn der Körper nicht mehr genug Sauerstoff erhält, Puls und Blutdruck absinken.

„Das Atemzentrum im Gehirn löst den Weckreiz aus, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt“, beschreibt Professor Michael Dreher eine solche Attacke, die sich mehrfach in der Nacht wiederholen kann. „Das Risiko, eine Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, steigt, solche Störungen führen häufig zu Gefäßerkrankungen.“ Das bestätigt Hermann Roth, Chefarzt der Kardiologie im Krankenhaus Düren. „Die Folgen können ernst sein. Im Schlaf wird zudem das Immunsystem aktiviert, finden Stoffwechselprozesse statt, werden Hormone produziert“, sagt Roth. „Wird das Gleichgewicht dieser Vorgänge gestört, kommt es zu Folgeerkrankungen.“

Was tatsächlich im Schlaf passiert, kann der Arzt nur im Schlaflabor feststellen, wo Messungen stattfinden, während der Betroffene schläft: Kommt es zu Atemaussetzern? Bewegen sich die Beine unkontrolliert („Restless Legs“), wie sieht es mit der Sauerstoffsättigung des Blutes aus? „Diese Untersuchungen gehören zur Frühdiagnostik bei Verdacht auf Demenz oder die Parkinsonsche Erkrankung“, erklärt Privatdozent Johannes Schiefer, Leiter des Schlaflabors der Uniklinik. Wieviel Schlaf braucht der Mensch? „Zwischen vier und 14 Stunden, das ist sehr unterschiedlich“, meint Schiefer. „Normalerweise spricht man von sieben bis acht Stunden.“

Vielfach werden Schlafstörungen durch ungesunde Lebensführung verursacht. „Übergewicht macht eine Menge aus“, versichert Yoga-Experte Sergey Dockter. „Die Organe leiden, wenn die Last des Körpers sie nachts drückt.“ Wer tagsüber weit mehr Kalorien aufnimmt als er verbraucht, nimmt zu und steigert das Risiko einer Erkrankung. „Täglich etwas für das Herz-Kreislauf-System tun, am besten eine Stunde lang, das hilft“, versichert Dockter.

„Man muss sich einmal am Tag anstrengen, das Herz klopfen hören, das funktioniert schon bei raschem Gehen.“ Er plädiert für eine „Mini-Fastenzeit“ von zehn Stunden, in denen sich Magen-Darm-System und Leber erholen. Üppige Mahlzeiten in Kombination mit Alkohol sind vor dem Schlafengehen tabu. Nicht zuletzt das „Kopfkino“ hält Menschen vom Schlaf ab, Sorgen und Ängste. Dockter: „Wer dauernd etwas tut, was er nicht tun will, wird schlecht schlafen.“

Das Gespräch mit dem Patienten ist daher für Bernhard Grundmann, Internist und langjähriger Hausarzt, wichtiges Element der Diagnostik. „Ich werde immer sehr aufmerksam, wenn mir jemand erzählt, dass er dauernd müde ist, obwohl er schläft“, meint er.

Stichwort „Schlafhygiene“: Der Schlafraum sollte dunkel, kühl und ruhig sein. „Es gibt gute Kissen oder Rollen, die den Nacken entspannen, das tut gut“, sagt Grundmann. Schlaftabletten? Hier ist der Internist sehr vorsichtig, denn viele Präparate können sehr rasch zur Abhängigkeit führen.

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